Ein Stein gegen das Vergessen

Der erste „Stolperstein“ im Hohenlohekreis erinnert an den ermordeten Karl Lung

Von Matthias Stolla

Ein Stein gegen das Vergessen
Hans Lung vor dem Stein, der an seinen Onkel Karl erinnert.Fotos: Henry Doll

Künzelsau - An seinen Onkel Karl kann sich Hans Lung (78) aus Künzelsau noch gut erinnern. Auch daran, dass er „nach Weinsberg“, dann in eine andere „Heilanstalt verbracht“ wurde und von dort nicht mehr lebend zurückkehrte. 1940 war das. 67 Jahre später sorgt Hans Lung dafür, dass sich auch andere Menschen daran erinnern, dass sein Onkel von Staats wegen ermordet wurde: in der so genannten Heilanstalt Grafeneck, wo nationalsozialistische Ärzte geistig und psychisch kranke Menschen töteten.

„Ich muss das machen“, sagt der 78-Jährige, „ich will die Erinnerung wachhalten, dass so etwas passiert ist.“ Hans Lung will seine Aufgabe erledigen, ehe niemand mehr in der Stadt lebt, der sich noch an „so etwas“ erinnern kann. 95 Euro hat er für den messingfarbenen Stolperstein bezahlt und mit der Stadtverwaltung abgeklärt, dass er den ersten Stolperstein im Hohenlohekreis vor seinem Haus in der Farbgasse einbauen darf. Die ersten Stolpersteine in der Region wurden in Schwäbisch Hall verlegt.

Eine Stolperfalle für Fußgänger wird der Stein nicht werden, eher für das Vergessen. „Hier wohnte Karl Lung, 1. 6. 1902, eingewiesen 1940, Heilanstalt Grafeneck, ermordet 16. 7. 1940“ steht darauf zu lesen. Karl Lung war eines der mehr als 100 000 Opfer des Euthanasie-Programms der Nationalsozialisten.

„Er war ein absoluter Einser-Mann“, sagt Hans Lung über seinen Onkel. Die Ausbildung zum Volksschullehrer scheint dem Künzelsauer in den Jahren zwischen den Kriegen keine Schwierigkeiten bereitet zu haben. Die Stellensuche dagegen schon. „Er hat keine gekriegt“, sagt Hans Lung. Hoffnung schöpfte der junge Mann, als er hörte, Lehrer für den Auslandsdienst würden gesucht. „Irgendwo in der Ostseeregion machte er dann eine Ausbildung.“

Psychisch krank Tag und Nacht habe er dort studiert und sogar zwei Semester übersprungen. Dann aber machte sich vermutlich eine psychische Erkrankung bemerkbar. „Plötzlich kam die Nachricht, er sei ssst“, sagt Lung und macht eine Handbewegung schräg übers Gesicht. Der „Einser-Mann“ sei „wegen übergroßer Intelligenz nübergschnappt“, vermutet der Rentner.

Vom Bundesarchiv in Berlin erfuhr Lung: Sein Onkel „wurde 1927 erstmals in die Heilanstalt Weinsberg eingewiesen und kam mehrfach wieder nach Hause, bis er 1931 endgültig in Weinsberg bis zu seinem Abransport am 16. Juli 1940 verblieb.“ An einen Besuch in Weinsberg kann sich Hans Lung noch erinnern: „Das muss 1938 oder 39 gewesen sein. Wir haben ihm ein Stückle Schinkenwurst gebracht, aber das hat er nicht angenommen, weil es angeschnitten war.“ Sein Onkel, erzählt Lung, habe Angst gehabt, man wolle ihn vergiften: „Der hat da schon irgend etwas gespürt.“

„Knall auf Fall“ sei Karl Lung dann abtransportiert worden. Danach „kann ich mich an nichts erinnern“, sagt sein Neffe 67 Jahre danach. Bis zu dem Tag, als die Nachricht vom Tod seines Onkels eintraf: „Es hieß, wir könnten eine Urne auf dem Rathaus abholen. Gegen Gebühr.“ Ein Jahr später starb Hans Lungs Großmutter, die Mutter von Karl Lung. Die Urne kam zu ihr ins Grab. Der Stein auf dem inzwischen längst abgeräumten Grab trug wohl nie das korrekte Todesdatum. Es sei vermutlich eine Fälschung, schrieb der Verein Gedenkstätte Grafeneck Hans Lung: „Wir gehen davon aus, dass Ihr Onkel am 16. Juli 1940 zusammen mit 74 anderen Menschen aus Weinsberg nach Grafeneck deportiert und am selben Tag ermordet wurde.“

Der ehemalige Künzelsauer Stadtrat Emil Jäger kann sich an den Besuch in Weinsberg erinnern: „Ich war damals neun. Onkel Karl war der jüngste Bruder meiner Mutter. Später habe ich erfahren, dass damals noch zwei Künzelsauer in Weinsberg waren.“

Auch sie kamen nie zurück. Vermutlich werden die Stolpersteine in Künzelsau und Schwäbisch Hall nicht die einzigen in der Region bleiben. „Ich hoffe, andere ziehen nach“, sagt Hans Lung.