Wie im Himmel

Auf dem Tanzboden hoch oben im Lindenbaum drehten sich einst die Paare

Von Barbara Griesinger
Wie im Himmel
Einen Hausbaum wie das alte Forsthaus auf Schloß Stetten einen hat, gibt’s nicht alle Tage. Stolz stellt Elida von Stetten die alte Tanzlinde vor.Foto: Barbara Griesinger

Künzelsau - Als Kinder sind wir natürlich oft auf ihr herumgekraxelt“, erinnert sich Elida von Stetten an ihre Kinderzeit im Schatten der uralten Linde im Garten des ehemaligen Forsthauses beim Schloß Stetten. Richtige Nester hätte sie sich mit ihren Spielkameraden in ihren mächtigen Ästen gebaut. An eine Schaukel kann sich die 88-jährige Dame indes nicht erinnern. „Doch die gab es. Aber das war zu unserer Zeit, da warst du schon erwachsen“, weiß dafür Wolfgang von Stetten, der als Kind unter der Linde geschaukelt hat. An rauschende Familienfeste und Geburtstagsfeiern beim Lindenbaum im Schatten ihrer mächtigen Äste erinnern sich beide, Cousin und Cousine.

Getanzt wurde bei diesen Festen bestenfalls noch im Garten unter der Linde. Dabei könnte der mächtige Baum, wenn er denn sprechen könnte, sicher von unzähligen Tanzvergnügen im Laufe der Jahrhunderte berichten. Denn die Linde beim Schloss Stetten war einst eine Tanzlinde.

„Das sieht man am Wuchs“, erklärt Wolfgang von Stetten und hat dabei den unteren Kranz der Äste im Blick. Der wurde bereits am jungen Baum so beschnitten, dass er später als Traggerüst für ein Tanzparkett dienen konnte, das Brett für Brett in die erste Baumetage gelegt wurde. Deshalb wurden die unteren Äste auch nochmals von Eichenpfählen gestützt, die heute von Metallträgern ersetzt sind.

Die Paare drehten sich dann im Tanz nicht unter dem Baum, sondern ein gutes Stück über dem Boden, direkt im Grün der Lindenblätter. Ein Gefühl muss das gewesen sein, als tanze man direkt in den Himmel hinein. Doch diese Zeiten sind lange vorbei. Weder der Baron noch seine Cousine erinnern sich an solche Tanzvergnügen. „Wahrscheinlich hat man damit aufgehört, als der letzte Förster ausgezogen ist,“ mutmaßt Wolfgang von Stetten - und das war bereits nach dem Ersten Weltkrieg. Inzwischen ist die Linde ein richtiger Baumsenior geworden. Und auch an ihr ist das Alter nicht ganz spurlos vorbei gegangen. „Früher ist sie noch sieben Meter höher gewesen“, erzählt Elida von Stetten. Doch um den den alten Baum zu erhalten, habe die Krone gekürzt werden müssen. Immer wieder war der Baumdoktor da, um den teils hohlen Stamm zu bewahren. Doch all diese Zipperlein haben seiner Energie keinen Abbruch getan. Jedes Frühjahr treibt die Linde kräftig aus, und Elida von Stetten freut sich über die vielen neuen Triebe, die sich aus dem Stamm recken: „Wie viel Lebenskraft dieser Baum doch hat!“

In die Jahre ist der Baumriese mittlerweile zwar gekommen, dafür ist er aber berühmt geworden. Er gehört zu den drei Bäumen im Hohenlohekreis, die mehr als neun Meter Stammumfang aufweisen, gemessen einen Meter über dem Boden. Und damit zählt ihn das Deutsche Baumarchiv zu den national bedeutsamen Bäumen in Deutschland. Wie alt er genau ist, das ist freilich noch immer sein Geheimnis. „500 Jahre werden es schon sein“, schätzt Wolfgang von Stetten.


Kommentar hinzufügen