Diesmal ist auch Reinhold Würth gespannt, was kommt

Künzelsau  Seinen 85. Geburtstag am heutigen Montag feiert der Unternehmer in der Corona-Krise nur mit seiner Frau Carmen. Wie es nach der Krise weitergeht, will auch er nicht vorhersagen.

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Reinhold Würth kurz vor seinem 85. Geburtstag. Noch immer zeigt er auch bei politischen Themen klare Kante. Foto: dpa

Die Corona-Krise stellt Menschen weltweit vor ähnliche Probleme. Sie macht vor Rang und Namen keinen Halt. So begeht auch der Hohenloher Unternehmer Reinhold Würth seinen 85. Geburtstag an diesem Montag ohne Besuch, nur mit seiner Frau Carmen zu Hause auf Schloss Hermersberg bei Niedernhall. "Die Feier ist abgesagt. Das kann ich nicht ändern", sagt Würth im Gespräch mit unserer Redaktion.

Eine Biografie zum Geburtstag

Der Geburtstag oder auch das Firmenjubiläum zum 75-jährigen Bestehen bewegen Reinhold Würth wenig, wie er selbst sagt. Trotzdem ist so ein 85. Geburtstag - wenn es auch kein ganz rundes Jubiläum ist - auch für einen Reinhold Würth ein besonderes Datum. Vor knapp anderthalb Jahren hat er den Journalisten und Buchautor Helge Timmerberg damit beauftragt, seine Biografie zu schreiben. Die "finale", wie er selbst dazu anmerkte. Nun ist sie erschienen.

Erbengeneration ist schon im Unternehmen

Noch immer ist er in letzter Konsequenz verantwortlich im Unternehmen. Als Aufsichtsratschef der Stiftung, in die er sein Unternehmen überführt hat, sei seine Funktion quasi die einer Hauptversammlung, erklärte er jüngst. Doch er ist dabei, sich zurückzuziehen. Denn im Weltkonzern rückt nun die Generation der Enkel an die Schaltstellen.

"Ich muss denen gar nicht viel beibringen. Ich beobachte, dass mein Vorbild am besten wirkt", sagt Reinhold Würth. Die Berechenbarkeit, die Geradlinigkeit, den Respekt vor der Arbeit der Mitarbeiter hätten sie ja von frühester Kindheit an mitbekommen.

Unternehmen im Sinne des Vaters weitergeführt

Damit wiederholt sich vielleicht die Geschichte. Denn Reinhold Würth sagt über seinen Vater: "Er ist für mich bis heute ein großes Vorbild. Er hat die Dinge vorgegeben, ich durfte sie weiterführen und ausbauen." Die Basis fürs Unternehmen habe sein Vater gelegt. "Ich war auch anschließend nur ausführendes Organ."

Doch die gemeinsame Zeit war kurz. Im Alter von nur 45 Jahren starb Adolf Würth 1954. Da war sein Sohn Reinhold gerade einmal 19 Jahre alt. Aus Unternehmenssicht stellte sich als Glücksfall heraus, dass der Nachfolger da schon fünf Jahre in der Firma verbracht hatte.

 

Vom Schulabbrecher zum Professor

Das war nur möglich, weil Reinhold Würth die Schule vorzeitig beendet hatte. Wenn er es selbst je als Defizit betrachtete, dann glich er es in den folgenden Jahrzehnten mehrfach aus. Von 1999 bis 2003 leitete er als Professor das Institut für Entrepreneurship der damaligen Universität Karlsruhe, dem heutigen KIT. Mehrere Ehrendoktor-, Ehrensenator- und Ehrenprofessorenwürden wurden ihm zuteil.

Es sind allesamt Titel, die er mit Stolz und gerne trägt - im Gegensatz zum "Schraubenkönig", den er "geradezu hasst", wie er schon vor Jahren verriet. Wenn er schon König sein soll, so seine Logik, dann sicher nicht von Schrauben. Und auch die Idee von "Untertanen" in seinem Reich gefällt ihm nicht.

