In der Hohen Tatra Wald und Wild gehegt

Im kleinsten Hochgebirge der Welt in der Slowakei liegt seit 80 Jahren ein Hohenloher Fürst begraben

Von Matthias Stolla
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In der Hohen Tatra Wald und Wild gehegt
Fürst Christian Kraft zu Hohenlohe-Oehringen (1848 - 1926).

Von Matthias Stolla

Wer durch das kleinste Hochgebirge der Welt wandert, steht möglicherweise irgendwann vor dem Grab eines Hohenloher Fürsten. Christian Kraft zu Hohenlohe-Oehringen hat in der Hohen Tatra aber mehr Spuren als nur einen Grabstein hinterlassen.

Javorina in der Slowakei ist ein Paradies. Unterhalb der bis zu 2500 Meter hohen Gipfel an der Grenze zu Polen leben Bären, Wölfe, Adler und Luchse. Der Nationalpark Hohe Tatra bietet Tieren und Pflanzen Schutz. Dass dem so ist, verdanken sie dem Fürsten aus Hohenlohe. Christian Kraft zu Hohenlohe-Oehringen (1848 - 1926), der Großonkel des heutigen Fürsten, hat das Gebiet um den 150-Seelen-Ort Javorina 1879 erworben. 500 000 Goldstücke soll er dafür bezahlt haben.

Die Hohenloher Fürsten aus Öhringen und Ingelfingen waren im benachbarten Oberschlesien zu beträchtlichem Besitz gekommen und hatten dort auch eine stattliche Residenz: Slawentzitz.

In Javorina baute sich Fürst Christian Kraft ein Jagdrevier auf. Viel Geld soll er in die Aufforstung der übel zugerichteten Wälder investiert haben. Außerdem importierte der passionierte Jäger Wild und ließ es in der Tatra aussiedeln: Wisente aus Polen, Steinböcke vom Sinai, Hirsche aus dem Kaukasus. Die Gegend um Javorina stand unter seinem Schutz: Für Schäfer war sie tabu, Touristen durften nur mit Genehmigung hinein. Wald und Wild entwickelten sich prächtig. Sogar Kaiser Wilhelm II. kam zur Jagd nach Javorina. Noch heute schmücken Trophäen das hölzerne Jagdschloss, aber auch das Schlossmuseum im Stammsitz in Neuenstein.

Neben Jagdschloss sowie Hütten und Wegen ließ Christian Kraft in Javorina auch eine Holzkirche bauen, die der evangelische Fürst einer Heiligen widmen ließ: St. Anna, der Schutzpatronin der Bergleute.

Auf dem Friedhof der kleinen Kirche liegt der Fürst begraben. 1926 war er im ungarischen Somogyszob kinderlos gestorben, unweit der späteren Künzelsauer Partnerstadt Marcali. Sein Grabstein steht neben dem seiner Lebensgefährtin und großen Liebe Otilie Gräfin Lubraniec-Dambska.

Christian Kraft zu Hohenlohe-Oehringen galt als einer der reichsten Männer im Kaiserreich und war berühmt genug, dass ihm der Dichter Gottfried Benn einen launigen Nachruf widmete: „So schuf er für das Ganze, und hat noch hochbetagt, im Bergrevier der Tatra, die flinke Gemse gejagt, drum ruft ihm über die Bahre, neben der Industrie, alles Schöne, Gute, Wahre, ein letztes Halali.“

1936 verkauften die Hohenlohe Javorina an die Tschechoslowakei - allem Anschein nach nicht ganz freiwillig. Der Staat erklärte den Wildpark mit 38 000 Hektar Wald zum Schutzgebiet. Das wiederum gilt als Urzelle des 1948 gegründeten und bis heute bestehenden Nationalparks Hohe Tatra.

Der heutige Fürst, im Januar 1933 im schlesischen Breslau geboren, war als Zweijähriger zum ersten und letzten Mal in Javorina, ehe die Familie den Besitz verlor. Erst viele Jahre später, 1998, besuchte er zusammen mit seiner Ehefrau Katharina das ehemalige Jagdrevier seines Großonkels in der Hohen Tatra in der Slowakei. Anders als alle anderen Touristen durften die beiden im alten Jagdschloss Christian Krafts übernachten.

In der Hohen Tatra Wald und Wild gehegt
In der Hohen Tatra Wald und Wild gehegt

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