Wirtschaftsrepräsentanz des Landes in Israel eingerichtet

Stuttgart/Tel Aviv  Deutsche Perfektionisten treffen auf wendige Startups: Die baden-württembergische Wirtschaftsministerin Hoffmeister-Kraut und der Zukunftsfonds Heilbronn eröffnen eine Vertretung des Landes in Israel. Beide könnten viel voneinander lernen, sind die Experten überzeugt.

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Sigrid Rögner von der Firma IDS berichtete von ihren ersten Erfahrungen.

Die Mittelständler in der Region Heilbronn und ganz Baden-Württemberg dürfen jetzt ihre Fühler ausstrecken. Anfang Oktober wurde die Wirtschaftsrepräsentanz des Landes in Israel eingerichtet, am gestrigen Montag offiziell eröffnet. Passend zur Ausrichtung auf Innovation war es eine hybride Feier mit Teilnehmern in Tel Aviv, Jerusalem und Stuttgart - und Dutzenden Zuschauern vor dem Youtube-Stream.

Zukunftsfonds ist schon in Israel unterwegs

Die baden-württembergische Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut begrüßte die israelischen und deutschen Gäste, darunter die Generalkonsulin für Süddeutschland, Sandra Simovich, mit einem herzlichen "Shalom".

Ihr Dank ging dabei auch an Thomas Villinger, der sich als Geschäftsführer des Zukunftsfonds Heilbronn von Beginn an für die Idee stark gemacht habe. Der vom Heilbronner Unternehmer Dieter Schwarz ins Leben gerufene Wagniskapitalfonds hat seit Jahren Kontakte nach Israel und finanziert die Repräsentanz zu einem kleineren Teil mit.

Wo viel gegründet wird, geht auch manches wieder ein

Warum Israel? Die Frage beantwortete Hoffmeister-Kraut so: "Israel ist nicht nur ein führender Hochtechnologie-Standort, das Land zählt auch weltweit zu den bedeutendsten und dynamischsten Ökosystemen für Startups."

Das unterstrich die israelische Generalkonsulin Simovich: "Wir haben die höchste Startup-Dichte weltweit." Jedes Jahr würden in Israel - das mit neun Millionen Einwohnern etwas weniger Bewohner hat als Baden-Württemberg - bis zu 1400 Firmen neu gegründet. So viele, dass viele übrig bleiben, obwohl 80 Prozent das erste Jahr nicht überstehen.

Chancen auch für junge Leute

Die Zusammenarbeit zwischen Baden-Württemberg und Israel ist bereits in den vergangenen Jahren intensiviert worden. Seit 2015 können junge Menschen mit einem Stipendium des Landtags von Baden-Württemberg in Israel studieren, wie Simovich erläutert. Zudem habe das Generalkonsulat damit begonnen, deutsch-israelische Acceleratoren zu gründen, also Institutionen, die Startups begleiten und ihre Entwicklung beschleunigen. Zwei davon gibt es bereits im Südwesten.

Jetzt soll mit der Repräsentanz der deutsche Mittelstand mit israelischer Kreativität und Innovation zusammengebracht werden.

Die wenig spontane deutsche Ingenieursmentalität

Dafür braucht es trotz aller guten Vorsätze wohl auch Geduld. Das erwartet zumindest David Abraham, Managing Director der Bosch-Auslandstochter in Israel. "In vielerlei Hinsicht gibt es keine Sprachbarrieren, denn die Deutschen sind sehr direkt", findet er.

Allerdings passe die deutsche Ingenieursmentalität nicht sofort zur israelischen Spontanität. "Lincoln hat einst gesagt: Wenn du Holz spaltest, dann liegt der Großteil der Arbeit im Schärfen der Axt." So ähnlich verbringe auch der deutsche Ingenieur 80 Prozent seiner Zeit mit der Planung, Vorbereitung und Perfektionierung.

Die israelische Herangehensweise komme mit 20 Prozent Vorbereitung aus. "Wir machen uns auf den Weg und kriegen es dann irgendwann schon hin." Das funktioniere in der digitalen Welt sehr gut. Die Zusammenarbeit werde aber anfangs wohl nicht immer einfach sein.

Aufeinander angewiesen

Die etablierten Unternehmen müssten verstehen, dass Startups grundsätzlich mit höherem Tempo unterwegs sind, erklärte auch Hadar Pode, Direktorin von Porsche Digital in Tel Aviv. "Und die israelischen Startups sind besonders schnell." Doch gleichzeitig wüssten sie auch, dass ihr Erfolg von den großen Unternehmen abhänge.

IDS hat sich auf die Suche nach neuen Partnern gemacht

Die ersten Erfahrungen der Firmen auch aus der Region sind jedenfalls gut. Sigrid Rögner ist beim Obersulmer Industriekamerahersteller IDS für den Bereich Innovation verantwortlich und war begeistert von der Delegationsreise nach Israel im Februar. "Wir haben dreieinhalb Tage lang ein Land im Aufbruch gesehen." Dann kam Corona, doch Online-Veranstaltungen ermöglichten es, auch unter diesen Umständen aufeinander zuzugehen. "Mit mehreren Firmen sind wir in Kontakt."

Schlüsseltechnologien gefragt

Seit 1. Oktober hat die Wirtschaftsrepräsentanz BW in Tel Aviv insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen aus Baden-Württemberg ihre Tore geöffnet. Fokusthemen sind die baden-württembergischen Schlüsseltechnologien Digitalisierung, Industrie 4.0 und künstliche Intelligenz. Auch die Themen Smart City, Smart Health sowie Umwelt- und Klimaschutztechnik werden in den Blick genommen. Der Zukunftsfonds Heilbronn hat mit Inspekto bereits ein erstes israelisches Start-up mit Kontakten zur Automobilindustrie in Heilbronn angesiedelt.

 

Christian Gleichauf

Christian Gleichauf

Chefkorrespondent Wirtschaft

Christian Gleichauf schreibt über Menschen, Unternehmen und wirtschaftliche Entwicklungen in der Region Heilbronn-Franken. Seit dem Jahr 2000 ist der gebürtige Südbadener bei der Heilbronner Stimme.

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