Bei VW ist die Currywurst angezählt, in Heilbronn bleibt sie unumstritten

Neckarsulm/Region  Als „Kraftriegel der Facharbeiter“ bezeichnet sie Altkanzler Schröder. Volkswagen verbannt das Kultgericht trotzdem aus einer Kantine. Könnte so etwas in Heilbronn passieren? Eher nicht, glauben unsere Autoren.

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Die Currywurst mit Pommes frites ist die ungeschlagene Nummer eins in den deutschen Betriebskantinen. Foto: dpa

Sie ist Kult und durfte nie fehlen, die Original VW-Currywurst. Der Autor dieser Zeilen hat sie einige Male gegessen, zuletzt vor rund vier Jahren. Testfahrten mit neuen Modellen von Volkswagen rund um Wolfsburg. Zurück im Stammwerk, der Pressesprecher fragt, ob es okay wäre, zusammen in die Kantine zu gehen. Logisch – mal wieder eine Currywurst essen, deren Rezept fast so geheim ist wie die Baupläne neuer Modelle. Schön scharf, aber nicht zu scharf, ein Brötchen dazu. Das musste bei Besuchen in Wolfsburg einfach sein. Auch für die Mitarbeitern von Europas größtem Autobauer gehörte die Currywurst zu VW wie der Golf. Aus, Schluss, vorbei. VW hat sie vom Speiseplan gestrichen. Nicht ganz, aber zumindest in der Kantine des Markenhochhauses, dem wohl markantesten Gebäude auf dem riesigen Werksgelände. In der Kantine wenige Meter entfernt auf der gegenüberliegenden Straßenseite wird es die berühmte Wurst weiterhin geben. 

Ist es wirklich das Ende der Currywurst bei VW?

Das Betriebsrestaurant im Markenhochhaus von VW soll nach dem Werksurlaub aber fleischfrei sein. Das hat jetzt sogar Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder auf den Plan gerufen, der einst als Ministerpräsident von Niedersachsen im Aufsichtsrat des Autobauers saß. „Wenn ich noch im Aufsichtsrat von VW säße, hätte es so etwas nicht gegeben", schrieb Schröder in einem Beitrag auf dem Jobnetzwerk Linkedin. „Vegetarische Ernährung ist gut, ich selbst mache das phasenweise auch. Aber grundsätzlich keine Currywurst? Nein!", machte er klar und fragte, ob die Beschäftigten das wirklich wollten. "Currywurst mit Pommes ist einer der Kraftriegel der Facharbeiterin und des Facharbeiters in der Produktion. Das soll so bleiben." Der 77-Jährige setzte sogar noch einen drauf und postete den Hashtag #rettetdieCurrywurst. Der geht nun in den sozialen Netzwerken viral.

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Ganz so dramatisch wie Schröder es darstellt, ist es wohl nicht. Aber ja: Millionen von Currywürsten sind Jahr für Jahr in den Kantinen von VW gegessen worden. Das Besondere: Die Würste werden in der hauseigenen Fleischerei hergestellt. Zuletzt gab es im Vor-Corona-Jahr 2019 rund sieben Millionen Currywürste aus der Volkswagenfleischerei, dazu kamen mehr als 550 Tonnen Spezial-Ketchup. 

Bei der Tochter Audi lieber Zwiebelrostbraten

Bei der VW-Tochter Audi in Neckarsulm spielt die Currywurst auf dem Speiseplan keine große Rolle. Hier setzt man auf Regionalität. Deshalb gibt’s immer wieder Maultaschen oder den auch über die Werksgrenzen hinaus bekannten Zwiebelrostbraten, der bei den Audianern äußerst beliebt ist.

Am Standort macht es eben auch die Mischung: Neben Fleischgerichten gibt es vegetarische Gerichte, Bowls und Salate. Besonders bleibt ist auch das klassische Schnitzel mit Pommes. Die Currywurst hingegen ist hingegen eher in der Nachbarschaft ein Kultgericht.

Und immer wieder geht es nur um die Soße

Als solches steht sie auch beim IT-Dienstleister Bechtle bereits am Freitag wieder auf dem Speiseplan der Werkskantine. „Currywurst mit hausgemachter Cola-Tunke“. Wer jetzt seine Stirn runzelt, der darf wissen, dass die Bechtle-Kantine kürzlich in einem Wettbewerb der Fachzeitschrift „Food & Health“ zur achtbesten Kantine in Deutschland gekürt wurde. Sie setzt auf Regionalität – und ja, die Currywurst kann im Raum Heilbronn durchaus als regionale Spezialität bezeichnet werden.

