Gerst im Interview: Die Erde von außen sehen

Künzelsau  Er wurde 2014 mit der Mission "Blue Dot" zum Star unter den Astronauten. Derzeit steht er wieder mitten im Training für die Ende April 2018 beginnende neue Mission "Horizons" auf die Internationale Raumstation ISS: Alexander Gerst.

Von Thomas Zimmermann
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Sprung zwischen den Welten
Alexander Gerst nahm sich bei der Eröffnung der Mars-Ausstellung in Künzelsau Zeit für ein sehr persönlich gefärbtes Interview. Foto: Ralf Seidel

Acht Monate vor dem Start mit dem Raumschiff Sojus MS-09 schaute Alexander Gerst zum letzten Mal in offizieller Mission in seiner Heimatstadt Künzelsau vorbei, um die Mars-Ausstellung im Carmen-Würth-Forum zu eröffnen. Im Stimme-Interview spricht er über den Rummel um seine Person, die Lust auf Salat und die Zeit nach der nächsten Mission.

Alexander Gerst, der Hype um Ihre Person hält an, besonders in Ihrer Heimatstadt. Was ist das für ein Gefühl, wenn man quasi zwischen zwei harten Trainingsperioden ins Carmen-Würth-Forum nach Künzelsau-Gaisbach kommt und hier wie ein Pop-Star empfangen wird?

Alexander Gerst: Ich hatte mir das vor der Mission sicherlich nicht so vorgestellt und mir war die Dimension auch nicht klar. Ich musste mich erst daran gewöhnen, denn eigentlich versuche ich dieser Aufmerksamkeit zu entgehen, sie ist mir etwas unheimlich. Aber diese Reaktion ist auch eine große Anerkennung für meinen Beruf und ein Zeichen dafür, dass ich eine große Verantwortung trage, den Menschen gegenüber. Das Besondere ist, dass wir Astronauten die Erde von außen sehen. Es macht den Kern der astronautischen Raumfahrt aus, dass wir diese Perspektive mit zurückbringen und mit den Menschen, die unsere Welt nicht so sehen können, teilen.

Viele Menschen sind engagiert mit dabei und das hilft mir auch im Weltraum. Es wäre ein schlimmes Gefühl für mich, wenn ich im All isoliert wäre und diese Schönheit nicht teilen könnte. So weiß ich aber, dass viele Menschen auf der Erde an meiner Seite sind. Wenn ich nur an den Live-Call zur Hauptstraße in Künzelsau denke, bekomme ich eine Gänsehaut. Das war unglaublich und das trägt einen ganz schön weit, wenn man sieht, dass eine so tolle Stimmung zu Hause herrscht.
 

Ich stelle mir vor, dass es ziemlich schwer fällt, den Wechsel zu bewältigen zwischen dem extrem durchgetakteten Programm vor und während der Weltraummission und dem normalen Alltag nach einer Mission. Wie gelingt dieser Spagat?

Gerst: Man springt definitiv zwischen den Welten hin und her. Die Trainingsbedingungen in Russland sind komplett anders als in Köln oder in Houston. Man muss sich innerhalb kürzester Zeit komplett umstellen, aber genau diese Fähigkeit, sich blitzschnell auf neue Situationen einzustellen, braucht man auch im Weltall. Dort muss man zum Beispiel innerhalb kürzester Zeit die unterschiedlichsten Aktivitäten durchführen, wie zum Beispiel ein Versorgungsraumschiff von Hand mit dem Roboterarm fangen, dann mir selbst Blut abnehmen, dann Sport, und dann eine Live-Schalte zur Erde wie damals nach Künzelsau oder in den Bundestag. Alles innerhalb von zwei Stunden, ohne Vorbereitungszeit. Und wenig später arbeitet man wieder hochkonzentriert an Experimenten und darf sich dabei nicht ablenken lassen. Das Training hilft einem dabei, diese Wechsel so gut es geht zu schaffen, aber der Sprung zwischen den Welten ist tatsächlich nicht so einfach.

Wie anstrengend ist das ständige Reisen während des Trainings?

Gerst: Es kann zwischendurch schon Mal anstrengend werden, ständig aus dem gepackten Koffer zu leben. Aber man darf sich das Trainingsprogramm nicht so vorstellen, dass man nur im Hotelzimmer lebt. Ich habe an allen drei Trainingsorten ein Appartement und inzwischen auch Freunde in all den Städten. Das gibt einem jedes Mal ein Gefühl, nach Hause zu kommen, und das macht die Vorbereitung auf eine Mission auch spannend. Irgendwann habe ich realisiert, dass mir dieser Lebensstil eigentlich sogar gefällt. Mir macht generell das Reisen Spaß und auch beim Wetter ist an den verschiedenen Orten immer alles dabei. Aber genauso ist es auch toll, wieder ein paar Jahre sesshaft in Köln zu leben nach der Mission.
 

Was vermisst man in Sachen Ernährung eigentlich auf der langen Reise durchs All am meisten?

Gerst: Alles das, was es auf der ISS nicht gibt, vor allem aber frisch zubereitete Speisen und knackige Salate. Man muss aber sagen, dass die Astronautennahrung echt gut gemacht ist. Nur schmeckt nach einem halben Jahr alles irgendwie gleich und dann freut man sich schon auf die Vielfalt auf der Erde.
 

Sie fliegen innerhalb von vier Jahren zwei Mal auf die ISS, diesmal sogar als Kommandant. Das ist mehr als viele Astronauten in einem ganzen Leben erreichen. Machen Sie sich auch manchmal Gedanken, was nach der Landung im November 2018 mit Ihnen passiert?

Gerst: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel, vielleicht gilt das auch für Weltraummissionen. Astronaut zu sein ist mein Beruf, auch nach der Mission. Und wenn die ESA mich für eine weitere Mission aussucht, sage ich nicht nein. Es gab schon Astronauten, die sieben Missionen geschafft haben. Im Prinzip kann man so lange fliegen, wie man gesund und fit ist - also schau"n wir mal. Derzeit konzentriere ich mich aber voll und ganz auf die neue und faszinierende Aufgabe, die vor mir liegt.

Zur Person

Der Geophysiker und Astronaut Alexander Gerst wurde am 3. Mai 1976 in Künzelsau geboren. Er flog am 28. Mai 2014 mit dem Russen Maxim Surajew und dem US-Amerikaner Reid Wiseman mit der Mission "Blue Dot" zur ISS. Derzeit bereitet sich Gerst auf die neue Mission "Horizons" vor, die von April bis November 2018 dauern soll. Als erster Deutscher wird Gerst dabei die Funktion des Kommandanten übernehmen.

 

 
 

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