3000 Fans feiern Alexander Gerst in Künzelsau

Künzelsau  Obwohl es bei der Welcome-Party am Samstag wie aus Kübeln gießt, jubeln dem All-Star in der Hauptstraße mehr als 3000 Hartgesottene zu. Sie dürfen dem Astronauten die Fragen stellen, die ihnen unter den Nägeln brennen.

 

Alexander Gerst kehrt zurück nach Künzelsau – und der Himmel weint Freudentränen. Kurz bevor die heiße Phase der Welcome-Party in der Innenstadt um 17 Uhr beginnt, fängt es an, wie aus Kübeln zu gießen. Und es regnet, blitzt und donnert in einem fort. Trotzdem harren mehr als 3000 Besucher vor der Bühne in der Hauptstraße aus. Trocken wird es erst, als der Astronaut die Bühne verlässt und Peter Schilling zum musikalischen Finale aufspielt: völlig losgelöst, während sich die Menge doch ziemlich schnell auflöst.

Alexander Gerst blickt von der Bühne in die Hauptstraße und staunt nicht schlecht: „Ich habe gedacht, bei diesem Wetter sind vielleicht 200 Leute da.“ Doch auf seine Künzelsauer und Hohenloher kann sich der All-Star eben verlassen. „Danke fürs Durchhalten“, wird er sich später bei ihnen verabschieden. Und ihren ganz besonderen „Härtegrad“ loben.

„Was haben Sie eigentlich gemacht, als Sie zweieinhalb Tage vom Raketenstart bis zur internationalen Raumstation ISS in der Sojus-Kapsel waren?“

Rita Steinbacher aus Öhringen gehört zu diesen Hartgesottenen. Und sie hat an diesem Nachmittag einen besonderen Fang gemacht. Einer von drei blauen Bällen, die Bürgermeister Stefan Neumann ins Publikum geworfen hat, landet bei ihr. Das heißt: Sie darf auf die Bühne, ganz nah zu Astro-Alex, und ihm eine Frage stellen. Das macht sie ganz prima, und das nötigt auch Alexander Gerst Respekt ab.

„Was haben Sie eigentlich gemacht, als Sie zweieinhalb Tage vom Raketenstart bis zur internationalen Raumstation ISS in der Sojus-Kapsel waren?“ Darauf der Astronaut: „Ganz einfach: Wir haben die meiste Zeit geschlafen.“ Was auch bitter nötig gewesen sei, denn in den letzten Wochen der Vorbereitung und am Starttag selbst „hatte man dazu wenig Zeit“. Die Frage gefiel ihm, denn: „Sie ist mir bisher noch nie gestellt worden.“

Der kleine Luis aus Kappelrodeck will wissen: Wenn der Herr Wörner von der ESA ihn anrufen und fragen würde, ob er zum Mars fliegen wolle, würde er ja sagen? „Ich würde einsteigen“, antwortet Gerst. Schließlich habe er zur ESA vollstes Vertrauen. „Und du?“, fragt er zurück. „Ich auf jeden Fall“, meint Luis. Vom Alter her könnte es für Luis eher reichen als für Gerst. „Ich auf den Mond, Du auf den Mars“, so Gerst. Das wäre ein Deal, oder?

Der Herr Wörner heißt mit Vornamen übrigens Jan und ist Generaldirektor der European Space Agency (ESA). Darauf angesprochen, wie es ihm ging, als Alexander Gerst 2018 fast 200 Tage auf der ISS weilte, davon eine Zeitlang als Kommandant der Mission „Horizons“? „Meine Verantwortung für ihn war weitaus mehr, als nur sein Chef zu sein. Ich habe mich immer so gefühlt, als wäre ich sein Vater.“

Der Ehrenbürger von Künzelsau weiß ganz genau, was er an seinen Fans in der Heimat hat. Er tritt so auf, wie man ihn kennt: sympathisch, geerdet, kompetent. Sein Vortrag heißt „Über unsere Horizonte“, und er ist für „Fortgeschrittene“. Das kann er in Künzelsau problemlos bringen, denn hier kennt man sich mit der Materie ja mittlerweile bestens aus. Es geht um den Raketenstart und die Sojus-Kapsel, die ISS-Station und die vielen Experimente, die er dort durchgeführt hat und die beispielsweise helfen können, schlimme Krankeiten wie Alzheimer oder Krebs zu besiegen.

