Italienischer Sommernachtstraum in Künzelsau

Künzelsau  Die Würth-Philharmoniker eröffnen mit Rolando Villazón das Würth-Open-Air.

Von Ulrich Enzel
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Die Würth Philharmoniker mit Rolando Villazon und József Lendvay

Draußen fegt kühler Wind über die Hohenloher Ebene, doch im ausverkauften Großen Saal des Carmen Würth Forums zaubern die Würth-Philharmoniker wohligwarmes Flair des Südens. Italien wird dominieren, doch zuerst heizen sie brasilianisch mächtig ein: „Tico Tico“ von Zequinha de Abreu. Und die Österreicherin Elisabeth Fuchs führt die Musiker-Massen mit Eleganz energiegeladen ja explosiv zu einem ersten fulminanten Höhepunkt.

Charmanter Sprung nach Spanien

Manuel de Fallas „Siete Canciones Populares Espanolas“ liefern mit höchst emotionsgeladenem, ausdrucksstarkem Variationsreichtum charaktervolle Stimmungsbilder. Der Startenor Rolando Villazón realisiert sie mit perfekter Gesangstechnik, feiner Geschmeidigkeit, kluger dynamischer Differenzierung und prägnanter Artikulation – doch mancher Zuhörer mag den schier grenzenlosen, berückenden Farbenreichtum noch nicht vergessen haben, mit dem dieser begnadete Sänger in großen Opernpartien beglücken konnte. Er wird betrauern, dass durchgängig ein singuläres Timbre herrscht, die differenzierte Vielfalt – bei aller Zurückhaltung – vor allem im Orchesterklang realisiert wird.

So eingebremst will sich Gioachino Rossinis Ouvertüre zu „Wilhelm Tell“ nicht so recht entfalten. Schlichtes Parlieren statt schwungvoll-schlüssiger Attacke und feinsinnigem Reflektieren der vitalen Grenzerfahrungen dieses Schweizer Nationalhelden. Selbst der Geschwindmarsch: Auf-der-Stelle-Treten. 

Schmachtend, nie eruptiv

Doch nun schwimmt Villazón sich frei. Verdi! Nein, keine grandiosen Opernarien, aber zwei der fein gearbeiteten gefühlsdichten „8 Romanze Per Tenore e Orchestra“. Schmachtend, nie eruptiv. Wundervolles Sommerabend-Schwelgen. Auch wenn manch geheimnisvoller Zauber verborgen bleibt, dem clownesk-musikantischen Charme, der schauspielerischen Präsenz dieses Tenors kann sich keiner entziehen. Finaler Triumph muss jubelnden, kaum endenden Beifall induzieren und mit seinen Zugaben kommt er erst richtig in Fahrt. Verdis armer Bettler, Rossinis  tänzerische Bewegtheit, eine abschließende Revue, das Bierglas schon in der Hand.

Im selben Stil prolongiert nach der Pause der Ungar József Lendvay mit Niccolò Paganinis 1. Violinkonzert, verbindet melodiöse Gefälligkeit mit wild-virtuosem Glänzen. Effektvoll antwortet das Orchester, stimmt – ebenso Impulse-sprühend wie exakt motiviert durch die Dirigentin - ein in den animierten Wechselgesang. Liedhafte Eleganz, wenig Theaterwolkentrübniss im zweiten und nur noch munteres Trällern im dritten. Und dann beweist Lendvay mit seiner Zugabe den jubelnden Zuhörern, wie südländisch sommerheiß selbst J.S. Bach wirkt.

Noch nicht genug nach dieser perfekten Dialogarbeit? Die Philharmoniker wollen sich an weit mehr italienischem Landschaftsglück erfreuen. Felix Mendelssohn-Bartholdys 4. Sinfonie also, die „Italienische“. Recht oberflächlich-flüchtig schreitet Frau Fuchs durch solche Anmut. Da bleibt manch strahlend buntes Blümlein unbedacht. Makellos, ganz dem oberflächlichen Leuchten hingegeben –. Rasend die Kutschfahrt des vierten Satzes – ist alles Schöne nur ein flüchtiger Sommerabend-Genuss?? Verklärt zum Idyll mit dem Intermezzo aus Mascagnis Cavelleria rusticana – oder doch lieber fort, hinaus mit dem finalen mexikanischen Kehraus?

 


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