Landesbühne begeistert mit Tempo, Witz und Gesang

Künzelsau  Großartige Bühnenfassung des Bestsellers "Was man von hier aus sehen kann" in der Künzelsauer Stadthalle. Schauspieler schlüpfen in bis zu vier verschiedene Rollen.

Von Sonja Reichert
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Souverän: (v. li.) Mira Leibold (Luise), Alessandra Bosch (Marlis), Elif Veyisoglu (Elsbeth), Gesine Hannemann (Selma), Reinhold Ohngemach (der Optiker)

Foto: WLB/Pfeiffer

Stahlrahmen über zwei Stockwerke, ein Schild "Gleis 1", Kranzbänder, Bücherregal, eine grüne Tür mit Briefschlitz, durchsichtige Schiebetüren mit der Aufschrift "Keiner da!", ein Baum, der bis ins zweite Stockwerk reicht, jeweils ein kleines Kabuff als Küche und als Optikerlabor.

Das ist das Ambiente für die Bühnenfassung von Mariana Lekys Roman "Was man von hier aus sehen kann", der 2017 die Bestsellerlisten anführte. Regisseur Jan Müller hat für die Württembergische Landesbühne eine Inszenierung geschaffen, die von Anfang an mit viel Tempo, bewegungsintensiven Szenen, Gesang, Musikeinspielungen, witzigen Dialogen und surrealen Momenten das Publikum einfängt.

Im Mittelpunkt dieses Mikrokosmos steht Luise, gespielt von Mira Leibold. Es gelingt dieser jungen Schauspielerin, sowohl die zehnjährige als auch die über 20-jährige Hauptfigur sehr überzeugend darzustellen. Die Spielszenen wechseln sich mit ihren frontal ans Publikum gerichteten Kommentaren ab.

Ein Traum als Auslöser

Auslöser der Handlung ist der wiederholte Traum Selmas (Gesine Hannemann), der Großmutter von Luise, von einem Okapi. Jedes Mal nach diesem Traum stirbt ein Dorfbewohner. In der kleinen, isolierten Welt der miteinander emotional verbackenen Figuren geht es um ihre Ängste, Sorgen und Nöte und darum, wie sie diese voreinander verstecken, nicht aussprechen, davon ablenken oder sich nicht eingestehen. Luises bester Freund Martin, gespielt von Julian Häuser, wird von seinem gewalttätigen Vater drangsaliert. Als er aus dem Regionalzug fällt und ums Leben kommt, drängt sich der Eindruck auf, er habe Selbstmord begangen.

Überhaupt mischen sich Realistisches und Surrealistisches, wenn etwa in dunkle Ganzkörperanzüge gesteckte "Aufhocker" die inneren Stimmen der Figuren versinnbildlichen und mit ihren Kommentaren beeinflussen: "Klappe halten, verdammt noch mal!" Auch der imaginierte Hund, der auf den Namen "Alaska" hört und als Metapher für Schmerz herhalten muss, ist rätselhaft: Er ist "groß, kalt, wie ein eingekapselter Schmerz". Diese surrealen Momente lassen viel Platz für Interpretationen. Man fragt sich: Haben die Figuren ihren Schmerz von sich abgespalten? Wollen sie ihn nicht zulassen? Oder die anderen schonen? Vor allem die Figur der Elsbeth, hervorragend gespielt von Elif Veyisoglu, mit ihren Tics und Manierismen ist sowohl unendlich komisch als auch zutiefst traurig.

Eine peinliche Situation

Luise verliebt sich in Frederik, einen buddhistischen Mönch. Als der sie besuchen möchte, gibt sie ihrer Oma Selma und dem Optiker lange Anweisungen, was sie nicht tun sollen, weil sie Angst hat, "dass er uns seltsam findet". Als er dann endlich da ist, putzen sich beide minutenlang die Zähne, um zu verhindern, sich nahe zu kommen. Er rettet die peinliche Situation: "Ich würde gerne noch bleiben, muss aber morgen zurück." Luise kommentiert: "Ich tue übrigens die ganze Zeit nichts anderes, als dich nicht zu küssen."

Gegen Ende des Stückes verdichtet sich die Handlung und das zentrale Thema kristallisiert sich heraus. Es geht um das Sehen. Wie sehen Menschen sich selbst? Geben sie sich zu erkennen? Vermeiden sie Offenheit? Wie nehmen sie andere wahr? Als Selma sterben möchte, bringt der Optiker, der jahrzehntelang nicht den Mut hatte, ihr seine Liebe zu gestehen, zwei Koffer mit Liebesbriefen, deren Anfänge er vorliest. Seine weinerliche Erkenntnis: "Mein Leben zieht an mir vorbei." Der Optiker, der ja eigentlich für die Sehfähigkeit des ganzen Dorfes verantwortlich ist, ist selbst blind dafür, die wirklich wichtigen Momente in seinem Leben zu erkennen und auszuleben.

Großartig gespielt und gesungen

Das ist ein Augenblick, der tief unter die Haut geht. Und noch tiefer, als Selma die Zeilen aus Cindy Laupers Song "Time after time" singt: "If you"re lost you can look and you will find me/Time after time/If you fall I will catch you I"ll be waiting. Alles in allem: großartig gespielt und gesungen. Höchst eindrucksvoll, wie souverän manche Schauspieler in bis zu vier verschiedene Rollen schlüpfen.


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