Ein Muss in den Heilbronner Seitengassen

„Ich kenne eigentlich keine andere Stadt, wo die Schaustellerei und damit auch das Thema Wurst und Currywurst so eine gewichtige Rolle spielt wie in Heilbronn“, sagt Gastronom und Vorsitzender der Heilbronner Stadtinitiative, Thomas Aurich. Er selbst sei nach dem Studium nach Heilbronn gekommen, im Winter, und habe die Menschen an Weinfässern in einer Seitengasse in der Kälte Currywurst essen gesehen. „Da wusste ich, das ist meine Stadt, hier bleibst.“ 

Wie genau die Currywurst nach Heilbronn kam, darüber gehen die Meinungen auseinander. Allerdings bleibt es in jedem Fall in der Familie. Denn das Wurstgeschäft ist in Heilbronn ein Familienunternehmen, seitdem Karl und Eleonore „Eli“ Kropp Anfang der 1950er Jahre nach Heilbronn gekommen sind.

Sie verkauften Süßwaren und Würste und hatten damit so viel Erfolg, dass Eli bald schon ihren Geschwistern mitteilte: „Kommt nach Heilbronn, hier kann man Geld verdienen!“  Also kamen Irma und Alfred Schröter, Walter und Ingrid Silzer, Hilde und Hans Söllner sowie Alma und Jürgen Rathgeber. Und alle verkauften Würste. 

Aus Berlin direkt an den Neckar

So erzählt es Uschi Schröter, die Tochter von Irma und Alfred, die mit ihrer Schwester Hanne auch heute noch im Geschäft ist. Wer von den fünf Paaren die Currywurst nach Heilbronn brachte, darüber gibt es in der Großfamilie wohl unterschiedliche Erzählungen. Walter Silzers Ehefrau Ingrid stammte aus Berlin, ihr wird nachgesagt, sie habe die Idee mitgebracht.

Aber auch Alfred Schröter war aus Berlin nach Heilbronn gekommen. „So genau weiß ich das nicht, ich war ja nicht dabei“, sagt Uschi Schröter. Wichtig ist nur: Das Rezept ist in jeder Familie ein streng gehütetes Geheimnis. Zu ernsthaften Zerwürfnissen hat die Frage des Ursprungs bisher nicht geführt. „Der Zusammenhalt ist groß“, sagt Schröter. Man helfe sich jederzeit aus, wenn Not am Mann ist, wenn Brötchen fehlen oder sonst etwas. 

Viel Soße, in dem die Schaschlikspieße garen

Das typische an der Heilbronner Wurst sei übrigens, dass man hier die Rote statt die Weiße verwendet – „zu 70 Prozent“, wie Uschi Schröter schätzt. Der Rest verlangt die weiße Wurst, wie sie in vielen anderen Regionen bevorzugt wird.

Und dann liegt natürlich viel an der Soße. Die wird zubereitet, dann kommen die Schaschlikspieße hinein. „Nur dann wird sie richtig gut“, verrät Uschi Schröter zumindest ein kleines Geheimnis. Und in Heilbronn kommt mehr Soße als Ketchup auf die Wurst – auch das ist nicht selbstverständlich.

Vielleicht findet die Heilbronner Currywurst auch nach Wolfsburg

Eine weitere Besonderheit bisher: In Heilbronn gibt es keine vegane oder vegetarische Currywurst, zumindest nicht bei den Vertretern der fünf Stammfamilien. Dafür wird die Heilbronner Currywurstsoße seit kurzem in alle Welt verschickt. Jasmin Nagel, Tochter von Hans Söllner, und ihr Mann Andreas, füllen sie in Flaschen und haben damit ein Startup gegründet.

In dieser Woche bekam auch schon Hildegard Müller, Präsidentin des Automobilindustrieverbands VDA, bei ihrem Besuch in Neckarsulm ein Päckchen mit Söllner-Soße überreicht. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Alexander Throm bedankte sich damit für ihr Kommen. Vielleicht erzählt sie bei ihrem nächsten Besuch in Wolfsburg davon. Könnte ja sein, dass die Kantine dort noch einmal umstellt. 


Alexander Schnell

Alexander Schnell

Ressortleiter Leben und Freizeit

Alexander Schnell leitet seit 1. Juni 2006 das Ressort Leben und Freizeit und ist damit für alle Sonderveröffentlichungen des Medienunternehmens zuständig. Dazu gehören unter anderem auch das Wochenendmagazin Freizeit und die Autostimme. Ein Spezialgebiet des gebürtigen Heilbronners sind alle Themen rund ums Auto und Mobilität. Darüber hinaus ist Schnell Mitglied der Chefredaktion.

Christian Gleichauf

Christian Gleichauf

Chefkorrespondent Wirtschaft

Christian Gleichauf schreibt über Menschen, Unternehmen und wirtschaftliche Entwicklungen in der Region Heilbronn-Franken. Seit dem Jahr 2000 ist der gebürtige Südbadener bei der Heilbronner Stimme.

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