Manfred Spitzer spricht beim Jubiläum der VHS Künzelsau

Künzelsau  Hirnforscher Manfred Spitzer sorgt für Diskussionen beim Jubiläum der VHS Künzelsau. Warnung vor Bildschirmkonsum bei Kindern.

Von Sonja Reichert
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Seit 70 Jahren Bildung für alle

Auf die Frage von Bürgermeister Stefan Neumann, wer schon einmal einen Kurs der Volkshochschule besucht hat, gehen nach und nach fast alle Hände im Saal in die Höhe.

Fotos: Sonja Reichert

Alle Stühle sind besetzt, einige Gäste haben sich noch Stehplätze am hinteren Ende der Künzelsauer Stadthalle gesichert. Sie alle sind gekommen, um mit der Volkshochschule (VHS) 70. Geburtstag zu feiern. VHS-Leiterin Sonja Naegelin freut sich über das überwältigende Interesse an der Auftaktveranstaltung des Jubeljahres - und bedauert, dass sie auch Leute wegen Platzmangels abweisen musste.

Ein Saal voller Volkshochschüler

Bürgermeister Stefan Neumann konfrontiert die Gäste mit der Frage: "Wer von Ihnen hat in der Vergangenheit einen VHS-Kurs besucht?" Die Antwort ist ein Meer von hochgestreckten Händen. Er hält die VHS für einen starken Standortfaktor, sie sei ein Bildungsdienstleister und verlässlicher Partner. Die Notwendigkeit des lebenslangen Lernens unterstreicht er mit einem Zitat seines Opas: "Ab 21, Junge, baust du ab."

Hauptredner des Abends ist Professor Manfred Spitzer. Sofort zieht er die Zuhörer in seinen Bann. Zunächst geht er auf die Funktionsweise des menschlichen Gehirns ein. Diese Ansammlung von 100 Milliarden Nervenzellen wird durch Synapsen verbunden. Je größer die Anzahl der Synapsen, desto besser arbeitet das Gehirn. Aber das Gehirn müsse benutzt und beschäftigt werden, und zwar lebenslang. Indem das Gehirn beschäftigt werde, wachse seine Kapazität ins Unendliche.

Suchtpotenzial durch das Handy

Spitzer fragt: "Ist diese Erkenntnis schon in der Gesellschaft angekommen?" Seine Antwort ist klar: "Nein." Wenn Finger nur über eine Glasoberfläche wischen, finde kein Gehirntraining statt. Seine Untersuchungen ergeben, dass digitale Medien und Bildschirmkonsum der Gehirnentwicklung schaden und enormes Suchtpotential besitzen. Spitzer nennt es "aktive Verdummungsmaßnahme" und lehnt es kategorisch ab, Kinder und Jugendlichen den Zugang zu digitalen Medien zu erlauben. "Zu keinem Alter; wenn sie 18 sind, kann ich es nicht verhindern."

Seit 70 Jahren Bildung für alle

Hirnforscher Manfred Spitzer ist der Experte für die Funktionsweise des menschlichen Gehirns. Digitalen Medien steht er skeptisch gegenüber.

Und er fragt provozierend: "Mit welchem Alter würden Sie Ihre Tochter auf die Reeperbahn schicken?" Südkorea, das Land mit der größten Smartphone-Dichte und Heimat des Mediengiganten Samsung, habe schon Gesetze erlassen, die unter 19-Jährigen den digitalen Zugang zu Pornografie und Gewaltdarstellungen wegen der enormen Suchtgefahren verbieten.

Gefahr von Depressionen

Was solle man mit Kindern machen, die schon ganz viel drin seien, fragen Zuhörer. Spitzer gibt zur Antwort, dass man es nicht so weit kommen lassen dürfe. Und wenn Kinder depressiv werden, weil man ihnen das Smartphone verweigere? Das könne nicht sein, denn genau das Gegenteil sei der Fall, Kinder werden wegen Smartphone-Nutzung depressiv, weil sie nicht mehr miteinander reden und über das Handy gemobbt werden.

Und was, wenn mein Kind zum Außenseiter wird, weil es kein Smartphone hat? Stolz darauf sein, wenn andere Mist bauen, müsse mein Kind ja nicht auch noch Mist bauen.

Ehrungen und Diskussionen

Sonja Naegelin muss den Wissensdurst der Besucher schließlich ausbremsen und bittet, weitere Fragen am Büchertisch zu stellen, wo Manfred Spitzer seine Sachbücher signiert. Denn nun werden alle VHS-Mitarbeiter auf die Bühne gebeten. Wie eine große Familie stehen sie im Halbkreis und nehmen kleine Geschenke als Zeichen der Wertschätzung entgegen.

Seit 70 Jahren Bildung für alle

VHS-Leiterin Sonja Naegelin freut sich über den großen Besucherandrang.

Manfred Spitzers Vortrag sorgt dennoch weiter für Gesprächsstoff, polarisiert und macht nachdenklich. Diskutierend bleiben die Gäste im Vorraum und unterhalten sich über ihre Handygewohnheiten. Der Medienpädagoge Alexander Kranich, Berater im Kreismedienzentrum und Lehrer am Bildungszentrum Niedernhall, sieht das Ganze realistisch: "Wir müssen mehr lernen, digitale Medien als Werkzeug zu nützen, mehr Aufgaben finden, mit denen das Gehirn trainiert wird." Seine eigenen Kinder bekamen mit zwölf ein Smartphone, das über eine App nach drei Stunden ausgeschaltet wurde.

 

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