Das Leben ist ein Rummelplatz

Künzelsau  Künzelsau - Theater im Fluss feiert mit Molnars "Liliom" einen rauschenden Premierenerfolg. Schon im Vorspiel zum Spiel steckt ein Riesenaufwand - eine reife Leistung, für Helfer und Schauspieler.

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Das Leben ist ein Rummelplatz
Frau Muskat kann ihren "Künstler des Rummelplatzes" nicht halten.

Künzelsau - Hoppla, das Kocherfreibad ist ein Rummelplatz geworden. Schießbude, Losverkäufer, Schiffschaukel, Leierkastenmann, Tanzbär erwarten das Premierenpublikum, noch bevor Franz Molnars Drama um Liliom, den Schiffschaukelbremser und Stadtwäldchenkünstler, und seine gescheiterte Liebe zur sanften, still leidenden Julie beginnt. Wer als Zuschauer zur dritten Premiere des Theaters im Fluss gekommen ist, wird, ehe er sich’s recht versieht, zum Mitspieler gemacht. Schon im Vorspiel zum Spiel steckt ein Riesenaufwand − eine reife Leistung, für Helfer und Schauspieler, die später auf den sechs verschiedenen Bühnen im Kocherfreibad agieren.

Harte Kost

Franz Molnars "Liliom" haben sich die Laienspieler vom Künzelsauer Theater im Fluss für ihre dritte Spielsaison ausgesucht. Es geht um häusliche Gewalt, Verbrechen und Selbstmord, vor allem aber geht um die Unfähigkeit von Menschen, ihre wahren Gefühle zu leben − das Leben ist ein Rummelplatz, auf dem man auch für kleine Freudenund Illusionen teuer bezahlt. Mehr als 100 Jahre nach der Uraufführung ist es noch aktuell − und es ist kein leichtes Stück. Nicht für die Zuschauer, schon gar nicht für die Schauspieler. Schließlich steckt hinter der rauen, mal gewalttätigen, mal großkotzigen Schale von Liliom ein unsicherer Charakter, der seinen eigenen überkandidelten Ansprüchen nicht genügt. Und hinter der sanft und still leidenden Julie verbirgt sich eine Frau, die um keinen Preis ihrenTraum vom Glück begraben will. "Wenn ich einen lieb hab’", sagt sie, " ist mir alles andere egal, auch wenn ich sterb’."

Herzblut

Können Laienspieler solche Rollen füllen? Um es kurz zu machen: Sie können’s. Die Laien in Künzelsau spielen ihre Rollen nicht, sie leben sie: Allen voran Ralf Bürklen und Angela Bayer, die als Julie und Liliom den schwierigsten Part zu füllen haben − und es mit Herzblut tun. Vielleicht könnte Lilioms brutale und Julies romantische Seite stellenweise noch etwas intensiver ausgespielt werden. "Wie man hört, nimmt Regisseur Bäck die Schauspieler hart ran, das zahlt sich aus", kommentiert Hans Peter van Dorp die schauspielerische Leistung. Sie spricht für intensive Beschäftigung mit den Rollen und großer Bühnenpräsenz bei allen Akteuren. Fast schon professionell: Nadja Hrubesch − ein bisschen vulgär, ein bisschen lasziv, vor allem aber sehr auf ihre eigenen Vorteile bedacht − als Frau Muskat. Matthias Prager brilliert − so hinterhältig wie raffiniert − als Lilioms fieser Freund Ficsur. Und die Belegschaft des himmlischen Kommissariats, in dem − was sonst − Bach als Backgroundmusik ertönt − sorgt mit dezentem Witz für einen Kontrapunkt im Liebesdrama.

Einmal mehr erweist sich auch das Kocherfreibad wieder als Spielstätte mit unheimlichem Potenzial, und das Team vom Theater im Fluss (Ausstattung und Bühnenbau sind wieder in den bewährten Händen von Nina Weitzner und Michael Sanwald) weiß es gekonnt zu nutzen. Der Kocher als Styx, auf dem Liliom ins Jenseits geschifft wird. Ein Oldtimer-Wohnwagen als Behelfswohnung von Liliom und Julie und die inmitten des Flusses etwas entrückte Badeinsel als Szenerie für den Showdown ihrer verhängnisvollen Liebe sorgen für ein ganz eigenes Flair. So wie das Publikum als Rummelplatzt-Besucher gewissermaßen mitagiert, so mischen sich in der Pause die Schauspieler unters Volk und sorgen ihrerseits, dass sich die Ebenen zwischen Sein und Schein mischen − und das kommt an beim Publikum. Die Künzelsauer können stolz sein auf diesen Theaterverein, der mit minimalem Budget großes Theater präsentiert. Und das sind sie auch − das beweist der begeisterte Schlussapplaus. "Empfehlen Sie uns weiter und kommen Sie wieder", wünscht sich Vereinsvorstand Heiner Sefranek. Da muss er sich keine Sorgen machen.

Liliom geht noch zwölf Mal über die Bühnen im Kocherfreibad und zwar am 8.,13., 14., 15., 20. bis 23. und 26. bis 29. Juni, jeweils um 19.30 Uhr.

Das Leben ist ein Rummelplatz
Strahlende und nachdenkliche Gesichter beim Premierenpublikum: Liliom ist keine leichte Kost für die Zuschauer, auch wenn sie nahezu perfekt angerichtet ist.
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Sie lieben sich, sie kriegen sich, glücklich werden sie dennoch nicht und ganz schnell verlieren sie sich wieder: Julie (Angela Bayer) weint um Liliom, ihren toten Liebsten ( Ralf Bürklen) . Fotos: Griesinger (4), Reichert (2)
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Marie und Wolf im Liebesglück − für Liliom und Julie folgt die Katastrophe.
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Der Kocher verwandelt sich fürs Theater im Fluss zum Styx. Zwei Todesengel und ein Fährmann holen den toten Liliom ab und führen ihn ins Jenseits.
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Fatale Freundschaft: Ficsur (M. Prager) heuert Liliom für einen Überfall an.


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