Pflege-Oma muss zehneinhalb Jahre in Haft

Heilbronn/Künzelsau  Der Vertrauensbruch hätte nicht schlimmer und brutaler sein können, sagt der Richter. Er verurteilt eine 70 Jahre alte Kindersitterin, die einen ihr anvertrauten Jungen erwürgt hat.

Von Yvonne Tscherwitschke

Urteil im Fall Ole
Die Verurteilte beim letzten Prozesstag. Foto: Veigel

Selten dauert eine Urteilsbegründung so lange wie im Fall Ole. Und selten laufen dabei bei weiteren Prozessbeteiligten außer der Angeklagten die Tränen. Doch im Fall Ole ist alles anders. Und so erklärt Roland Kleinschroth in seiner fast zweistündigen Urteilsbegründung, warum die Schwurgerichtskammer am Landgericht Heilbronn unter seinem Vorsitz Elisabeth S. (70) wegen Totschlags an dem kleinen Ole zu zehneinhalb Jahren Gefängnis verurteilt.

Zwei Bilder und ein Wort. Damit beschreibt Kleinschroth das fast fünf Monate dauernde Verfahren. Keiner der Prozessbeteiligten wird je diese beiden Bilder vergessen. Das eine Bild, aufgenommen am 27. April um 19.44 Uhr, zeigt den kleinen Jungen im Schlafanzug, wie er fröhlich in die Kamera lächelt. Das andere Bild zeigt, wie seine Mutter mit ihm am Boden liegt, ihn fest an sich drückt. Sie will ihn wärmen. Aber der kleine Junge ist bereits tot.

Mit seinem Schlafanzug bekleidet, lag er in der Badewanne im Haus seiner Pflege-Oma. Dort hatten ihn seine Eltern am Morgen des 28. April gefunden. „Dieses Bild drückt so viel Leid und Trauer aus, wie man es in Worten nicht ausdrücken kann“, sagt Kleinschroth.

Richter spricht von einer unfassbaren Tat

Wenn ein Wort das Verfahren und die Tat beschreibt, dann noch am ehesten das Wort unfassbar. Kleinschroth nutzt es oft. Unfassbar sei das Leid der Eltern. Unfassbar die Tatsache, dass ein kleiner Junge sterben musste, ohne das Geringste getan zu haben. Unfassbar sei, dass gerade die Pflege-Oma die Tat verübt habe, obwohl sie Ole geliebt habe und für Oles Mutter eine enge Vertraute und Freundin war.

Unfassbar auch, dass all die Prozesstage – 17 – vergingen, ohne dass die Angeklagte das Rätsel um Oles Tod gelöst habe. Zum Randgeschehen habe sie sich geäußert, nicht aber zur Kerntat. Sei es aus Scham, sei es aus Verdrängung. Kleinschroth berichtet vom Bild, das ein Geschworener benutzt habe: „Sie erinnern an ein kleines Kind, das die Augen schließt und meint, dass man es dann nicht mehr sieht.“ Später ermahnt Kleinschroth die Angeklagte: „Es wird Zeit, die Augen zu öffnen, Verantwortung zu übernehmen.“

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Dem Jungen die Luft abgeschnürt

Für die Kammer steht zweifelsfrei fest: Elisabeth S. habe schon länger unter depressiven Störungen gelitten, auch unter Kleptomanie. Der Tod ihres Mannes 2009 habe sie getroffen, auch wenn die Ehe nicht einfach gewesen sei. Sie hätte Sorgen gesammelt, sagt Kleinschroth. Zu der Winterdepression sei Anfang 2018 Antriebslosigkeit gekommen, sie habe sich gesorgt, Ole nicht mehr so oft zu sehen, sie habe Panik gehabt, den sozialen Kontakt zu Oles Eltern zu verlieren.

Das Aufräumen des Kellers, ihr 70. Geburtstag, die Abwesenheit ihrer Brüder, die Krankheit ihres Sohnes – all das habe sie belastet. „Doch statt sich Oles Mutter gegenüber zu öffnen, die die Erste gewesen wäre, die Ihnen geholfen hätte, haben Sie die Fassade aufrecht erhalten“, sagt der Richter. Als Ole zum Übernachten gekommen sei, sei erst alles gewesen wie immer. Man habe gespielt, Würstchen und Mais gegessen. Ole habe baden wollen, dann doch wieder nicht. Wie sie später schlaflos im Bett gelegen habe, habe sie wieder nicht von ihrem Gedankenkarussell absteigen können. Jetzt habe sie es nicht einmal mehr geschafft, Ole die Haare zu waschen. Sie habe sich hineingesteigert in die Vorstellung, nichts mehr auf die Reihe zu bekommen. Zwischen 23 und 1 Uhr nachts habe sie dann dem kleinen Jungen den Hals zugedrückt, weil sie nicht schlafen konnte, ihr alles zu viel gewesen sei, sagt Kleinschroth.

Möglicherweise sei sie wegen der auf dem MRT ersichtlichen vaskulären Veränderung in ihrer Steuerungs- und damit Schuldfähigkeit eingeschränkt gewesen. Doch die Tatsache, einem völlig wehrlosen Kind das Leben zu nehmen,rücke die Tat in die Nähe zur Heimtücke und zu einem besonders schweren Fall.

„Sie haben Ole und seiner Familie das schlimmste Leid zugefügt, das man sich vorstellen kann“, sagt Kleinschroth: „Ole hatte keine Chance, seinem Tod zu entgehen.“ Der Richter appelliert an die Angeklagte, das Urteil anzunehmen.


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