Trauer um Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker

Stuttgart/Neuenstein  1920 wurde er in Stuttgart geboren, nun ist Richard von Weizsäcker gestorben. Die Familie des früheren Bundespräsidenten hat ihre Wurzeln in Hohenlohe.

 

 Der Tod des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker hat in Baden-Württemberg große Anteilnahme ausgelöst. Deutschland verliere eine herausragende politische Persönlichkeit und eine bedeutende moralische Instanz, teilte Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) am Samstag mit. „Richard von Weizsäckers bewegtes Leben erzählt wie kaum ein anderes die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts.“ Der Politiker starb am Samstag im Alter von 94 Jahren. Der Staatsakt für ihn findet am 11. Februar im Berliner Dom statt, im Anschluss soll von Weizsäcker im kleinen Kreis beigesetzt werden.

Von Weizsäcker stammte aus Stuttgart, er ist seit 1990 Ehrenbürger der Stadt. Der Alt-Bundespräsident sei ein großer Europäer und herausragender Präsident der Bundesrepublik Deutschland gewesen, sagte Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne). In seinem Amt habe er Maßstäbe gesetzt. „Die Stuttgarterinnen und Stuttgarter werden ihm ein ehrendes Gedenken bewahren.“ Seine Familie bleibe im Südwesten verwurzelt. 

Der promovierte Jurist war von 1984 bis 1994 Bundespräsident. Zuvor hatte er unter anderem das Amt des Regierenden Bürgermeisters von Berlin (1981 bis 1984) inne. Von 1969 bis 1981 war von Weizsäcker Mitglied des Deutschen Bundestages. Nach seinem Amtsantritt hatte er versprochen, „Präsident aller Bürger“ sein zu wollen. Als ein wichtiger Markstein seiner Amtszeit gilt die Rede vom 8. Mai 1985 zum 40. Jahrestag des Kriegsendes, in der er sich ohne Beschönigung mit den deutschen Verbrechen der Nazi-Zeit auseinandersetzte. Er bezeichnete den Tag des Kriegsendes und den Zusammenbruch des Nazi-Regimes als „Tag der Befreiung“.

Allein für diesen Satz sei Deutschland ihm tiefen Dank schuldig, sagte der CDU-Landeschef Thomas Strobl. „Richard von Weizsäcker war eine moralische Instanz, die ihresgleichen sucht - und über alle Parteien hinweg hoch geachtet wurde.“ 

Seine Integrität und Unabhängigkeit hätten seinen Worten Aufmerksamkeit, Kraft und Akzeptanz verliehen, erklärte die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Landtag, Edith Sitzmann. „Wir verlieren mit Richard von Weizsäcker einen Menschen und Politiker, der nicht nur bei uns, sondern auch international hohes Ansehen genoss.“

Von Weizsäcker wurde am 15. April 1920 in einer Mansardenwohnung des Neuen Schlosses in Stuttgart geboren. Daran erinnert heute eine Gedenktafel am Schloss. Zudem ist im Stadtteil Bad Cannstatt ein Bild von ihm aus jungen Jahren zu sehen: Sein Onkel, der Stuttgarter Bildhauer und Maler Fritz von Graevenitz, nahm den kleinen Richard zum Vorbild für die Figur des „Erbsen-Brunnen-Bübles“. 

 

Mit Hohenlohe verbunden

Die Wurzeln der Familie Weizsäcker liegen in Hohenlohe, in der Bernhardsmühle bei Neuenstein. Aus  Müllern wurden ab Ende des 18. Jahrhunderts  Theologen, Wissenschaftler, Diplomaten  und Politiker.

Der Öhringer Stiftsprediger Christian Ludwig Weizsäcker im frühen und der Tübinger Theologe und Universitäts-Kanzler Karl Heinrich Weizsäcker im späten 19. Jahrhundert waren wichtige Figuren im Aufstieg der Familie, was  Richard von Weizsäcker bei einem Besuch in Öhringen im Juli 2006 gegenüber Schülern schlagfertig so kommentierte:

Auch vor mehr als 100 Jahren sei der Umgang mit Mehl keine schlechte Voraussetzung für eine große Karriere gewesen. Das war natürlich ein Querverweis auf den gelernten Bäcker Jürgen Klinsmann, der damals als Teamchef der Fußballnationalmannschaft maßgeblich verantwortlich war für das deutsche Sommermärchen.

Der ehemalige Bundespräsident war im Juli 2006 nach Öhringen gekommen, weil die haus- und landwirtschaftliche Schule seinen Namen erhielt. Als die Richard-von-Weizsäcker-Schule 2010 einen Neubau am Maßholderbach einweihte, war der Alt-Bundespräsident wieder prominentester Gast. Tief ins Gedächtnis der Öhringer eingegraben haben sich die Familientreffen, zu denen die Weizsäckers in mehrjährigen Abständen in der Stadt zusammenkamen.

Besondere Prominenz erlangten die Treffen während der Präsidentschaft Richard von Weizsäckers in den 80er und 90er Jahren.  Beim Familientreffen mit rund 100 Teilnehmern im  Mai 1993 pflanzte Weizsäcker gemeinsam mit dem damaligen Öhringer Stadtchef Jochen K. Kübler einen Spitzahorn im Hofgarten. Ende 2013 wurde der Weizsäcker-Baum bei der Neugestaltung des Hofgartens mit Blick auf die Landesgartenschau gefällt. Ein Ersatzbaum soll seine Stelle einnehmen. rho/lsw