In der Hand des Schlecker-Räubers

Ingelfingen - Den 19. März 2010, ein Freitag, wird Jutta K. nie vergessen. Überfallopfer Jutta K. berichtet von den schlimmsten Minuten ihres Lebens und dem Weg aus der Angst

Von Hagen Stegmüller
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"Bei jedem Kunden bekam ich einen Tritt in den Magen."

Jutta K.

Ingelfingen - Mehr als drei Stunden am Stück kann Jutta K. (Name geändert) nicht schlafen. Dann wacht sie auf und sieht ein Gesicht vor sich. Es ist oval mit Kinngrübchen, hat Bartstoppeln und einen dunklen Teint. "Die Konturen verschwimmen allmählich", erzählt Jutta K. Das ist ein gutes Zeichen. Es zeigt, dass die Bedrohung nachgelassen hat.

Den 19. März 2010, ein Freitag, wird Jutta K. nie vergessen. An diesem Tag betritt ein 21-jähriger Türke mit dunklen Haaren und orangefarbenem Sweatshirt den Ingelfinger Schlecker-Markt. "Kasse auf!", herrscht er die 60-jährige Angestellte von der Seite an. Jutta K., zu diesem Zeitpunkt allein im Laden, denkt erst an einen Scherz. Dann sieht sie die Pistole. Sekunden später hält ihr der Mann die Waffe an den Hals. Jutta K.s Herz pocht wie wild, sie zittert, ihr Magen krampft sich zusammen. Gleichzeitig denkt sie an Gott. "Hilf mir, Jesus", betet sie und wird ruhiger. Ihre Nerven flattern weiter, doch äußerlich gewinnt sie an Sicherheit.

200 Euro "Ich mach" ja alles, tu das Ding weg", sagt sie zu dem Mann und wischt mit einer langsamen Armbewegung die Pistole weg. Tatsächlich steckt der Räuber die Waffe ein. Punktsieg. Jutta gibt dem Mann 200 Euro, wird ins Büro gedrängt. Dort soll sie fünf Minuten sitzen bleiben. Die Verkäuferin glaubt, dass alles überstanden ist, doch der Täter kommt noch einmal zurück. Er hat eine zweite Kasse entdeckt und will auch dieses Geld haben.

Jutta K. schließt ein zweites Mal auf, muss wieder zurück ins Büro. Nach zwei Minuten betritt endlich eine Kundin die Drogerie. Die Gefahr ist gebannt.

Über den Täter wird noch viel geredet werden. Er sitzt in U-Haft und wartet auf seinen Prozess. Aber was ist mit den vier überfallenen Schlecker-Frauen von Ingelfingen bis Bühlertann, denen der 21-Jährige die furchtbarsten Minuten ihres Lebens verschafft hat?Jutta K. versucht fünf Tage nach dem Überfall, erstmals wieder allein zu arbeiten. "Bei jedem Kunden, der ins Geschäft kam, bekam ich einen Tritt in den Magen", erinnert sich die 60-Jährige an Momente voller Angst.

Furcht

Männer, die eine ähnliche Statur wie der Räuber haben, sowie orange gekleidete Menschen flößen ihr besondere Furcht ein. Nach einer Stunde sind ihre Nerven zum Zerreißen gespannt. Sie kann nicht mehr, ruft die Filialleiterin an und geht zum Arzt. Sie wird krankgeschrieben und an eine Psychotherapeutin verwiesen. Dort ist sie bis heute in Behandlung.

Vier Wochen sind seit dem Überfall vergangen − und in Jutta K.s Leben geht es wieder aufwärts. "Es hilft mir, über den Fall zu reden", sagt sie. Je öfter sie darüber berichtet, umso mehr wird der Überfall für sie zu einer Geschichte. Eine Geschichte, die nicht mehr aktuell und irgendwann abgeschlossen ist.

Wenn Jutta K. mit Freunden zusammen ist, kann sie auch unbeschwerte Stunden verbringen. An anderen Tagen denkt sie noch oft an den schwarzhaarigen Mann mit der Waffe. Auch die Dunkelheit gibt ihr seit dem Überfall ein mulmiges Gefühl. Wenn es bei Freunden etwas später geworden ist, traut sie sich nicht mehr heim − weder zu Fuß noch mit dem Auto. Nächste Woche wagt Jutta K. einen neuen Anlauf. Sie will wieder arbeiten gehen, zunächst zu zweit, später auch allein. Der Räuber wird nicht wiederkommen, er sitzt im Gefängnis.

"Er tut mir leid", sagt Jutta K., ohne ihr Gefühl begründen zu können. In dem Prozess gegen den 21-Jährigen wird sie als Nebenklägerin auftreten. Auch das werde ihr helfen, mit dem Geschehen abzuschließen. Jutta K. sagt das mit fester Stimme, trinkt ihren Tee aus und geleitet ihren Besucher mit einem Lächeln hinaus. Das letzte Geräusch verursacht der Schlüssel, der sich zweimal im Türschloss dreht.

Hintergrund: Weißer Ring hilft

Als Verbrechensopfer wird Jutta K. von der Hohenloher Außenstelle des Weißen Rings betreut. Die gemeinnützige Organisation hilft mit Beratungsschecks für Anwälte und Therapeuten und bleibt mit den Opfern in Kontakt. Im Jahr 2009 wurde die Hohenloher Außenstelle in 27 Fällen aktiv. Darunter waren acht Fälle des sexuellen Missbrauchs, fünfmal ging es um schweren Raub und Körperverletzung, viermal um schwere Körperverletzung. Auch zwei weibliche Stalking-Opfer erhielten vom Weißen Ring im vergangenen Jahr Beistand. Nachdem sich auf Betreiben der Hilfsorganisation ein Anwalt eingeschaltet hatte, hörten die Nachstellungen in einem Fall auf. Die Außenstelle wird seit Januar 2009 von Jürgen Kober aus Niedernhall geleitet. Er ist unter Telefon 07940/548 380 zu erreichen. Zuvor war 17 Jahre lang Polizist Rainer Ott aus Waldenburg verantwortlich.

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