Bikern fehlt der Nachwuchs

Schlechtes Image, aus der Mode – Motorradclubs altern schneller als gewünscht

Von Sandra Weckert
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Anfang der 80er hatten die Squadrons Dörrenzimmern (hier, von links, Oliver Haaf und Daniel Kempf) dreimal so viele Mitglieder.Foto: Sandra Weckert

Hohenlohe - Sie haben Lederkutten, Maschinen und Traditionen. Nur eins fehlt den Motorrad-Clubs in Hohenlohe: der Nachwuchs.

In schwarzer Lederkutte, ein grinsendes Skelett auf dem Rücken, mit dem Schriftzug Yankees MC (Motorrad Club) Stachenhausen versehen, steht Klaus Biegel (42) hinter der Theke im nicht weit entfernten Vereinsheim des MCs.

Schlammbeschmiert An einem Holzbalken kleben Fotos von schlammbeschmierten Jungs, die in die Kamera lachen. Das sind Prospects (Club-Anwärter), auf einer Sommerparty nach einem Aufnahmeritual, bei dem sie im wahrsten Sinn durch den Dreck mussten, berichtet Biegel. Marco Mitsch, Vorstand der Squadrons Dörrenzimmern, erklärt, warum seine Kutte so zerfetzt ausschaut: Clubmitlieder fahren mit ihren Maschinen über die in einem Schlammloch liegende Weste des Anwärters. Das war es dann aber auch mit den Ritualen. Ansonsten ist den Bikern wichtig, dass Neulinge sich engagieren bei den Sommerfesten, bei den Sitzungen da sind und Ausflüge nach Mainz oder Mailand mitorganisieren. Aber auch das scheint zu viel.

Es gibt immer weniger Club-Anwärter, beklagt Biegel. Ähnlich geht es den 1981 gegründeten Drive Brothers in Forchtenberg, berichtet Mitglied Hans-Peter Gaufer (45). Das Rockerleben, die Hardrockmusik sei nicht mehr modern, vermuten die Squadrons. In den vergangenen Jahren schrumpfte ihre Mitgliederzahl von 30 auf zehn. Der Geschäftsbericht der Fahrschulen in Baden-Württemberg belegt es schwarz auf Weiß: Das Motorradgeschäft ist weiter rückläufig.

Vorsitzender Peter Tschöpe vermutet: Die Jugend gehe heute lieber in die Disko als Motorrad fahren. Warum? Zum einen habe die Industrie versäumt, attraktive Einsteigermodelle auf den Markt zu bringen. Zum anderen war Motorrad fahren in den 80ern und 90ern ein Zeichen von Freiheit und etwas Besonderes. Heute fehle das Außergewöhnliche. Außerdem könne sich die Jugend mit dem Hobby nicht mehr von den Älteren abgrenzen, weil diese selbst Motorrad fahren. Das Durchschnittsalter bei den Firebirds Belsenberg, dem größten MC in Hohenlohe, liegt bei 40 Jahren, schätzt Michael Heußer, mit 26 Jahren zweitjüngstes Mitglied.

Engagiert Er ist eingetreten, „weil es eine ganz spezielle Kameradschaft ist“. Der Vermessungstechniker hat die Erfahrung gemacht, „dass viele denken: Rocker schlägern sich und wollen unter sich bleiben“. In den 70ern, 80ern haben die Clubs noch um Gebietsansprüche gestritten. Jetzt engagieren sie sich für Behinderte, sammeln Spenden für Kindergärten, sagt Heußer. Biegel stimmt zu: „Heute stehen sich die Clubs freundschaftlich gegenüber.“ Das Symbolisiert auch die Yankee-Kutte von Torsten Killian (39). Der Niedernhaller hat 28 Sticker von anderen Clubs aufgenäht, als Zeichen, „dass man einander wohlgesonnen ist“, erklärt er.

In einem Punkt haben alle Biker den gleichen Eindruck: Immer weniger Menschen seien bereit, Verpflichtungen einzugehen. So gebe es immer mehr Hobbybiker – wie Ralf Herrmann. Seit 25 Jahren fährt der 41-Jährige Niedernhaller mit Motorradfreunden durch die Lande, aber „bei uns gibt es keine Satzung, kein Muss, keine Pflichtstunden“. Auch Peter Hinz, jahrelang Vorstand der Motorradfreunde Ohrnberg, will in keinen Club, denn „die leben für ihr Motorrad, für ihre Kutte. Das ist nicht meine Lebensauffassung“.


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