Erst Bomben, dann Kaugummi

Künzelsau - Wilhelm Gros erlebte als Kind das Kriegsende am Kocher vor genau 65 Jahren. Der gebürtige Essener, Jahrgang 1935, musste seine Heimatstadt verlassen, weil feindliche Bomber das Ruhrgebiet ins Visier nahmen.

Von Matthias Stolla

Erst Bomben, dann Kaugummi
Wilhelm Gros mit seinen Eltern (rechts) und Lore Seiler im August 1941.

Künzelsau - Meine Mutter und ich fuhren irgendwann mit dem Zug nach Künzelsau", erinnert sich Wilhelm Gros. Im Sommer 1941 war das. Der gebürtige Essener, Jahrgang 1935, musste seine Heimatstadt verlassen, weil feindliche Bomber das Ruhrgebiet ins Visier nahmen. Seine Kindheitstage am Kocher waren friedlich. Bis der Krieg auch nach Künzelsau kam.

Mittelalterlich und dörflich habe die Kleinstadt mit ihren 4000 Einwohnern auf ihn gewirkt. "Ich verlebte dort eine herrliche und meist ungetrübte Kindheit", sagt er heute. Fahrradfahren, angeln und schwimmen lernte er in Künzelsau.

Wilhelm Gros und seine Mutter lebten bei einem Lehrerehepaar, der Familie Jakob und Käthe Seiler, in einem Haus neben der Aumühle. Sein Vater kam öfter zu Besuch, zwischen den Familien entwickelte sich ein freundschaftliches Verhältnis.

Waltraut Horlacher ist heute 82 Jahre alt. Die Künzelsauerin erinnert sich an Kinder, die aus gefährdeten Städten an den Kocher geschickt wurden: "Wir hatten welche aus Rastatt, in der Nachbarschaft waren welche aus Essen."

Tiefflieger

Wie viele andere kauften Gros und seine Mutter Eier, Butter, Fleisch, Kartoffeln und Milch zu "weit überzogenen Schwarzmarktpreisen" bei Bauern. Regelmäßig wanderten sie nach Gaisbach, um dort frisch gemolkene, noch warme Kuhmilch zu holen. Sehr romantisch sei das gewesen, sagt Gros, mitunter aber auch gefährlich, wenn Tiefflieger kamen. "Meine Mutter riss mich am Arm, wir sprangen über den Straßengraben und umklammerten einen der Obstbäume." Die Flugzeuge umkreisten das Gelände. "Ich konnte die Piloten in den Kanzeln sehen", sagt Gros, "meine Mutter betete laut". Die beiden flohen in ein Wäldchen und warteten, bis die Flugzeuge verschwanden.

Eines Tages seien einige Brandbomben auf die Stadt gefallen, erinnert sich Gros. "Herr Seiler saß am nächsten Tag vor seinem Volksempfänger und wartete auf eine Meldung über das Ereignis vom Vortag", sagt der 75-Jährige. Vergebens − angesichts der verheerenden Bombenschäden in den Großstädten war der kleine Angriff auf Künzelsau dem "Großdeutschen Rundfunk" keine Meldung wert. "Die Bevölkerung hatte nicht die geringste Ahnung vom Ausmaß der Zerstörungen", folgert Gros.

Im April 1945 kommt der Krieg nach Künzelsau. Amerikanische Einheiten nehmen die Stadt von Garnberg aus unter Beschuss, "weil der damalige Bürgermeister sich nicht ergeben wollte", sagt Gros. Das war auf den Tag genau heute vor 65 Jahren, am Dienstag, 10. April 1945. In einem Felsenstollen im Zollstock bekommt er nicht mit, wie die US-Artillerie Häuser in Künzelsau in Brand schießt. Es gibt Tote und Verletzte. Dass die Stadt nicht völlig zerstört wird, verdankt sie Garnbergern, die ihr Leben riskieren, indem sie nach Künzelsau kommen und in zähen Verhandlungen die Übergabe der Stadt erreichen.

Erst Bomben, dann Kaugummi
In diesem Haus in der Aumühle lebte Wilhelm Gros von 1941 bis 1947.

Schwarze

"Ich sehe heute noch, wie die Amis kommen", sagt Waltraut Horlacher. Die Brücke war gesprengt worden, die GIs überquerten den Fluss beim Wehr und kamen über die Lindenstraße in die Stadt. 17 Jahre alt war Waltraut Horlacher damals und sah zum ersten Mal in ihrem Leben schwarze Menschen.

Als Gros und seine Mutter den Stollen verlassen, ist der Krieg in Künzelsau vorbei. Am Eingang stehen US-Soldaten. "Jeder von uns sprach mit erhobenen Armen ,I surrender", ich ergebe mich."

Wilhelm Gros lernt die Besatzer kennen. Sie beschlagnahmen Häuser und zerstören deren Einrichtungen. Andererseits versorgen sie den Jungen mit Kakao, Schokolade, Kaugummi, einmal sogar mit einem Eimer voll Pfannkuchenteig. "Wir haben solange den Teig verbraucht, bis der Eimer leer war. Unvorstellbar für Kinder in der heutigen Zeit." Ein GI schenkt dem Zehnjährigen ein Akkordeon, das seine Mutter wenig später bei einem Bauern gegen ein Spanferkel eintauscht.

Erst Bomben, dann Kaugummi
Waltraut Horlacher zeigt, wo sie die ersten Amerikaner sah.Fotos: Stolla/privat

Rückkehr

Im Sommer 1947 kehrt die Familie ins Ruhrgebiet zurück. Wilhelm Gros" Mutter hält bis zu ihrem Tod 1987 Kontakt mit Käthe Seiler. 51 Jahre vergehen, bis Wilhelm Gros 1998 wieder nach Künzelsau kommt. In einem Straßencafe genießt er Kaffee und Kuchen und fragt sich: "Wer hätte das damals gedacht?" Das Haus der Seilers steht noch, die Aumühle nicht mehr, und "der Kocher ist schmutzig", sagt er. Der Felsenstollen ist zugemauert, und Gerhard, der Sohn der Familie Eberle in Kemmeten, spielt auf dem Akkordeon, das Mutter und Sohn damals für ein Spanferkel hergaben.

Künzelsau, sagt Gros, habe sich gar nicht so sehr verändert, aber Gaisbach: "Dort sind auf freiem Feld Fabrik- und Lagerhallen mit kaum vorstellbarem Ausmaß entstanden." Ganz in der Nähe besucht Gros das Wäldchen, das ihm und seiner Mutter damals Schutz gegen die Tiefflieger geboten hat: "Auch darin habe ich mich aufgehalten und Erinnerungen zurückgerufen, wenn auch nicht so schöne."

Zur Person: Wilhelm Gros


Am 4. Januar 1935 wurde Wilhelm Gros (Foto: privat) in Essen geboren. Laut Gästebuch der Familie Seiler kam er mit seiner Mutter am 3. Juli 1941 nach Künzelsau. Dort lebte die Familie sechs Jahre lang. Gros’ Vater kam 1943 nach einem Großangriff alliierter Bomber auf Essen ebenfalls nach Künzelsau. „Bei dem Angriff haben wir unser Heim verloren“, schreibt Wilhelm Gros in seinen Erinnerungen. Der heute 75-Jährige lebt in Mülheim im Ruhrgebiet. mas