Meisterwerke der Pariser Moderne in Schwäbisch Hall zu bewundern

Schwäbisch Hall  200 Bilder und Skulpturen aus dem Musée d'Art moderne de la Ville de Paris sind in den kommenden fünf Monaten in der Kunsthalle Würth in Hall zu sehen.

Von Claudia Ihlefeld

Meisterwerke der Pariser Moderne in Schwäbisch Hall

Mit "Dooomestic" von Annette Messager, einem Ensemble aus Stoffwülsten und Stofffiguren, sind Aspekte französischer Gegenwartskunst in Hall vertreten.

Paris ist immer eine gute Idee", soll Audrey Hepburn gesagt haben. Andere sprechen vom genie de Paris, dem Geist von Paris, der Revolution und der Moderne.

Dass es eine reizvolle Idee ist, 200 Meisterwerke von der Seine nach Hohenlohe zu holen, haben sich auch die Macher der jüngsten Ausstellung in der Kunsthalle Würth gedacht.

Mit der Schau "Von Henri Matisse bis Louise Bourgeois" ist das Musée d"Art moderne de la Ville de Paris die kommenden fünf Monate zu Gast in Schwäbisch Hall: mit klassischen Tafelbildern in Öl und Acryl, mit Assemblagen, Readymade und Skulpturen von 101 Künstlern aus den Jahren 1901 bis 2013.

Das Who is Who der internationalen Moderne

Die Liste der Künstler liest sich mit Hans Jean Arp, Daniel Buren, Alexander Calder, Marino Marini, Niki de Saint Phalle, Jean Tinguely und mehr wie ein Who is Who der internationalen Moderne.

Dass trotz der Fülle der teils raumgreifenden Werke eine so präzise wie beeindruckende Zeitreise entsteht, ist das Verdienst der Kuratorinnen beider Häuser: der Kunsthalle und des Pariser Museums.

Meisterwerke der Pariser Moderne in Schwäbisch Hall

Ein Lieblingsmotiv des Farbtheoretikers Robert Delaunay aus dem Jahr 1926.

Robert Delaunays Eiffelturm aus dem Jahr 1926 atmet das Lebensgefühl einer Stadt, die sich neu erfindet. Der Farbtheoretiker auf der Leinwand widmete mehr als 20 Tafelbilder dem Wahrzeichen von Paris, diesem Schmelztigel von Stilen, Bewegungen und Tendenzen.

Die Avantgarde in Paris ist die Summe ihrer zersplitterten Einzelteile. Delaunays Blick von oben auf den Eiffelturm und dessen gekappte Spitze steht für eine neue Perspektive: Die Modernität realisiert sich in der erweiterten Wahrnehmung.

Die Ausstellung ist chronologisch gegliedert

Die Haller Ausstellung ist in chronologische Blöcke gegliedert. Die Fauves, die jungen Wilden um Matisse, André Derain und Raoul Dufy dominieren mit farbig glühenden Bildern die Szene in Montmartre. Eine Orient-Fantasie wie Matisses "Sitzende Odaliske" wirbelt die Sehgewohnheiten der Zeit auf.

Zur Schar internationaler Bohemiens zählt der Spanier Pablo Picasso. Wenige Jahre später löst sich der Gegenstand auf, wird auf der Leinwand der Raum zweidimensional vermessen: die Geburtsstunde des Kubismus.

Meisterwerke der Pariser Moderne in Schwäbisch Hall

Verlockende Orient-Fantasien - einer der führenden Vertreter der Fauves, der farbig Wilden, ist von Paris nach Schwäbisch Hall gereist: Henri Matisse, "Odalisque au fauteuil", 1928, Öl auf Leinwand.

Fotos: Musée d"Art moderne de la Ville de Paris

Georges Braque und Juan Gris zerlegen Motive geometrisch und fügen sie mehransichtig neu zusammen. Oder schlagen eine Volte und erweitern die Abstraktion um andere Möglichkeiten des Figürlichen, etwa durch herausgerissene Seiten.