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Gerst zeigt Fotos aus dem All von der Hohenlohe, die nachdenklich stimmen

Es geht aber auch um eindrückliche Bilder von der Erde und die Perspektive des Von-Oben-Draufblickens, mit der er so viele Menschen zum Nachdenken angeregt hat und die in Zeiten der wachsenden Sorge um den Planeten auf so fruchtbaren Boden fällt. Es geht aber auch um seine Heimat: Künzelsau und das Kochertal. Dabei stellt Gerst zwei All-Bilder gegeneinander: eines von 2014 und eines von 2018. Auf dem einen sieht die Natur normal aus, auf dem anderen hat sie sich gelb, braun und ocker verfärbt: Der Hitze-Sommer lässt grüßen – und die Menschen noch nachdenklicher werden.

Künzelsaus Bürgermeister Stefan Neumann ist einmal mehr stolz, den Ehrenbürger für ein paar Stunden bei sich zu haben. Er verspricht: „Alexander Gerst wird Künzelsau nicht so schnell loslassen.“ Es seien noch viele weitere Aktionen geplant – nicht nur der Bau der Sternwarte, für die am Samstag der erste Spatenstich erfolgt ist. Künzelsau ist und bleibt also ein „kleines Weltraumstädtchen für sich“, wie die Moderatorin es genannt hat.

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Wirtschaftsminister Peter Altmaier: "Mit jedem Euro, den wir hier investieren, bekommen wir zwei Euro zurück“ 

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier hat nun selbst live miterlebt, was hier so alles möglich ist. Und er ist beeindruckt. Da Alexander Gerst schon alle wichtigen Ehrungen hinter sich habe, schenkt er ihm einen Bildband über die erste Mondlandung. Altmaier kann sich noch gut daran erinnern, damals war er elf Jahre alt. Und er sagt: „Wenn wir es irgendwie hinkriegen, schießen wir Sie auch noch mal auf den Mond.“ Dazu muss man wissen, dass der Bundeswirtschaftsminister auch für die deutsche Raumfahrt zuständig ist. Und es nicht immer leicht ist, die benötigten Mittel tatsächlich zu bekommen. Deshalb ist es ja so wichtig, dass ein Glücksfall wie Gerst so gekonnt auftritt und für den Nutzen der Raumfahrt wirbt. „Es geht um viel Geld“, weiß Altmaier. Doch es lohne sich. „Es wäre ein schlimmer Fehler, wenn sich Deutschland aus der bemannten Raumfahrt verabschieden würde. Mit jedem Euro, den wir hier investieren, bekommen wir zwei Euro zurück.“

Und Alexander Gerst? „Er ist über unsere Köpfe hinweggeflogen, aber er ist nicht abgehoben“, sagt Altmaier. „Er hat für unser Land weit mehr erreicht, als viele Politiker in ihrem ganzen Leben zustande bringen.“ Nämlich eine Visitenkarte abzugeben für dieses Land „und für die Menschlichkeit insgesamt“, als Kommandant einer Mission, bei der es auf Vertrauen und Zusammenhalt ankomme: über die Grenzen von Nationen hinweg. Vielleicht werde er ja doch noch mal eine „Tour um den Mond machen“, sagt Altmaier: und meint damit sich als 90-Jähriger, „wenn das mit der Weltraumfahrt so weiter geht“. Alexander Gerst würde er natürlich gerne „auf dem Mond“ sehen, und zwar schon viel früher. „Ich habe nichts dagegen, wieder einzusteigen“, sagt der zum Schluss. Seine Künzelsauer sicher auch nicht.

 


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