Nicht nach oben buckeln und nach unten treten

So sagt er auch: "Ich finde die ekelhafteste Charaktereigenschaft ist die Arroganz. Ich mag keine Menschen, die zu Arroganz neigen, keine Trittbrettfahrer und keine Radfahrer, die nach oben buckeln und nach unten treten. Die halten sich auch nicht lange bei uns im Unternehmen. Wir wollen Menschen, die mit beiden Füßen auf dem Boden stehen, die bescheiden sind, die geradlinig ihren Weg gehen."

Rekordumsatz - und trotzdem nicht rundum zufrieden

Bescheidenheit hat eine besondere Bedeutung, wenn man ein Unternehmen mit fast 80 000 Mitarbeitern in rund 80 Ländern aufgebaut hat. Würth ist ein Zahlenmensch und ein Verkäufer. Von seiner umstrittenen Aussage, dass ein Unternehmen, das im Jahr keine zehn Prozent wächst, krank sei, hat er sich inzwischen distanziert. Doch den Anspruch, weiter zu wachsen, hat er noch immer.

Seine Unternehmensgruppe machte 2019 zwar einen Rekordumsatz von mehr als 14 Milliarden Euro. Doch der Gewinn ging auf 750 Millionen Euro zurück. Das soll wieder besser werden. Allerdings bescherte ihm die Firma über die Jahre ein Privatvermögen von geschätzten zehn Milliarden Euro, was ihn zu einem der reichsten Deutschen macht.

Nach der Steuersache von 2008 hat er seinen Frieden mit dem Staat gemacht

Seine Einstellung zu diesem Geld ist klar: Er sieht es bei sich gut aufgehoben. "Das Geld wird ja nicht verprasst, sondern reinvestiert", sagt er. In die Firma, aber auch in seine Kunstsammlung von mehr als 18 000 Werken und in die Kultur. Dass der Staat da auch noch einen Teil beansprucht, nimmt er hin, das Thema Steuern ist für ihn weitgehend abgehakt. Die Enttäuschung, die er nach der - in seinen Augen zu Unrecht erfolgten - Verurteilung wegen Steuerhinterziehung 2008 gegenüber dem deutschen Staat verspürte, ist heute einer gewissen Gelassenheit gewichen.

Reinhold Würth
Reinhold Würth. Foto: dpa

Politisch vertritt er noch immer eine klare Meinung

Doch auch im fortgeschrittenen Alter ist Würth einer, der sich politisch einmischt. Er warnt vor der Gefahr von rechts und hofft darauf, dass mit den neuen Herausforderungen in der Corona-Krise auch viele AfD-Wähler zur Vernunft kommen.

Er wünscht sich ein starkes Europa, und er kritisierte zuletzt im "Handelsblatt", dass die Bundesregierung jeden Vorstoß des französischen Präsidenten Emmanuel Macron ablehnte. Da wünsche er sich doch für die Zukunft einen Friedrich Merz als Kanzler, der Europa gemeinsam mit Macron zu einem echten Gegengewicht zu den USA, Russland und China aufbaut.

Keine Zeit für die berüchtigten Brandbriefe

Wachstum war und ist das Credo für Würth. Rückschläge gab es bereits, zuletzt 2008/09. Doch immer hat das Unternehmen Gewinne gemacht. Zuletzt, schon vor der Corona-Krise, ist es aber schwieriger geworden, jährlich alle Kennzahlen zu verbessern. Insbesondere bei der Profitabilität haperte es. Fünf Prozent Umsatzrendite - das ging schon besser.

Unter normalen Umständen hätte man darauf warten können, dass die Ungeduld des Chefs in deutlichen Worten zum Ausdruck kommt. Die Mitarbeiter hätten dann wohl einen der gefürchteten Brandbriefe in ihrer Mailbox vorgefunden, mit denen er "Dampf reinlässt" oder die "Druckstufe" erhöht. So formuliert er es selbst. Das alles erscheint unter den Corona-Vorzeichen kaum angebracht.

Keine Zeit für langfristigen Pläne

Würth ist bekannt dafür, immer einen Schritt oder auch zwei voraus zu sein. "Hinter den Berg und ums Eck schauen", so nennt er das. Momentan tut er sich schwer damit. "Das ist so neu und so ohne Vorbild, da muss man abwarten." Auch das tut er allerdings abgeklärt: "Wenn die Krise dann vorbei ist, geht es wieder weiter."

