Eins von Landwirtschaft, jetzt von Kunst geprägt

Ingelfingen  In den vergangenen Jahrzehnten hat sich das Aussehen von Ingelfingen Hermuthausen deutlich gewandelt.

Von Aileen Hornung
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Eins von Landwirtschaft, jetzt von Kunst geprägt

Waldtraud und Karl Franz waren lange Mesner in Hermuthausen und erinnern sich noch an die guten alten Zeiten im Dorf.

Die Hitze an diesem Spätnachmittag ist erdrückend. Da wirkt Hermuthausen wie ausgestorben. Kaum eine Menschenseele ist draußen unterwegs. Erst bei einem Abstecher in den Getränkehandel Dietz wird das anders. Der scheint derzeit Treffpunkt Nummer eins im Ort zu sein. Hier kann man nicht nur die nötigen Durstlöscher kaufen, sondern auch einen Schwatz halten. "Der Getränkehandel ist ein guter Treffpunkt", findet eine blonde Dame, die ihren Namen nicht verraten will. Günter Hofreuter aus Ingelfingen pflichtet ihr bei. Er kommt gerne mal auf ein Getränk und einen Plausch mit Waltraud Dietz (84) vorbei, die an der Kasse sitzt.

Tuckernder Motor

Unterbrochen wird die rege Konversation durch ein tuckerndes Motorengeräusch. Johannes Schurich ist mit seinem Oldtimer-Traktor vorgefahren, um Getränke einzukaufen. "Baujahr 1959 und selbst restauriert", berichtet er. Schurich ist Mitglied der Schlepperfreunde Hermuthausen, ein Verein, der seit rund 20 Jahren existiert, und dessen Mitglieder allesamt stolze Besitzer von solchen in die Jahre gekommenen Prachtexemplaren sind. Neben dem Vereinsleben mit den Schlepperfreunden schätzt der 27-Jährige noch andere Dinge an seinem Heimatort: "Es lässt sich gut leben hier, ist ruhig und entspannt. Das ist die Wichtigste." Hier habe er viele Freunde, und im Dorf gebe es einen guten Zusammenhalt.

Eins von Landwirtschaft, jetzt von Kunst geprägt

Erinnerung an vergangene Zeiten Unmittelbar neben der Kirche wohnen Waltraud und Karl Franz. Praktisch - schließlich ist Waltraud Franz seit 30 Jahren Messnerin der evangelischen Kirche aus dem 16. Jahrhundert, die mitten im Ort am Hang thront. Das Ehepaar, das mittlerweile seinen Ruhestand genießt, berichtet von vergangenen Zeiten. Von den vielen Handwerksbetrieben, die es früher noch im Ort gab. Und von der Landwirtschaft, die sich praktisch in Luft aufgelöst hat. 43 Milchlieferanten habe es in den 60ern noch gegeben. Aber seit zwei Jahren sei keine einzige Milchkuh mehr im Ort. Die Flurbereinigung vor einigen Jahrzehnten habe ein Übriges getan. "Alles vorbei", sinniert Waltraud Franz wehmütig. Gerade in der Tierhaltung ließe sich heute kein Geld mehr verdienen. "Da bleibt Netto nichts übrig, das rentiert sich einfach nicht mehr", sagt Karl Franz resigniert.

Harter Arbeitsalltag

Das Ehepaar selbst hatte früher Milchvieh und Mastschweine, schlachtete die Tiere sogar selbst in der eigenen Hausschlachterei. Allerdings schlachteten sie später nicht mehr die eigenen Rinder, die sie im Stall aufgezogen hatten. "Das ging uns dann einfach zu nah", so der 77-Jährige. Die Doppelbelastung von Hausschlachterei und Landwirtschaft gingen aber auch an die Substanz. "Nie mehr so", sagt Karl Franz. "Das war richtig harte Arbeit."

Kreative Kunsthandwerker

Eins von Landwirtschaft, jetzt von Kunst geprägt

Im Mittelpunkt des Dorfes thront in Hanglage die evangelische Dorfkirche aus dem 16. Jahrhundert.

Fotos: Aileen Hornung

Einer sehr kreativen Arbeit wiederum gehen Marlene Gmelin und Detlef Schmelz nach. Sie wohnen auf der anderen Seite der Kirche und haben hier ihr Marionetten-Theater. Bis zu 45 Personen finden Platz bei den Aufführungen mit den Marionetten, die regelmäßig stattfinden. Die Marionetten baut das Ehepaar in kunstvoller Handarbeit selbst. Auch Marlene Gmelin schätzt das Leben im Ort. "Es ist ruhig, und hier können wir uns künstlerisch austoben."

Arbeit als Scherenschleifer

Künstlerisch ausgetobt hat sich auch Dierk Rauscher, der mit seinen außergewöhnlichen Puppen in der Ortsmitte auf seine Arbeit als Scherenschleifer aufmerksam machen möchte. In Hermuthausen hätte man viel Zeit, um kreativer Muse nachzugehen, denn: "Die Abende hier sind ruhig. Wenn es mir aber zu ruhig wird, kann ich mich ja ins Auto setzen und dorthin fahren, wo Trubel ist."

Geschichte

Eins von Landwirtschaft, jetzt von Kunst geprägt

Hermuthausen ist einer von acht Teilorten von Ingelfingen und hat heute 307 Einwohner. Erstmals erwähnt wurde Hermuthausen im frühen Mittelalter. Allerdings ist nicht sicher, dass sich die Erwähnung einer "villa Herimitteshusen" im Codex Eberhardi des Klosters Fulda aus dem neunten Jahrhundert tatsächlich auf den kleinen Ort in Hohenlohe bezieht. Sicher ist indes der Ortsbezug in einer Gnadentaler Urkunde von 1252, in der Hermutehusen genannt wird. Auf kirchlicher Ebene gehörte das Dorf stets zu Belsenberg. Heutzutage hat Hermuthausen ein reges Fest- und Vereinsleben. Es gibt nicht nur ein Winter- und Sommertheater, sondern auch eine alte Hammeltanz-Tradition, ein Schleppertreffen und diverse Dorffeste. Auch ein Segelflugsportverein ist im Ortr aktiv. aih

 

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