Dick aufgetragen: Der Maler Christopher Lehmpfuhl im Museum Würth

Künzelsau  Stadtansichten und Landschaften: Die Ausstellung "Zwischen Pathos und Pastos. Christopher Lehmpfuhl in der Sammlung Würth" im Museum Würth Gaisbach präsentiert rund 70 großformatige Bilder des Berliner Künstlers, der die Extreme sucht.

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Dick aufgetragen: Der Maler Christopher Lehmpfuhl im Museum Würth

Er liebt Farbmassen und, dass das Gemalte ins Dreidimensionale geht. Und er sucht die Extreme, wenn er mit seinem Kleinbus oder einem Helikopter die Welt bereist, vom Meer bis in die Berge: Christopher Lehmpfuhl auf Helgoland.

Foto: Florian Selig

"Was mich mit den Impressionisten verbindet", sagt Christopher Lehmpfuhl, "ist das Licht." Eine Ausstellung mit Gemälden von Impressionisten war für den damals Achtjährigen ein Schlüsselerlebnis. Er begann, die Bilder zu kopieren. Heute ist Lehmpfuhl ein Vertreter eines zeitgenössischen Realismus, der hinausgeht ins Freie, Lichtstimmungen einzufangen. Ein Allwettermaler, der sagt "ich liebe Farbmassen". Und dick aufträgt.

Christopher Lehmpfuhl arbeitet mit den Händen ohne Pinsel oder Spachtel. Das Ergebnis sind Landschaften und Stadtansichten zwischen Pathos und Pastos, also zwischen Leidenschaft und reliefartigem, eben dickem Farbauftrag. "Zwischen Pathos und Pastos. Christopher Lehmpfuhl in der Sammlung Würth" heißt denn auch die Ausstellung im Museum Würth in Künzelsau mit 70 großformatigen Bildern, die überwiegend aus der Sammlung stammen. Dazu kommen Arbeiten frisch aus dem Künstleratelier in Berlin-Wilmersdorf.

Malreisen von der Stadt in die Berge und ans Meer

1972 in Berlin geboren, versteht sich Lehmpfuhl als Städter mit abenteuerlichem Drang in die Natur. Ungewöhnlich für einen Maler seiner Generation ist das nicht, wohl aber, dass Lehmpfuhl im Freien malt. Konsequent bei Wind und Wetter. Er, der schon als Kind mit seinen Eltern die Welt bereiste, sucht die Extreme und nennt seine Malreisen "erlebte Natur", zu der ein Rundgang im Museum Würth gerät: von der Stadt in die Berge und ans Meer, von Berlin nach Island und auf den Watzmann. Christopher Lehmpfuhl braucht den Kick, mit dem Helikopter nach Grönland zu fliegen. Bei minus 20 Grad die Kälte zu erfahren oder schlicht im Nieselregen das Spreeufer zu erspüren.

"Im Grunde ist es eine Performance, draußen zu malen", erklärt der auskunftsfreudige Künstler, der beim Presserundgang in Gaisbach in sein Werk einführt. "Wenn ich male, bin ich von oben bis unten besudelt", sagt Lehmpfuhl, die Reaktion der Passanten ist Teil der Performance. Beim Malen von "Sturm auf Helgoland" (2014) dürften kaum Passanten anwesend gewesen sein. Lehmpfuhl liebt das Dramatische mehr als das Romantische und bannt Naturgewalten auf die Leinwand.

So, wie die impressionistischen Maler im 19. Jahrhundert erst mit der Erfindung der Bleitube für Farbe ins Freie gingen, transportiert Lehmpfuhl heute ganze Farbeimer an die frische Luft. Und erfährt, wie sich die Konsistenz der Farben mit den Temperaturen verändert.

Aus der Nähe betrachtet, sieht man Spuren seiner Finger

Dick aufgetragen: Der Maler Christopher Lehmpfuhl im Museum Würth

Wie sich seine Heimatstadt Berlin verändert, verfolgt Christopher Lehmpfuhl mit dokumentarischem Interesse und künstlerischer Freiheit: "Berlin-Tryptichon", 2007, Öl auf Leinwand, jeweils 200 x 85 x 4 Zentimeter.

Foto: Sammlung Würth

Mit Nitrilhandschuhen - "die sind robuster als Latexhandschuhe", weiß Lehmpfuhl - trägt er die Farbe auf, türmt Farbgebirge und verleiht seinen Bildern eine plastische Dreidimensionalität. Aus der Nähe mag man Spuren seiner Finger sehen und wirken die Arbeiten farbig abstrakt. Tritt man einige Meter zurück, sieht man eine Steilküste im Abendlicht, die Marienkirche in Lübeck, Berliner Stadtansichten, das Kellergewölbe des Stadtschlosses in Mitte.

Die Neugestaltung des Berliner Schlossplatzes vom Abriss des Palasts der Republik bis heute verfolgt Lehmpfuhl in einem groß angelegten Bilderzyklus. Wie sich die Hauptstadt verändert, beobachtet Christopher Lehmpfuhl mit dokumentarischem Interesse, erlaubt sich gleichwohl die künstlerische Freiheit, Perspektiven zu ändern.

Mit einer Art Litfass-Säulenbild verlässt Lehmpfuhl das Format des klassischen Tafelbilds und schafft eine Ansicht von Berlin, auch wenn in der Realität die Philharmonie nicht direkt an den Mercedes-Benz-Bau anschließt, das Casino nicht an die Staatsbibliothek.

"Ich überlasse nichts dem Zufall"

Zweifelsfrei sind die Bilder komponiert, was wie ein Schnappschuss wirkt, ist die Umwandlung in Malerei als greifbar subjektives Empfinden. "Ich überlasse nichts dem Zufall." Und doch: Die Naturgewalten nimmt Lehmpfuhl wie sie kommen, sie fließen in seine Malerei ein, die immer haptisch ist und körperlich.

Ein Panoramabild von 2006 von seinem Atelier aus - damals noch in Friedrichshain - und ein weiteres Panorama von der Humboldt-Box herab im Jahr 2013 zeigen, wie Lehmpfuhl großzügiger und pastoser vorgeht. Noch vor Ort optimiert er seine Bilder, selten wird im Atelier nachgearbeitet. Bis auf wenige Ausnahmen wie der Zyklus von Schwarz-Weiß-Ölbildern, die erstmals überhaupt in der Öffentlichkeit gezeigt werden: eine Hommage an seine verstorbenen Eltern, entstanden nach Fotos, die meist von seinem Vater stammen. Und die in der künstlerischen Fortschreibung durch den Sohn eine sehr persönliche Familiengeschichte erzählen.

Öffnungszeiten

Museum Würth, Künzelsau-Gaisbach: Bis 15. März 2020, täglich von 11 bis 18 Uhr, Eintritt frei, Katalog: 25 Euro.

Der Künstler: 1972 in Berlin geboren, erhält Christopher Lehmpfuhl Malunterricht bei Wolfgang Prehm, bevor er sein Studium der Malerei an der Hochschule der Künste absolviert. Lehmpfuhl ist Mitglied im Verein Berliner Künstler, im Künstlersonderbund, in der Neuen Gruppe (München) und Mitglied der Norddeutschen Realisten. 2004 war er Finalist des Europäischen Kunstpreises der Triennale in Mailand. 2016 veröffentlicht die "Neue Zürcher Zeitung" eine Kunstedition seiner Zürich-Bilder. "Wenn die gemalten Gegenstände ins Dreidimensionale gehen, sich geradezu in Farbfläche auflösen, macht mich das glücklich", erklärt Christopher Lehmpfuhl das Prinzip seiner Malerei.

 

Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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