Das eisige Hohenlohe liegt kurz vor dem Nordpol

Im 19. Jahrhundert entdeckt: Die seltsame Geschichte einer einsamen Insel mit dem Namen Hohenlohe im Eis der hohen Arktis

Von Matthias Stolla
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Eisige Eindrücke aus der Arktis: Unweit dieser frostigen Kulisse fanden Forscher die Insel Hohenlohe, die sich kurz vor dem Nordpol befindet. (Fotos: M. Stolla)

Die Recherche begann mit einem Roman. Die Schrecken des Eises und der Finsternis heißt das Buch von Christoph Ransmayr. Der in Irland lebende österreichische Schriftsteller beschreibt darin die Abenteuer der österreichisch-ungarischen Nordpolexpedition 1872-1874.

Damals, als Österreich noch Kaiserreich war, hatten vermögende Förderer tatsächlich ein Schiff in den hohen Norden geschickt. Mit der Admiral Tegethoff segelten Karl Weyprecht als Kommandant zur See und Julius Payer als Kommandant zu Lande sowie 20 Mann Besatzung plus Schlittenhunde von Bremerhaven nach Tromsö in Nordnorwegen. Von dort startete die Expedition nach Nordosten in die Barentssee und suchte den Weg nach China über die Nord-Ost-Passage. Ohne Erfolg. Das Schiff fror im Packeis fest, und die Mannschaft erlebte zwei sonnen- und trostlose Polarwinter in Eis und Kälte.

Im Morgennebel des 30. August 1873 entdeckten die Österreicher Land: kahle und vergletscherte Inseln. Zu Ehren ihres Kaisers nannten sie den Archipel Franz-Joseph-Land . So heißt die Inselgruppe heute noch.

Christoph Ransmayr zitiert Tagebucheintragungen der Expedition. Während einer der strapaziösen Erkundungen zu Lande heißt es, dass man an einer Insel gelagert habe, die Payer Hohenlohe-Insel nenne. Wie kommt ein in Böhmen geborener österreichischer Offizier dazu, eine Insel nach dem Hohenloher Fürstengeschlecht zu benennen? Und: Ist der zitierte Tagebucheintrag authentisch?

Auf Landkarten und in Atlanten ist eine Hohenlohe-Insel so gut wie nie zu finden. Auch das Hohenloher Zentralarchiv im Neuensteiner Schloss weiß nichts über ein solches Eiland. Eine Erfindung des Schriftstellers? Mitnichten.

Die Hohenlohe-Insel ist so real wie die österreichisch-ungarische Polarexpedition. Sie findet sich im Internet beispielsweise auf einer Seite über russische Territorien (siehe unten) mit Angabe der Koordinaten: 81 Grad 35 Minuten nördliche Breite, 58 Grad 30 Minuten östlicher Länge.

Auf dieser historischen Karte ist die Insel Hohenlohe zu erkennen. Eine österreichisch-ungarische Nordpolexpedition entdeckte sie.
Auch auf der Homepage von Dr. Christoph Höbenreich spielt das Eiland eine Rolle. Der österreichische Geograph und Bergführer war von 29. April bis 22. Mai dieses Jahres mit seinem Team auf den Spuren der Entdecker von einst im eisigen Archipel unterwegs. Im Tagebuch der Payer-Weyprecht-GedächtnisExpedition steht am 19. Mai 2005 zu lesen: Danach gelingt es uns, die Insel Hohenlohe zu durchqueren. Die Insel hat weite Gletscherflächen, und es fällt schlechtes Wetter ein! Null Sicht, nur Nebel - totales ,White Out'. Wir können uns dennoch mit Kugelkompass und Garmin-GPS punktgenau bis auf das Kap Schröter vortasten. Wir fühlen uns sehr ausgesetzt. Ganz alleine ohne Zelt, Kocher und Schlafsack bei diesem schlechten Wetter so fern von unserem Ausgangslager. Schließlich finden wir auch Payers Lagerplatz.

Die Hohenlohe-Insel ist, abgesehen von Eisbären, Polarfüchsen und Vögeln, gänzlich unbewohnt. Sie liegt südlich von der Rudolf-Insel und damit am Nordende des europäischen Kontinents. Das Nordkap liegt weit unten im Süden.

Julius Payer und seine Männer haben 1874 bei ihren waghalsigen Fußmärschen auf der Hohenlohe-Insel campiert und schließlich die Rudolf-Insel erreicht.

Der Kommandant glaubte, im Norden und Osten weitere Inseln erkennen zu können und verteilte munter Namen, die wenige Jahre später auch auf einer Karte des berühmten norwegischen Polarforschers Fritjof Nansen auftauchen: Petermann-Insel, König-Oscar-Land. Dabei ist der kühne Entdecker aber auf Nebelbänke hereingefallen - die Inseln gibt es nicht.

Andere tragen dagegen ihre seltsamen österreichischen Namen noch heute. Die Wiener Neustadt Insel, die Klagenfurt-Insel oder das Wilczek Land, benannt nach dem Förderer der Expedition, dem Grafen Hans Wilczek. Ihre Namen stehen auf Nansens Karte so wie auch das Kap Tirol, das Kap Grillparzer und die Hohenlohe-Insel.

An wen aber dachte Julius Payer, als er die kleine Hohenlohe-Insel entdeckte? Zwei Hohenloher standen in des Kaisers Diensten: Konrad Prinz zu Hohenlohe-Schillingsfürst und Konstantin Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst.

Der Prinz kann es nicht sein, der ist ja erst 1863 geboren , sagt Dr. Peter Schiffer vom Hohenloher Zentralarchiv. Der Vater des Prinzen, Konstantin Fürst zu HohenloheSchillingsfürst, müsse gemeint sein, erklärt der Leiter des Archivs: Der wurde 1828 geboren, war Obersthofmeister und General der Kavallerie am Hof in Wien. Das war eine sehr exponierte Stellung in der Nähe des Kaisers.

Ob Julius Payer jemals in Hohenlohe war, ist nicht überliefert. Vermutlich dachte er bei der Namensgebung doch eher an den Fürsten als an die liebliche Landschaft an Kocher und Jagst, die mit der trostlosen Ödnis in der hohen Arktis nur sehr wenig gemeinsam hat.

Info: Wer mehr erfahren möchte, hier ein Buchtipp:  Die Schrecken des Eises und der Finsternis , Christoph Ransmayr, Fischer Taschenbücher Bd.5419. Infos über die Hohenlohe-Insel im Internet: traveljournals.net oder unter franzjosefland.com


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