Ehemalige Vertrauensräte kontrollieren den Würth-Betriebsrat

Künzelsau  Die erste offizielle Arbeitnehmervertretung bei dem Hohenloher Handelsunternehmen hat sich konstituiert. Der langjährige Vertrauensratsvorsitzende und Leiter der Akademie Würth, Thomas Wagner, steht jetzt dem Betriebsrat vor.

Von Manfred Stockburger

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Der erstmals gewählte Betriebsrat des Handelsunternehmens wird von früheren Vertrauensräten dominiert. Foto: Archiv

Der erste Betriebsratsvorsitzende von Würth ist ein alter Bekannter: In der konstituierenden Sitzung wählte das Gremium Thomas Wagner an die Spitze. Der Leiter der Akademie Würth hatte auf der Liste Herzblut kandidiert. Zwischen 1999 und 2011 hatte Wagner bereits an der Spitze des nicht nach dem Betriebsverfassungsgesetz konstituierten Vertrauensrats gestanden. Als Ausbildungsleiter und Chef der Akademie gehörte er danach dem Management an.

Neue Rolle In neuer Form kehrt Wagner jetzt als Vorsitzender des Betriebsrats in die alte Funktion als oberster Arbeitnehmervertreter der Adolf Würth KG zurück. „Wir sind dankbar für das Vertrauen unserer Kolleginnen und Kollegen und freuen uns auf die bevorstehenden Aufgaben“, sagte Wagner. Die Herzblut-Liste hatte mit 21 Prozent neun der 35 Sitze erreicht.

Wagners Nachfolger als Vertrauensratsvorsitzender, Andreas Lang, hatte sie angeführt, er selbst kandidierte auf Platz zwei. Punkte sammelte Wagner im Verlauf der Wahl mit der Leitung der schwierigen Wahlversammlung im Carmen-Würth-Forum, die damals als professionell gelobt wurde. Ob Wagner seine Aufgabe als Leiter der Akademie Würth neben dem Betriebsratsvorsitz beibehält, ist noch offen.

Ehemalige Vertrauensräte nehmen die Mehrzahl an Sitzen ein

Die Vote-Liste, die mit 22,5 Prozent der Stimmen die Wahl gewonnen hatte und ebenfalls neun Sitze erhielt, ist dagegen leer ausgegangen: Zu Wagners Stellvertreter wurde Harald Egetemaier gewählt, der für die Liste Vertrieb Süd kandidiert hatte. Er arbeitet in der Verkaufsniederlassung in Aalen, ist aber auch in der Zentrale kein Unbekannter: Egetemaier war Mitglied und zuletzt stellvertretender Vorsitzender des Vertrauensrats gewesen.

Vor allem bei dieser Abstimmung ist es sehr knapp ausgegangen, heißt es in Belegschaftskreisen. Rechnet man die auf verschiedene Listen verteilten ehemaligen Vertrauensräte zusammen, kommt man auf 19 der 35 Sitze im Betriebsrat. Sechs der 15 Listen waren leer ausgegangen, der Wahlvorschlag um den Ortenauer AfD-Kreisschatzmeister Daniel Hurlebaus, der die Betriebsratswahl ursprünglich auf den Weg gebracht hatte, erhielt ein Mandat. 

Thomas Wagner, Würth Künzelsau
Zwischen 1999 und 2011 war Thomas Wagner schon Vorsitzender des Vertrauensrats bei Würth. Dieses Foto zeigt ihn in dieser Funktion im Jahr 2007. Foto: Archiv/Würth

Nächste Wahl findet bereits 2022 statt

„Wir gratulieren Thomas Wagner und Harald Egetemaier sowie allen weiteren gewählten Betriebsräten herzlich zur Wahl. Wir freuen uns sehr auf einen konstruktiven und zielorientierten Austausch mit ihnen und dem Betriebsrat insgesamt“, erklärt Norbert Heckmann, der Sprecher der Geschäftsleitung der Konzernmuttergesellschaft AWKG, für die der neue Betriebsrat zuständig ist.

„Es wird spannend“, sagt der Schwäbisch Haller IG-Metall-Chef Uwe Bauer, deren „Wir bei Würth“- Liste mit 16 Prozent besser als erwartet abgeschnitten hatte. „Die Listen sind mit unterschiedlichen Programmen angetreten. Jetzt wird sich zeigen, ob sie den Worten auch Taten folgen lassen.“ Thomas Wagner und auch die Vote-Liste stünden den Beschäftigten gegenüber nun in der Bringschuld. Nach der Wahl ist vor der Wahl: Uwe Bauer weist darauf hin, dass das nächste Betriebsratsgremium bereits 2022 gewählt wird – voraussichtlich im Frühjahr. Bauer geht davon aus, dass sowohl die Gewerkschaftsliste als auch Vote einen oder mehrere freigestellte Betriebsräte bekommen werden. Wie viele Betriebsräte freigestellt werden, werde erst in den kommenden Wochen festgelegt, heißt es beim Unternehmen.


Kommentar: Falsche Kontinuität

Auf den ersten Blick ändert sich bei Würth durch die erste Betriebsratswahl der Firmengeschichte nichts. Der neu gewählte Vorsitzende Thomas Wagner leitete 1999 bis 2011 das Vorgängergremium Vertrauensrat und gilt im Unternehmen als sichere Hand. Sein Stellvertreter Harald Egetemaier muss auf der neuen Visitenkarte nur das Wort Vertrauens- durch Betriebsrat ersetzen: Für ihn ist der Übergang nahtlos. 

Ist also alles nochmal gut gegangen? Nein. Das Gremium hat mit dieser Wahl, die dem Vernehmen nach sehr knapp ausgefallen ist, die Chance eines echten Neuanfangs verspielt. Viel sinnvoller wäre es gewesen, die vermeintliche Opposition in die Arbeit konstruktiv einzubinden. Die Liste Vote mit dem höchsten Stimmenanteil, die jetzt leer ausgegangen ist, besteht aber keineswegs aus Revoluzzern, sondern aus altgedienten Würthlern, die nicht weniger Herzblut für das Unternehmen haben als die Vertrauensratsliste, die das Wort Herzblut für sich reklamierte. Ihre Ideen waren nicht schlecht. Und die IG Metall, die ein bemerkenswert gutes Ergebnis eingefahren hatte, besteht ebenfalls nicht nur aus Klassenkämpfern.

So, wie es jetzt gekommen ist, haben die Gewinner letztlich ihre Kritiker bestätigt, die dem quasi neu bestellten Vertrauensrat eine unkritische Nähe zum Unternehmen vorgeworfen haben. Einen Gefallen haben sie damit weder ihrer Firma noch sich selbst getan.

Thomas Wagner ist deswegen jetzt vor allem als Brückenbauer gefragt. Er hat es in der Hand zu verhindern, dass im Unternehmen ein tiefer Graben entsteht.


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