Jubel für Stargeiger Vadim Repin in Künzelsau

Künzelsau  Romantisch, russisch, formvollendet: Der russische Geiger und Dirigent Sascha Goetzel überzeugen im ausverkauften Carmen-Würth-Forum und geben der Stille Bedeutung.

Von Leonore Welzin
Jubel für Stargeiger Vadim Repin in Künzelsau

Wenn ein charismatischer Musiker wie Vadim Repin das Podium betritt, dann bekommt auch die Stille Bedeutung im Carmen-Würth-Forum in Künzelsau.

Foto: Würth/Ufuk Arslan

Musik ist für mich eine Liebesgeschichte - zart, unberührt und tief emotional. Und sie hat etwas mit Unsicherheit zu tun, warum fühlst du dich unsicher? Es ist ein bisschen wie die Eröffnung eines Schachspiels, jeder weitere Schritt basiert auf dieser Eröffnung", beschreibt Vadim Repin das Gefühl vor einem Konzert.

Dem Geheimnis seiner besonderen Spielweise auf die Schliche zu kommen, ist nicht einfach. Zumal er so selbstverständlich und natürlich spielt, als würde er den Klang atmen. Das Konzert der Würth-Philharmoniker, geleitet vom Gastdirigenten Sascha Goetzel im Carmen- Würth-Forum, steht im Zeichen klangintensiver Romantik.

"Der Freischütz" ist eine Liebeserklärung

Der russische Stargeiger präsentiert das "Violinkonzert Nr.1 in a-Moll" von Dmitri Schostakowitsch. Es wird von Webers "Freischütz"-Ouvertüre und der Sinfonie Nr. 1 in c-Moll von Johannes Brahms flankiert. Auch "Der Freischütz" (1821) ist eine Liebesgeschichte, in der die seelischen Konflikte der Protagonisten im Spannungsfeld von Gut und Böse in einen Sog geraten.

Hörnerklang, der das Idyll des Jägerlebens skizziert, während sich in tiefen Registern von Klarinette und Fagott, unterlegt von Paukenwirbeln, das Unheil dunkler Mächte ankündigt.

Goetzel beginnt federnd, weich und elastisch, als wandere er durch Nebel in einem bemoosten Wald. Seine tänzerische Körpersprache gibt viele musikalische Nuancen wieder. Mit dem lyrischen Motiv, zaghaft eingeführt, kündigt sich die Wende an, die in der strahlenden C-Dur-Coda ihre Erfüllung findet.

Toll, wie eine ganze Oper im Kaleidoskop der Ouvertüre glänzt! "Toll!", ruft das Publikum und bejubelt diesen Auftakt.

Traumwandlerisch durch die "Nocturne"

Wenn ein charismatischer Musiker wie Vadim Repin das Podium betritt, dann bekommt die Stille Bedeutung. Ruhig der Bogen, langsam der Strich, führt der Geiger traumwandlerisch durch dieses "Nocturne" und lässt sich von seiner Stradivari (Rode von 1733) und oszillierenden Celesta-Klängen bis in die Fernen eines ausgehauchten Pianissimo entführen.

Im "Scherzo" zieht das Tempo an. Themen prallen in wilden Dialogen mit Flöte, Bassklarinette und Oboe aufeinander. Mal tauchen im Strudel von Tonartwechseln die Chiffre D- Es-C-H (Initialen des Komponisten), mal ein jüdisches Tanzmotiv (Holzbläser und Xylofon) auf und verschmelzen unter Dissonanzen.

Unerbittlich schreitet im 3. Satz, der "Passacaglia", der ostinate Bass voran. Das Klopfen erinnert an ein Schicksalsmotiv. Das Orchester verklingt. Mit einem Seufzern setzt die Solo-Violine zu einer, in Gehalt und Umfang virtuosen Kadenz an.

Prasselnder Applaus und Bravo-Rufe

Attacca geht es in den 4. Satz. In dieser ausgelassenen "Burleske" scheint alles außer Kontrolle zu geraten - auch das meistert Repin rhythmisch impulsiv, nachdrücklich und formvollendet.

Prasselnder Applaus und viele Bravo-Rufe gehen an den international renommierten Geiger, den Komponisten, den Dirigenten und nicht zuletzt an das Orchester, dem nach dieser energiegeladenen Tour de Force Erleichterung ins Gesicht geschrieben steht.

Schließlich flackert in Brahms" "Sinfonie Nr. 1" Krisenpotenzial auf. Die Gattung schien nach Beethoven ausgereizt. Fortschrittlich empfand man Sinfonische Dichtung à la Liszt und Wagners Operndramen. Bruckner und Brahms stritten um die Wiedererweckung der Gattung.

Die zentrale Frage des Disputs war, welcher der beiden Sinfoniker den Fortschritt repräsentiere. Dem Publikum beschert er ein atemberaubendes Brahms-Finale samt fulminanter Führung.


Russischer Stargeiger aus Wien

Vadim Repin, 1971 in Novosibirsk geboren, wollte ursprünglich Akkordeon lernen. Zur Geige kam er per Zufall. Mit elf Jahren gewann er alle Kategorien des Wienawski-Wettbewerbs, mit 14 debütierte er in Tokio, München, Berlin und Helsinki, mit 15 in New York, mit 17 gewann er den Reine-Elisabeth-Wettbewerb in Brüssel. Die Komponisten James MacMillan, Benjamin Yussupov, Lera Auerbach und Sofia Gubaidulina haben ihm Violinkonzerte gewidmet. Repin ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Wien.

 


Kommentar hinzufügen