Geometrie im Grünen

öhringen  Gärtner unterrichten Mathe auf der Laga − Praxisbeispiel soll Interesse der Schüler am Fach fördern

Von unserem Redaktions- mitglied Christoph Feil

Geometrie im Grünen
Wie kommt der rechte Winkel auf die Wiese? Das erklärte der angehende Landschaftsgärtner Lukas Raßmann Neuntklässlern des Bildungszentrums Bretzfeld.Foto: Feil

Pling, pling, pling. Zögerlich hämmert Charlotte mit dem Fäustel auf die Eisennadel. "Nur drauf", ermuntert Lukas Raßmann die 15-Jährige. "Es ist egal, falls du meine Hand triffst", sagt der angehende Landschaftsgärtner und hält die hüfthohe Stange fest. Also legt die Bretzfelderin einen Zahn zu. Doch schon bald geht ihr die Puste aus. Mitschülerin Ivett springt ein. Schlag um Schlag bohrt sich die Nadel weiter in den Erdboden. Das Abmessen und Abstecken des Geländes − es dauert doch länger als zunächst gedacht.

Wie kommt der rechte Winkel auf die Wiese? Dieser Frage gingen 21 Schüler des Bildungszentrums Bretzfeld am Mittwochvormittag im Grünen Klassenzimmer auf der Landesgartenschau in Öhringen nach. Mit Bleistift, Geodreieck und Papier mussten die Neuntklässler beim praktischen Mathematikunterricht der Landschaftsgärtner zunächst eine Bauminsel für den Schulhof planen. Anschließend übertrugen die Jugendlichen den Entwurf des Sitzelements mit Schnur, Isolierband und Meterstab auf den Rasen der Cappelaue.

Pythagoras

Neben handwerklichem Geschick waren dabei insbesondere auch Kenntnisse in Geometrie gefragt. Stichwort: Satz des Pythagoras. "Ein Landschaftsgärtner mäht eben nicht nur Wiesen und schneidet Hecken", stellt Elke Grüber klar. Die Referentin für Nachwuchswerbung beim Verband Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau Baden-Württemberg betont: "Er muss beispielsweise auch Flächen- und Masseberechnungen beherrschen." Darum sei die Mathematiknote durchaus eine Note, auf die Ausbildungsbetriebe achten.

"Mein Arbeitgeber hat erstmal geschluckt", gesteht Lukas Raßmanns. Denn mit einer Fünf in Mathe ging der Obersulmer damals von der Realschule ab. Doch in der Berufsschule hat sich der 21-Jährige deutlich verbessert. In Mathe hat er es jetzt auf eine Zwei geschafft. "Weil ich sie selbst anwende und sehe, was ich damit bauen kann", ist Raßmann überzeugt.

Mit eigenen Augen Anwendungsmöglichkeiten einmal mit eigenen Augen sehen, das gefällt auch Denis an dieser Lehreinheit unter freiem Himmel. "Bisher habe ich das alles nur theoretisch gewusst. Jetzt sehe ich, wie es im Alltag gebraucht wird", lobt der 15-Jährige, der sich im praktischen Teil des Unterrichts aber trotzdem lieber zurückhält. Er und Mitschüler Paddy lassen den Mädels der Gruppe nur allzu gerne den Vortritt. "Die wollen doch freiwillig", sagt der Bretzfelder grinsend.

Verwunderung

"Ich habe noch nie erlebt, dass sich jemand freiwillig meldet", wundert sich Johannes Krieg über das Engagement seiner Schüler. Das Fazits des Lehrers nach 90 Minuten? "Es ist sehr handlungsorientiert und nicht nur Theorie". Stark themenabhängig sei das Interesse seiner Schüler am Fach, berichtet der 30-Jährige. "Bei Gleichungen sackt es zum Beispiel ab." Greifbare Inhalte machten hingegen mehr Spaß. Die Prozentrechnung etwa. "Die brauchen wir aber erst später im Leben", findet Jana. "Oder für den H&M", ergänzt Mitschülerin Charlotte.