Karin Kalisa stellt ihren Roman "Radio Activity" vor

Langenburg  "Wenn man ein Buch über ein schweres Thema schreibt, muss nicht alles schwer sein", sagt Karin Kalisa. In "Radio Activity" erzählt die Berliner Autorin von einem verjährten Missbrauchsfall. Bei der Sommerlese Langenburg ist sie mit ihrem Roman zu Gast.

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Zur Langenburger Sommerlese hat die Berliner Autorin Karin Kalisa nicht nur ihren zuletzt erschienenen Roman "Radio Activity" mitgebracht, sondern auch gleich noch den passenden Soundtrack.

Foto: Christoph Feil

Auch für einen Autor kann es bisweilen schwierig sein, mit etwas zeitlichem Abstand wieder in das eigene Buch hineinzufinden, in die richtige Stimmung zu kommen. Karin Kalisa setzt darum auf ihren Musikmix. Den hat sie während ihrer Fahrt nach Bächlingen gehört, den spielt sie am Sonntagabend auszugsweise auch dem Publikum bei der Langenburger Sommerlese an der Archenbrücke vor.

Da folgt Soul auf Klassik, nämlich das "Amen, Brother" von den Winstons auf Leos Janáceks zweites Streichquartett. Irischen Rock von den Cranberries gibt es auch. Und für ordentlich Seefahrer-Romantik sorgen Lale Andersen mit "Ein Schiff wird kommen" und James Last mit "Biscaya". Eine bunte Mischung ist das, die sich um eine Trennung in E und U, also in Ernst und Unterhaltung, nicht schert. Ganz so wie Kalisa in ihrem vor gut einem Jahr im C.H. Beck Verlag erschienenen Roman "Radio Activity".

Die Hauptfigur Nora Tewes sinnt auf Rache

Darin erzählt die 1965 geborene Autorin die Geschichte von Nora Tewes, die gemeinsam mit zwei früheren Schulfreunden in einer nicht näher benannten norddeutschen Hafenstadt einen Radiosender gründet. "Tee und Teer" heißt er. Und mit traumwandlerischer Sicherheit scheint dieser Sender alles richtig zu machen, den Nerv der Zeit zu treffen. Durch seine Musikauswahl. Durch sein gesellschaftlich engagiertes Programm. Durch Radiostimmen wie diejenige von Nora, bei der jeder Zuhörer innehält, wenn sie auf Sendung geht.

Was Noras Freunde jedoch nicht wissen: Die ehemalige Balletttänzerin möchte den Sender für ihren persönlichen Rachefeldzug benutzen gegen den Mann, der ihre Mutter Annabell als kleines Mädchen jahrelang missbraucht hatte. Denn mit ihrer Anzeige des alten Apothekers, der sich an Annabell einst in seinen Lateinnachhilfestunden vergangen hatte, ist Nora gescheitert. Weil die Tat inzwischen verjährt sei, so die juristische Begründung.

Nicht jeder Teil von "Radio Activity" ist gelungen

Von der Kritik damals gemischt aufgenommen, verrennt sich der in drei Teile gegliederte Roman etwas im ersten Drittel: Da stockt beispielsweise jedes Mal die Handlung, wenn die Lebensgeschichten neu eingeführter Figuren - und seien es auch Nebenfiguren - ausgebreitet werden. Anfangs anregend, mit der Zeit aber ermüdend wirken überdies die Wortreflexionen, die die studierte Sprachphilosophin Kalisa ihren Figuren in den Mund legt.

Der Mittelteil konzentriert sich hingegen kammerspielartig auf die Mutter-Tochter-Beziehung. Zeitlich vor der Radiogründung angesiedelt, hat Nora gerade in New York alle Zelte abgebrochen, um zur sterbenden Annabell ans Krankenhausbett zu eilen. In den letzten gemeinsamen Tagen berichtet die ihr von dem Verbrechen. Und wie Kalisa von dieser Tat und ihren Folgen, die bis in die nächste Generation hinein reichen, erzählt, ist wirklich sehr anrührend und einfühlsam.

Für den Schluss hat sich die Berliner Autorin, die in Bächlingen alle drei Teile anliest, wiederum einen abenteuerlichen Plan, ja einen Coup, ausgedacht, der an dieser Stelle zwar nicht verraten werden soll, angesichts dessen aber Juristen verblüfft festgestellt haben, dass er im Prinzip so tatsächlich möglich sei, wie Kalisa im Gespräch mit Moderatorin Karin Fu verrät.

Karin Kalisa wünscht sich eine breite gesellschaftliche Debatte

"Ich finde, wenn man ein Buch über ein schweres Thema schreibt, muss nicht alles schwer sein", erklärt die Autorin, die mit "Radio Activity" offenbar dazu beitragen möchte, dass über die Verjährungsfrist bei sexuellem Missbrauch auf breiter gesellschaftlicher Ebene debattiert wird. "Es geht um die Möglichkeit, jemanden auch nach Jahren noch anzeigen zu können, damit sich derjenige vor Gericht verantworten muss", sagt Kalisa. "Es geht darum, überhaupt einen Prozess führen zu können und zu dürfen." Das Strafmaß stehe dabei auf einem anderen Blatt.

 

Veranstaltungsreihe Sommerlese
Die Langenburger Sommerlese ist 2019 ins Leben gerufen worden und findet in diesem Jahr erstmals statt. Die Veranstaltungen unter freiem Himmel an wechselnden Orten umfassen unter anderem moderierte Lesungen, literarische Gespräche und Spaziergänge. Als nächstes tritt am Sonntag, 30. August, ab 17 Uhr der Schriftsteller und Lyriker Manfred Kern gemeinsam mit Gitarrist Harald Demetz auf. Das Motto des Abends an den Südhanggärten beim Rumänenhäusle lautet: "Auf Erden - Blätter vom Abreißkalender". Die Veranstaltung ist ausverkauft. Laut Veranstaltern folgt auf die Sommerlese in ein paar Monaten die Winterlese.

Nächster Roman von Karin Kalisa
"Bergsalz" lautet der Titel von Karin Kalisas nächstem Roman. Er erscheint am 2. November im Verlag Droemer Knaur (224 Seiten, 20 Euro).


Christoph Feil

Christoph Feil

Autor

Seit 2015 ist Christoph Feil bei der Heilbronner Stimme. Er arbeitet im Ressort Leben und Freizeit. Darüber hinaus schreibt er für das Thementeam Wissen, hat den aktuellen Buchmarkt im Blick und stellt für das "Interview der Woche" Menschen gerne Fragen.

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