Die Jets bleiben am Boden

Derzeit muss vieles warten. Das Firmenjubiläum 75 Jahre nach der Gründung, die Eröffnungen von neuen Gebäuden wie dem erweiterten Carmen-Würth-Forum oder dem neuen Schrauben-Werk Gaisbach. Auch zu seiner Jacht, auf der er im Alter viel Zeit verbringt, kommt er derzeit nicht so leicht. Denn seine Jets, die er über viele Jahre selbst an Ziele in der ganzen Welt steuerte, müssen am Boden bleiben. Vom Pilotenplatz im Cockpit hat er sich schon vor fünf Jahren verabschiedet.

Schmerzliche Erinnerung an die Entführung des Sohnes

Die Geburtstagsfeier, die seine Mitarbeiter für ihn geplant haben, könnte im Herbst nachgeholt werden. Vorerst kommen nicht einmal seine Kinder zu Besuch, weder die Töchter Bettina oder Marion, noch sein Sohn Markus, der nach einer Impfung im Kindesalter geistig behindert ist. Vor fünf Jahren war der inzwischen 55-Jährige entführt worden. Dass er unversehrt wiedergefunden wurde, ist für den Vater noch immer ein Riesenglück: "Wer weiß, wie es ausgegangen wäre, wenn er den Täter hätte verraten können."

Dass der Verdächtige freigesprochen wurde - vor einigen Wochen wurde der Freispruch auch vom Bundesgerichtshof bestätigt - respektiert Reinhold Würth. Doch es ist zu spüren: Die Zuschauerposition in diesem Fall ist für ihn nur schwerlich zu akzeptieren.


Eine sehr persönliche Biografie

"70 Jahre Arbeit. Sechzehn Stunden am Tag." So fasst Helge Timmerberg das Leben von Reinhold Würth in seiner neuen Biografie an einer Stelle zusammen. Vor zwei Wochen ist "Reinhold Würth: Der Herr der Schrauben" erschienen. "Schreiben Sie mal drauflos. Ich will keine Lobhudelei", hatte Würth zu Timmerberg zu Beginn gesagt und dann am Endprodukt nur einige Zahlen korrigiert, wie Würth im Gespräch mit unserer Redaktion verrät.

Würth-Biografie

Helge Timmerberg, "Reinhold Würth: Der Herr der Schrauben", Piper Verlag, München, 208 Seiten, 22 Euro.

Das Buch ist eine kleine Liebeserklärung an den Unternehmer geworden, der selbst so viele Dinge liebt: Das Fliegen, die Malerei, die Kunst der Unternehmensführung. Es zeigt den Einfluss von Menschen wie Bruno Tietz, einem Professor für Betriebswirtschafts- und Handelslehre, der auch im Kommerz das Menschliche, die Philosophie nicht zu kurz kommen ließ. Ein Visionär und einer, der ebenfalls der Fliegerei verfallen war. Ein Mann ganz nach dem Geschmack von Reinhold Würth. Mit ihm tauschte er sich über viele Jahre aus, bis Tietz 1995 mit seiner Piper tödlich verunglückte.

Timmerberg ging mit seinem Auftraggeber auf Reisen, erlebte ihn in Gesellschaft und allein, erhielt Einblick in die Tagebücher. Herausgekommen ist ein sehr persönliches Buch. Was etwas zu kurz kommt, ist der Blick von außen. Ob er dem Rat seines Auftraggebers wirklich gefolgt ist, und in den Besenwirtschaften rund um Künzelsau und andernorts nach Menschen suchte, die einen eigenen Blick auf den "Schrauben-Würth" haben? Kaum ein Autor durfte Reinhold Würth jedenfalls über so lange Zeit so eng begleiten wie Timmerberg. Spannend zu lesen ist, wie er sich dabei mit seinen eigenen Vorurteilen und Vorstellungen auseinandersetzen musste.


Christian Gleichauf

Christian Gleichauf

Chefkorrespondent Wirtschaft

Christian Gleichauf schreibt über Menschen, Unternehmen und wirtschaftliche Entwicklungen in der Region Heilbronn-Franken. Seit dem Jahr 2000 ist der gebürtige Südbadener bei der Heilbronner Stimme.

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