1911 entsteht das erste abstrakte Kunstwerk in Paris

Etwas Roboterhaftes mutet den technoiden Bildern von Fernand Léger an. Léger spielt mit dem Gesicht der Großstadt. Mit der "Komposition" von Otto Freundlich aus Berlin entsteht übrigens 1911 das erste abstrakte Werk in Paris überhaupt.

Maler wie Jules Pascin, wie der Russe Chaim Soutine, der Italiener Amedeo Modigliani oder Kees van Dongen werden unter dem Begriff École de Paris subsummiert, doch handelt es sich hierbei um keine Schule, sondern einen Kreis, der für individuelle, innovative Vielfalt steht.

Dada und Surrealismus markieren Aufbruchstimmungen der 20er und 30er Jahre mit exzellenten Arbeiten von André Breton, Francis Picabia und Max Ernst. Ebenfalls zu sehen: Marcel Duchamps geniale "Boîte-en-valise", eine Schachtel im Koffer mit ausziehbaren Platten aus Karton, die Miniaturnachbildungen von Werken enthält - und souverän und ironisch der Idee des Multiple, also der Auflagenkunst, vorgreift.

Der Nerv der Zeit

Als Meister einer unabhängigen Kunst glänzen Pierre Bonnard und Edouard Vuillard, Figuren eines neuen Realismus schafft Francis Gruber. Mit Bernard Buffet tritt nach dem Krieg ein Shootingstar auf den Plan, seine "Frau mit Netz" von 1948 trifft den Nerv der Zeit: ein Gespinst - wie auf Papier gekratzt.

Meisterwerke der Pariser Moderne in Schwäbisch Hall

Yves Kleins "Blaue Venus", entstanden 1960 nach einer Performance.

Unter dem Begriff Nouveau Réalisme werden Künstler wie Arman, Daniel Spoerri, Jacques Villeglé und Yves Klein verhandelt. Villeglé, der zu den Affichistes zählt, den Plakatabreißern, ist mit seinem großformatigen "19.03.1965 Motorrad, Avenue Ledru-Rollin" vertreten. Klein mit der Skulptur "Blaue Venus", die 1960 in einer seiner legendären Körpermalerei-Performances entsteht.

Als Hommage an den Fantasten Rousseau schafft Spoerri seine "Optische Ent-Täuschung-Urwald": ein Wandteppich mit unterschiedlichsten Objekten.

Aspekte französischer Gegenwartskunst

Mit Louise Bourgeois, 1911 in Paris geboren, 2010 in New York gestorben, ist die Grande Dame der zeitgenössischen Plastik, die sich früh schon mit Installationen beschäftigt, in Hall: mit ihrer überdimensionierten, knapp sechseinhalb Meter hohen Spinne aus Bronze und Stahl.

Schließlich wirft die Schau einen Blick auf Aspekte französischer Gegenwartskunst. "Dooomestic" nennt Annette Messager ihr Ensemble aus Stoffwülsten und Stofffiguren und spielt auf das Domestizieren wilder Tiere an und auf "doom", das englische Wort für Untergang.

Pariser Gastspiel

Nach der Berliner Nationalgalerie, dem Londoner Victoria and Albert Museum und der Wiener Akademie der bildenden Künste ist das Musée d'Art moderne de la Ville de Paris mit 200 Meisterwerken von 101 Künstlern in der Kunsthalle Würth zu Gast. Die Sammlung des Pariser Museums wurde erstmals zur Weltausstellung 1937 im neu errichteten Palais de Tokyo präsentiert. Die Haller Schau wird am Sonntag, 17 Uhr, eröffnet und ist bis 15. September täglich 10 bis 18 Uhr zu sehen. Eintritt frei, der Katalog kostet 38 Euro.

 

Kommentar hinzufügen