Jedes zweite Gewaltverbrechen an Frauen wird vom Partner begangen

Hohenlohe  Vor zehn Jahren erschoss Avdyl L. seine Ex-Frau Suzana F.

Von Barbara Griesinger
Email
Heute wäre Suzana 35 Jahre alt. Genau vor zehn Jahren wurde die Mutter zweier Töchter von ihrem Ex-Mann in aller Öffentlichkeit erschossen.Foto: Archiv/Griesinger

Sie war eine attraktive Frau, hilfsbereit, mit einem Herz voller Liebe, ehrlich, stolz, mitfühlend. Sie konnte auch albern sein und sie war eine gute Pide-Bäckerin." So hat Heiderose Ungerer, die frühere Leiterin des Hohenloher Frauenhauses, Suzana F. in Erinnerung, die heute auf den Tag genau vor zehn Jahren von ihrem Ex-Mann auf dem Stuttgarter Flughafen erschossen wurde.

Monatelang hatte die junge Kosovoalbanerin im Hohenloher Frauenhaus gelebt, nachdem ihr die Flucht aus ihrer Ehe geglückt war, in der ihr Mann sie jahrelang misshandelt, vergewaltigt und wie eine Gefangene gehalten hatte. Drei Jahre lang hatte sie "mit seinen Krallen am Hals" gelebt, wie sie es selbst in einer Zusammenfassung der dreijährigen Ehe beschrieben hat.

Morddrohung

Nachdem sie in Hohenlohe ein Stück Selbstbewusstsein und Sicherheit zurückgewonnen hat, hat er ihr Leben ausgelöscht − mitten in der menschenerfüllten Abfertigungshalle des Terminal 3. Achtmal hat Avdyl L. auf Suzana geschossen, die auf dem Weg zu ihren beiden Töchtern war, die er zuvor in den Kosovo geschafft hatte. Ganz wie er es schon Jahre zuvor angekündigt hatte, falls sie ihn verlasse. Er werde ihr ein Ohr oder die Nase abschneiden und zum Schluss werde er sie mit der Pistole erschießen, hatte er gedroht. Augenzeugen sprachen von einer regelrechten Hinrichtung im Flughafen.

Fassungslos

Wenn Heiderose Ungerer heute über den 31. März 2007 spricht, dann ist noch immer etwas von der abgrundtiefen Fassungslosigkeit, der Trauer und dem Zorn zu spüren, die nicht nur die Mitarbeiterinnen des Hohenloher Frauenhauses damals niederdrückten. Zorn auf Behörden − Richter, Staatanwältin, Jugendamt −, die trotz der Warnungen durch Suzanas Rechtsbeistand nicht verhindert hatten, dass der 32-jährige Türsteher seine Töchter außer Landes schaffte und so die Reise in den Kosovo erst nötig machten. Trauer, dass Suzana ihr eben erst wiedergewonnenes Leben nicht leben durfte, dass sie ihre geliebten Töchter, die sie bei ihrer Flucht zurücklassen musste, nicht wiedersehen durfte. Fassungslosigkeit, dass es keinen Schutz für Suzana gab.

"Ja, auf jeden Fall", sagen Heiderose Ungerer und ihre Nachfolgerin im Frauenhaus, Andrea Bühler, auf die Frage, ob etwas Ähnliches wieder geschehen könnte. Häusliche Gewalt ist auch zehn Jahre nach Suzanas Tod ein großes gesellschaftliches Problem geblieben. 2015 wurden bundesweit 331 Frauen Opfer von Gewalttaten mit tödlichem Ausgang. "Das ist fast jeden Tag im Jahr eine Tote", zieht Andrea Bühler eine traurige Bilanz. "Und 50 Prozent aller Frauen, die einen gewaltsamen Tod sterben, werden von ihrem Partner getötet", ergänzt Ungerer.

