Lebenslanger Blues

Bretzfeld - Die Musiker warten im Zwielicht. Endlich kommt sie, die Sängerin. Sie macht deutlich, dass sie es hasst, ständig gegen negative Schlagzeilen und Vorverurteilungen ankämpfen zu müssen, wenn sie eine Bühne betritt. Dann singt sie "All of me". Ein Titel wie eine Grabinschrift.

Von Michael Dignal

Bretzfeld - Die Musiker warten im Zwielicht. Endlich kommt sie, die Sängerin. Sie macht deutlich, dass sie es hasst, ständig gegen negative Schlagzeilen und Vorverurteilungen ankämpfen zu müssen, wenn sie eine Bühne betritt. Dann singt sie "All of me". Ein Titel wie eine Grabinschrift.

Das Leben der farbigen Jazzsängerin Billie Holiday (1915-1959) war ein einziger Kampf gegen Armut und Geringschätzung, Gesellschaftsstandards und Abhängigkeiten. Ein Kampf, den sie schließlich verlor. Für den Hohenloher Kultursommer brachte die Opernwerkstatt am Rhein die Vita der auch "Lady Day" genannten Künstlerin vor 190 Besuchern auf die Bühne der Geddelsbacher Kelter.

Tamara Wörner spielt, erzählt und singt, sie ist anderthalb Stunden lang die leidende und scheiternde, mitunter trotzige oder auch mal glückselige Billie Holiday. Man erfährt, dass sie als Kind vergewaltigt wurde, in ein Erziehungsheim kam und als Putzhilfe im Bordell arbeitete. Mit 15 Jahren hatte sie ihren ersten Auftritt, mit 17 eine Band mit weißen Musikern und einen Liebhaber, der Dealer und Zuhälter war.

Gefährlich "Wenn du arm bist, verkaufst du dich", sagt sie. "Das ist besser, als dich zu verschenken." Sie singt nur Lieder, die etwas mit ihr selbst zu tun haben und die sie mit ganzer Überzeugung singen kann. Dazu gehört ab 1939 "Strange fruit", ein politischer Song, der den Rassenhass in den Südstaaten in poetisch verschlüsselter Weise anprangert. Ein gefährlicher Song also, der sie aber auch berühmt macht.

Tamara Wörner singt klar und kraftvoll. In "My man" schwärmt sie von ihrem Lover, obwohl der gewalttätig ist, und in "Beyond the sea" von Europa, wo sie (in den 50er Jahren) nicht durch den Hintereingang zur Bühne gehen muss. "On the sunny side of the street" singt sie indessen nur widerwillig, weil der Song einfach nicht zu ihr passt.

Die szenischen Darstellungen, bei denen gelegentlich auch die vier Musiker mitwirken, bleiben zunächst eher dezent und symbolhaft. Als Holidays Konflikt zwischen Drogensucht und Popularität seinen Höhepunkt erreicht, ist die Tragik dann offensichtlich.

Zerrissen Gleichwohl gewinnt die Billie-Holiday-Story keine rechte Überzeugungskraft, denn die Regie verharrt zu sehr in einer fast schon starren Künstlichkeit und die Musik kommt, abgesehen von Wörners Gesang, über eine blasse und ganz jazz-untypische Verhaltenheit kaum hinaus. Was haften bleibt, ist immerhin das Bild eines zerrissenen Künstlerlebens − und dieser Satz: "Ich habe meine Vergangenheit aufgewühlt, um sie zu vergraben."

Lebenslanger Blues
Tamara Wörner spielte in Geddelsbach die Jazzsängerin Billie Holiday. Knapp 200 Besucher kamen zu dem Konzert des Kultursommers.Foto: Michael Dignal

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