Geldflüssen auf der Spur

Künzelsau - So voll war das Künzelsauer Prestige-Kino wohl schon lange nicht mehr: Der Filmclub Künzelsau hatte zur Hohenlohe-Premiere von „Let's make money“ eingeladen mit anschließender Podiumsdiskussion.

Von Heiko Fritze
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Diskutierten anschließend (von links): Werner Gassert, die Bundestagsabgeordneten Christian von Stetten und Gerhard Schick sowie Matthias Stolla.Foto: Heiko Fritze

Künzelsau - So voll war das Künzelsauer Prestige-Kino wohl schon lange nicht mehr: Obwohl in den größten Saal noch Stühle hineingestellt wurden und sich Zuschauer auch einfach hinten an die Wand lehnten, mussten noch 40 Besucher abgewiesen werden - ausverkauft.

Brisanter als geahnt

Dabei gab es keinen Blockbuster aus Hollywoods Traumfabrik zu sehen, sondern einen Dokumentarfilm, der wütend macht: Der Filmclub Künzelsau hatte zur Hohenlohe-Premiere von „Let's make money“ eingeladen, dem neuen Film des österreichischen Regisseurs Erwin Wagenhofer. Das Thema ist nun brisanter, als es der Filmemacher bei den Dreharbeiten im Frühjahr und Sommer 2008 wohl ahnte: Er untersuchte die internationalen Finanzströme, von den Reichen bis hin zu den Ärmsten, die für zu wenig zum Leben Baumwolle pflücken, Kies sieben oder Straßen kehren. Und Wagenhofer stellte die Frage, ob sich da nicht eine gewaltige Blase gebildet hat, die bald zu platzen droht - was inzwischen ja geschehen ist.

Gier

Geldflüssen auf der Spur
Glanz und Elend liegen in Indien dicht beieinander: Während die Deutsche Bank für Finanzanlagen wirbt, vegetieren die Slumbewohner unter deren Schild vor sich hin. Gegensätze wie diese wurden im Film thematisiert.Foto: Verleih

Kein Wunder, dass sich die anschließende Podiumsdiskussion unter der Moderation von HZ-Redakteur Matthias Stolla um die Finanzkrise drehte. „Sie konnte nur entstehen, weil es immer noch Menschen gibt, die glauben, dass man zwölf Prozent Rendite bekommen kann, ohne selbst die Hände zu rühren“, meinte der Hohenloher CDU-Bundestagsabgeordnete Christian von Stetten. „Jeder Wahlkreis-Abgeordnete in Berlin hat 600 bis 700 Anleger der Kaupthing-Bank, die ihn jetzt um Hilfe bitten.“ Das isländische Kreditinstitut war wegen riskanter Finanzanlagen im November zusammengebrochen.

Da geht es der Sparkasse im Hohenlohekreis besser, betonte Vorstandsvorsitzender Werner Gassert. „Der Anleger weiß, was mit seinem Geld passiert - es bleibt in der Region.“ Damit würden Kredite an Häuslebauer und Firmen vergeben. Doch er räumte ein, dass die Sparkasse über die Landesbank Baden-Württemberg womöglich in Regionen engagiert sei, wie sie im Film dargestellt wurden - in Burkina Faso, Indien oder anderen Ländern, die nun beschönigend als „emerging markets“ (aufstrebende Märkte) bezeichnet werden. Ferner sei dies wohl auch bei einigen Fonds der Deka-Bank, dem Finanzanlage-Institut der Sparkassen, der Fall. „Aber die Kunden wollten solche Angebote, also mussten wir sie auch haben.“ Bei der Frage, wie viele Nullen eine Trillion hat, musste er kurz nachdenken. Die Lösung: 18, wenn man deutsche Rechnung anwendet - und zwölf bei der US-Methode.

Mehr Auflagen

Gerhard Schick, finanzpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag, machte sich für strengere Regeln im Finanzgeschäft stark, die sich auch an einer nachhaltigen Weltwirtschaft orientieren - und befürchtete für die nächste Zeit noch Schlimmeres: „In diesen Tagen entscheidet sich, ob die EU auseinanderfliegt“, sagte er. Eine europäische Wirtschaftsregierung müsse die Krise jetzt meistern. Von Stetten forderte als Gegengewicht zur Weltbank eine in Europa angesiedelte Organisation, um die Lage zu bewältigen. Gassert sprach sich für härtere Vorschriften für Banken in allen Staaten aus. „Ich befürchte aber, dass einige Nationen dabei nicht mitziehen wollen“, meinte er.

Patentrezepte für die Bewältigung der Krise hatte jedoch keiner. „Ich weiß auch nicht, ob unsere Beschlüsse im Bundestag immer der Weisheit letzter Schluss sind“, räumte von Stetten ein. „Aber in so einer Situation waren wir noch nie.“


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