"Noch fehlt das politische Signal für die Kultur"

Interview  Warum Marcus Meyer, Intendant des Hohenloher Kultursommers, optimistisch auf die Spielzeit in diesem Sommer blickt. Und davon ausgeht, dass das Musikfestival am 5. Juni startet und 70 Veranstaltungen präsentiert bis Mitte Oktober.

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Der Hohenloher Kultursommer will im?Juni auf Schloss Neuenstein mit einem Konzert der Donau Philharmonie Wien starten. In welchem Rahmen, ist ungewiss.

Foto: privat

Der Hohenloher Kultursommer will sich von der Pandemie nicht unterkriegen lassen und am 5. Juni in seine 35. Saison starten. 70 Veranstaltungen sind bis 16. Oktober geplant. Im Interview mit unserer Zeitung spricht Intendant Marcus Meyer von Unabwägbarem, der Hoffnung, den Menschen ein wenig Kultur zu schenken. Und davon, dass die Politik Rahmenbedingungen schaffen muss für die Kulturbetriebe.

 

Wie wohl ist es dem Intendanten des Hohenloher Kultursommers bei dem Gedanke, dass am 5. Juni das Eröffnungskonzert stattfindet?

Marcus Meyer: Ich bin nach wie vor optimistisch, dass in diesem Sommer Lockerungen eintreten und der Kulturbetrieb geöffnet wird, sodass wir mit entsprechenden Schutzmaßnahmen Konzerte anbieten dürfen. Die ursprünglich für Mai geplanten Auftritte können wir nicht halten. Da war ich zugegeben vor Ostern noch optimistischer.

 

Das Eröffnungskonzert findet im Rittersaal auf Schloss Neuenstein statt.

Meyer: Es bereitet mir tatsächlich Bauchschmerzen, dass 320 Karten verkauft sind aus dem letzten Jahr und dies mit Corona-Bestuhlung nicht möglich ist. Eine Idee könnte sein, die Donauphilharmonie Wien spielt das Konzert verkürzt drei Mal.

 

Das wäre eine Lösung.

Meyer: Eine weitere Lösung wäre, das Konzert ins Freie in den Hof des Schlosses zu verlegen, wo die Akustik wirklich phänomenal ist, wenn das Wetter mitspielt. Sodass wir mehr Plätze einrichten können.

 

Stichwort Schnelltests.

Meyer: Auch das ist ein Baustein, den die Politik nicht klar definiert hat. Da wir an das Landratsamt angegliedert sind, könnten wir in Zusammenarbeit mit Gesundheitsamt und Sanitätsdiensten überlegen, ob wir nachmittags vor den Konzerten Schnelltests anbieten. Noch fehlt das politische Signal für die Kultur.

 

"Noch fehlt das politische Signal für die Kultur"

Auch ob Geimpfte ausgesetzte Freiheiten zurückbekommen, ist offen.

Meyer: Ein Teil unseres Publikums dürfte tatsächlich bis zum Sommer geimpft sein, gut die Hälfte ist über 60. Aber das sind Fragen, die sich ein Intendant nicht stellen möchte: Wen lasse ich rein und wenn ja, wie? Wen lasse ich nicht rein?

 

Der Kultursommer Hohenlohe dürfte eines der wenigen Festivals sein, das es als Präsenzveranstaltung wagt. Weil Sie die 35. Saison feiern wollen?

Meyer: Das hat weniger mit dem Jubiläum zu tun, als dass sich unser Festival durch seine historischen Spielstätten auszeichnet: durch Kirchen, Schlösser und Burgen. Wenn man sich nun überlegt, dort Konzerte zu streamen, ist schnell klar, dass wir da an unsere Grenzen stoßen, vor allem technisch. Die Atmosphäre der Spielstätten können wir gar nicht richtig einfangen. Dabei müsste doch gerade eine digitale Konzertform einen Mehrwert liefern, in Form von Einführungen, Künstlerinterviews. Das können wir finanziell nicht leisten.

 

Wie viele Konzerte sind geplant?

Meyer: Die Konzerte der ausgefallenen Saison 2020 machen das Gros des Programms aus. Dazu haben wir weitere Künstler eingeladen, sodass wir mit 70 Veranstaltungen rechnen bis Oktober. Die Themenschwerpunkte "Europa!" und "Bitte, Beethoven!" des vergangenen Sommers bleiben. Bis zur Absage im Mai 2020 hatten wir bereits 47 Prozent unseres Zielumsatzes erreicht.

 

Ein Grund, warum der Kultursommer für 2020 ein Plus von 140 000 Euro verzeichnet. Geld, das dem Festival aber nicht gehört...

Meyer: ..., sondern zum Großteil den Karteninhabern, die ihre Tickets nicht zurückgegeben haben. Auch das ist ein Grund, warum wir nicht streamen. Ich sehe den Preis für ein Online-Konzert bei acht bis zehn Euro, nicht bei 30 Euro. Was mache ich mit der Differenz? Zumal: Wenn ein Konzert nur abgefilmt wird, finde ich das unattraktiv. Obwohl ich mir die eine oder andere Hybridveranstaltung vorstelle.

 

Will heißen?

Meyer: Dass wir mit unseren Sponsoren sprechen: Um etwa das Konzert mit der Violinistin und Echo-Preisträgerin Rebekka Hartmann und dem Euphonia Orchester München als Hybrid zu realisieren für wenige auf Schloss Neuenstein und online für ein großes Publikum. Das geht natürlich nicht für 70 Konzerte. Auch wenn wir als Stiftung hier die 30 größten Firmen als Fördermitglieder vereinen.

 

Apropos einzelne Konzerte. Versetzen Sie uns in Vorfreude. Welche Künstler liegen Ihnen besonders am Herzen?

Meyer: Mir liegt jedes Konzert am Herzen. Sicher freuen wir uns auf Iveta Apkalna, Titularorganistin der Elbphilharmonie Hamburg. Und auf Stammgäste wie das Württembergische Kammerorchester Heilbronn, das gleich drei Mal kommt, unter anderem mit dem Klarinettisten Sebastian Manz und dem Cellisten Friedrich Thiele. Namhafte Künstler wie Ragnhild Hemsing gastieren, das Münchner Bach-Orchester. Aber auch Folk Avantgarde aus Mazedonien, Blechbläserinnen aus Norwegen und das Nagash Ensemble aus Armenien. Wir bieten wie immer Klassik, Barock und Weltmusik.

 

Wenn es der Pandemieverlauf zulässt.

Meyer: ..., und die Politik endlich die Rahmenbedingungen schafft, Kulturbetriebe schnellst möglich zu öffnen. Ein klassisches Konzert war nie ein Infektionstreiber. Es darf nicht darauf hinauslaufen, dass die gefährlichen Dinge gestattet werden und die ungefährlichen nicht.

Marcus Meyer, 1978 in Crailsheim geboren, studierte nach einer Ausbildung zum Veranstaltungstechniker Kultur- und Freizeitmanagement in Künzelsau sowie Marketing & Culture an der Syddansk Universitet Odense, Dänemark. Erfahrung sammelte der Intendant des Hohenloher Kultursommers bei Justus Frantz und der Philharmonie der Nationen, Akademie Würth, Bachwoche Ansbach, Management Pasadena Roof Orchestra (London). Der Vater von drei Töchtern lebt in Fichtenau.

 

Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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