Botschaften aus der Kreidezeit lesen

Ingelfingen - Für den 64-jährigen Privatpaläontologen Manfred Kutscher aus Sassnitz ist Rügens Kreide eine wahre Schatzkammer. Unzählige Schätze hat er geborgen, vorzugsweise Versteinerungen von Stachelhäutern. Er hat gesammelt, Funde systematisiert, wissenschaftliche Aufsätze darüber verfasst, Vorträge gehalten und als Höhepunkt seiner Arbeit das Kreidemuseum Gummanz auf Rügen aus der Taufe gehoben. Für sein Lebenswerk wurde Kutscher am Freitag in der vollbesetzten Ingelfinger Stadthalle mit dem Alberti-Preis ausgezeichnet.

Von Henry Doll

Botschaften aus der Kreidezeit lesen
Anschaulicher Vortrag: Preisträger Manfred Kutscher zeigte, dass er notfalls auch ohne Powerpoint-Präsentation seine Arbeit erklären könnte.Fotos: Henry Doll

Ingelfingen - Was weiß der Hohenloher über Rügen? Klar, Postkartenidylle, das berühmte Gemälde von Caspar David Friedrich „Kreidefelsen auf Rügen“ (1818), nachgerade das Symbol deutscher Romantik. Für den 64-jährigen Manfred Kutscher aus Sassnitz auf Rügen hat die Ostsee-Insel aber weit mehr zu bieten. Für den Privatpaläontologen, der im Lehrberuf Ingenieur für chemische Technologie ist, ist Rügens Kreide eine wahre Schatzkammer. Unzählige Schätze hat er geborgen, vorzugsweise Versteinerungen von Stachelhäutern. Er hat gesammelt, Funde systematisiert, wissenschaftliche Aufsätze darüber verfasst, Vorträge gehalten und als Höhepunkt seiner Arbeit das Kreidemuseum Gummanz auf Rügen aus der Taufe gehoben.

Für sein Lebenswerk wurde Manfred Kutscher am Freitag in der vollbesetzten Ingelfinger Stadthalle mit dem Alberti-Preis ausgezeichnet. Der mit 10 000 Euro dotierte Friedrich von Alberti-Preis wird an Berufs- und Amateurpaläontologen vergeben. Gewürdigt werden herausragende Einzelleistungen oder ein beachtliches Lebenswerk.

Mehr als nur Schulkreide

1997 gründeten 20 württembergisch-fränkische Unternehmen der Schotterbranche die Friedrich von Alberti-Stiftung. Sitz der Stiftung ist Ingelfingen, womit eine Schnittstelle zum Ingelfinger Muschelkalkmuseum und zu Dr. Hans Hagdorn gegeben ist. Der Alberti-Preis gilt europaweit als der höchstdotierte Preis für Paläontologen, also für jene Wissenschaftler, die sich mit Pflanzen und Tieren der Erdgeschichte befassen.

Die Schulkreide, die dem Laien als erstes in den Sinn kommt, wenn er von Kreide hört, ist nach Aussage von Manfred Kutscher in Wahrheit Gips. Kreide sei hingegen der reinste Kalk, den es gibt. Wurden in der Erdgeschichte schnell und unter Luftabschluss Lebewesen oder tote Organismen verschüttet - etwa durch Hangabrutschungen -, können heute Paläontologen in der Kreide Versteinerungen finden. Anschaulich beschrieb Kutscher den Weg vom Stachelhäuter zum Fossil und fand am Ende: „Ein Fossil zu werden ist nicht einfach.“

Museumsgründung

Bereits 50 000 Besucher zählte das von ihm gegründete und mit Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung geförderte Kreidemuseum auf Rügen seit seiner Gründung im Jahre 2005.

Botschaften aus der Kreidezeit lesen
Dr. Martin Westermann (links), Vorsitzender des Vorstands, und Frank Hippelein (Mitte), Vorsitzender des Kuratoriums, übergaben Manfred Kutscher den Preis.

Bürgermeister Michael Bauer lobte Kutscher als einen der renommiertesten Sammler. Isaac Newton habe einmal gesagt: „Was wir wissen, ist ein Tropfen, was wir nicht wissen, ist ein Ozean.“ Menschen wie Manfred Kutscher trügen dazu bei, dass der Tropfen größer und der Ozean kleiner werde. Bauer verwies darauf, dass das Muschelkalkmuseum derzeit erweitert wird und „in die erste Liga“ aufsteige.

Dr. Ralph Watzel vom Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau am Regierungspräsidium Freiburg würdigte den Verdienst der Alberti-Stiftung. „Die Wirkung strahlt weit über Hohenlohe hinaus.“ Dr. Mike Reich vom Geowissenschaftlichen Zentrum der Georg-August-Universität Göttingen nannte Kutscher einen „väterlichen Freund“ und betonte dessen Einsatz für den Naturschutz auf Rügen. Im Anschluss an die Preisverleihung, die musikalisch vom Trio Varioso umrahmt wurde, erläuterte Dr. Hans Hagdorn vom Muschelkalkmuseum die laufenden und künftigen Projekte der Alberti-Stiftung.