Ein besonderes Konzerterlebnis in der Dunkelheit

Künzelsau  Studierende der Reinhold-Würth-Hochschule organisieren ein Dunkelkonzert mit dem Lights out Trio. Warum es auch im Dunkeln schwer ist, nur die Musik zu hören und was die anderen Sinne so alles wahrnehmen.

Email
Der besondere Klang der Dunkelheit

Illustration: HSt, rare/stock.adobe.com

Wenige lilafarbene Leuchten auf dem Boden werfen einen Lichtkegel an die kahlen Kellerwände im C-Bau der Reinhold-Würth-Hochschule (RWH) in Künzelsau. Einzig wahre Lichtquelle ist die Eingangstür. Doch auch deren Schein ist fragil, wird von menschlichen Silhouetten durchbrochen, die eine nach der anderen vom Licht ins Dunkel gleiten. Hinein in ein Konzerterlebnis, ein Konzertwagnis der besonderen Art.

Und so dauert es nicht lange, bis die Musiker des Lights out Trios ihre Positionen vor dem Publikum einnehmen, bis die Tür sich schließt, bis eine lila Leuchte nach der anderen erlischt und ein einziges, kleines Teelicht zu Füßen der Musiker das Publikum noch vor der Dunkelheit bewahrt. "Huhhh" - alles ist schwarz.

Harmonieren trotz Dunkelheit

Mit sanften, tonalen Wellenbewegungen beginnt der Flügel, ehe das Cello mit melancholischem Gesang mit einzustimmen scheint. Dieses düstere Duett dauert nur wenige Takte, bevor die Violine mit ihrem hellen Klang das Cello ablöst, nur um dann in ein Zwiegespräch mit demselben zu treten.

Der berührende Beginn des Klaviertrios in A-Moll (op. 50) von Pjotr Iljitsch Tschaikowski füllt die Dunkelheit, dringt durch die zunehmend trocken-stickige Luft des voll besetzten Konzertraumes. Welch enorme Konzentrationsleistung, ein solch anspruchsvolles Stück in völliger Dunkelheit zu spielen.

Miteinander zu harmonieren, sich nicht im unendlichen Schwarz zu verlieren. Perfekt ist das Spiel dabei sicher nicht, aber sehr nah dran. "Die Fragilität im Dunkeln ist das Besondere, das hat eine eigene Kraft", sagt Cellist Steven Walter. Und er behält recht.

Augen zu und lauschen

Die Augen schließen sich unweigerlich. Welchen Sinn hätte es auch, sie offen zu lassen? Nase und Ohren übernehmen nach kurzer Zeit das Regiment: Parfüm, Eau de Toilette, Haarspray, Deo, Körperausdünstungen verschiedenster Art sind plötzlich präsent.

Nicht nur die Musik, auch das Husten, Räuspern, Atmen, gar das Schluckgeräusch des Sitznachbarn offenbart sich in den winzigen Pausen zwischen den einzelnen Abschnitten des musikalischen Werkes. Von links ist ein leises, rhythmisches Klackern zu vernehmen. Die Schnalle am wippenden Schuh eines Zuhörers?

Man sollte meinen, es sei leichter, sich in völliger Dunkelheit auf die leidenschaftlich vorgetragene Musik zu konzentrieren, auf die mal rasenden, mal tragenden Passagen von Tschaikowskis einzigem Klaviertrio. Eine Gattung, die er nach eigenen Angaben nicht leiden konnte und dennoch so grandios umzusetzen vermochte.

Von der Musik davongetragen

Doch die Musik ist eben nicht die alleinige Geräuschquelle in einem Raum voller Menschen. Sie ist aber die einzig entscheidende, die einzig beseelende an diesem Abend. Wer es schafft, ganz in sie hinein zu tauchen, die Dunkelheit wie die unsichtbaren Menschen um sich herum zu vergessen, der spürt wie innere Ruhe einkehrt und die Musik ihn davonträgt.

Der letzte Ton verklingt, das Teelicht geht an. Stille. Das Publikum scheint weggetreten, in der Dunkelheit verharrend, ehe der warme Schein der Kerze die Menschen langsam zurückholt und Applaus durch den Raum hallt. "Willkommen zurück", sagt Cellist Steven Walter. Und ja, irgendwie fühlt es sich so an. Als sei man zurückgekehrt - von der Dunkelheit ins Licht, von der Musik in die Stille.

Ensemble

Steven Walter (Cello) studierte Cello in Oslo und Detmold. 2009 gründete er das Podium Festival Esslingen, das er bis heute leitet. Derzeit hat er die Künstlerdozentur an der Reinhold-Würth-Hochschule inne.

Magnus Boye Hansen (Violine) kommt aus Norwegen und studierte unter anderem in Berlin. Er ist als Kammermusiker im Orchester des Norwegischen Rundfunks tätig und Teil des Oslo String Quartets.

Mathias Halvorsen (Klavier) ist ebenfalls Norweger, lebt allerdings in Reykjavik auf Island. Er studierte in Oslo und Leipzig. Er ist Mitbegründer des Podium Festivals in Haugesund und tourte mit der Show "Peaches Christ Super Star".

Zusammen gründeten die drei Musiker das Lights out Trio, mit dem sie Konzerte in absoluter Dunkelheit geben. Sie waren mit dem Konzept unter anderem bei den Stuttgarter Festspielen und dem Düsseldorf Festival zu Gast. Zudem gingen sie 2015 auf Tour in die USA.


Tamara Ludwig

Tamara Ludwig

Autorin

Tamara Ludwig ist seit 2014 Redakteurin der Hohenloher Zeitung. Dabei hat sie vor allem die Ereignisse und Kommunen im Altkreis Künzelsau im Blick. 

Kommentar hinzufügen