Auch für die Künzelsauer Rechtsanwältin Verena Löhlein-Ehrler war der Mord an ihrer Mandantin Suzana ein einschneidendes Erlebnis. "Wir habe gewusst, dass diese Reise in den Kosovo verdammt gefährlich war. Aber dass ihr hier auf dem Stuttgarter Flugplatz etwas passiert, damit haben wir nicht gerechnet. Das war ein Schock. Was man sonst aus Krimis kennt, war plötzlich Realität", sagt sie. Bis heute wisse sie nicht, wie Avdyl L. überhaupt erfahren habe, von wo und zu welcher Uhrzeit seine Ex-Frau in den Kosovo fliegen wollte.

Ihren Berufsalltag hat Suzanas Tod nachhaltig geprägt. Seitdem sei sie noch viel sensibler geworden im Umgang mit Bedrohungssituationen. 99,9 Prozent seien zwar leere Drohungen, aber man müsse immer so handeln, als sei die Gefährdung real, so das Fazit der Anwältin, die seit Suzanas Tod ausschließlich Opfer, niemals Täter vertritt. Für Verena Löhlein-Ehrler ist dies ein wichtiger Grundstein für das Vertrauen zwischen Rechtsbeistand und Mandantin.

Sensibilität

Vor allem die mediale Aufarbeitung des Mordes an Suzana habe zu mehr Sensibilität geführt, so die Erfahrung von Löhlein-Ehrler:. "Ich muss nur sagen: Ich will keine zweite Suzana, ich habe schon eine Mandantin verloren. Das wirkt bei Richter- und Staatsanwaltschaft." Doch Sicherheit, dass ein ähnlicher Mord nicht wieder geschehe, gebe es leider nicht.

 

Geheimhaltung des Zufluchtsorts nach häuslicher Gewalt ist ein Problem

"Die Unterstützung der Polizei vor Ort funktioniert", resümiert Frauenhausleiterin Andrea Bühler die Zusammenarbeit mit der Polizei im Hohenlohekreis. Während 2015 bundesweit 104 000 von Gewalt in der Partnerschaft betroffen waren, sind die Hohenloher Zahlen mit 55 Polizeieinsätzen bei häuslicher Gewalt im Jahr 2015 und 52 im Jahr 2016 deutlich überschaubarer. "Problematisch werden" könne die Unterstützung durch die Polizei indes, wenn eine Frau Polizeibegleitung wünsche, um etwa aus ihrer heimischen Wohnung zu holen, weiß Bühler und mutmaßt Personalengpässe bei der Polizei.

Als Möglichkeit des interdisziplinären Austausches wird auch der Runde Tisch schmerzlich vermisst, der einst zur Koordination interdisziplinärer Zusammenarbeit von Einrichtungen, Trägern freier Wohlfahrtspflege, Justiz, Polizei, Ärzten gegen häusliche und sexuelle Gewalt ins Leben gerufen wurde.

Das größte Problem ist indes die Adresssicherheit für Frauen, die nach Gewalterfahrungen Schutz im Frauenhaus suchen. Dass ihre Peiniger den Zufluchtsort nicht kennen, ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass sich Opfer häuslicher Gewalt sicher fühlen, ihre traumatischen Erlebnisse zumindest im Ansatz verarbeiten und einen Neuanfang wagen können.

"Verschiedene Behörden geben durch ihre Schreiben indes klare Hinweise auf den Aufenthaltsort der Frauen und gefährden dadurch ihre Sicherheit", so Andrea Bühler. Die Künzelsauer Rechtsanwältin Verena Löhlein-Ehrler wünscht sich deshalb eine zentrale Poststelle für sämtliche Frauenhäuser in Baden-Württemberg, von der aus behördliche Schreiben von und an Frauenhausbewohnerinnen weitergeleitet werden. "So wäre Kontaktaufnahme möglich, ohne die Anonymität der Fluchtadresse aufzuheben", sagt die Anwältin. 

 

 

 

 


Kommentar hinzufügen