Wie Fuyao seinen Vertrauensrat eliminierte

Leingarten  Die Art, wie der Stellenabbau beim Autoglas-Spezialisten geregelt wurde, heißen gekündigte wie verbliebene Mitarbeiter nicht gut. Betriebliche Mitbestimmung gab es nicht, und ebenso wenig einen Sozialplan.

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Roboter aus China ermöglichen einen erhöhten Automatisierungsgrad. Damit soll die Firma auch in Zukunft wettbewerbsfähig bleiben. Langjährige Mitarbeiter wurden vergangene Woche gekündigt.

Foto: Christian Gleichauf

Als schmerzlichen, aber unvermeidbaren und sauberen Schnitt stellte der Autozulieferer Fuyao in Leingarten den Abbau von 60 Stellen vergangene Woche dar. Mitarbeiter widersprechen nun. Alleinerziehenden, Familienvätern, Paaren sei gekündigt worden. Gegen einen Betriebsrat, der in so einer Situation konstruktiv mitwirken soll, hatte sich die Geschäftsführung gewehrt. Stattdessen sollte ein Vertrauensrat gewählt werden. Fünf der sieben Gremiumsmitglieder gehören nun ebenfalls zu den Entlassenen.

Mehr als ein Sechstel der Stellen

Es werden offenbar nicht nur 60, sondern 75 der insgesamt 355 Stellen in Leingarten abgebaut. Das räumt der Autoglas-Hersteller ein: "60 Mitarbeiter wurden gekündigt und in den Vormonaten sind einige Verträge ausgelaufen."

Ebenso sei es richtig, dass keine Sozialauswahl stattgefunden habe. "Es sind Arbeitsplätze weggefallen und werden nicht ersetzt, somit greift der Sozialplan nur bedingt." Stattdessen habe man bei der Auswahl rein leistungsorientiert entschieden. Die gekündigten Personen hätten "mehrfach die an sie gestellten Aufgaben nicht erfüllt und somit auch zahlreiche Abmahnungen erhalten", heißt es aus der Europazentrale des chinesischen Autoglas-Marktführers.

Fuyao-Mitarbeiter: Die Angst geht um im Unternehmen

Für mehrere Betroffene, die sich auf die Berichterstattung unserer Zeitung hin gemeldet haben, sind diese Aussagen nicht nachvollziehbar. "Willkürlich" sei der Stellenabbau erfolgt, erklärt ein Fuyao-Mitarbeiter. Leistung sei in vielen Bereichen nicht so gut messbar wie in der Fertigung. Die Corona-Krise sei vielmehr genutzt worden, um unliebsame Mitarbeiter loszuwerden.

Jetzt gehe die Angst im Unternehmen um. Wie viele andere habe er mitansehen müssen, wie Mitarbeiter, die seit Jahrzehnten im Unternehmen sind und schon vor der Übernahme durch Fuyao für Fümotec gearbeitet hatten, nach ihrer Kündigung regelrecht "abgeführt" wurden. "Das war erniedrigend", erzählt der Mitarbeiter.

Wie die Betriebsratswahl verhindert wurde

Gekündigt wurde auch Sebastian Baumgärtner. Der 35-jährige gelernte Werkzeugmacher war dabei, als sich vor einem Jahr einige Beschäftigte zusammenfanden und eine Betriebsratswahl abhalten wollten. "Wir wurden immer wieder hingehalten, bis der Geschäftsführer Jun Sun uns zum Gespräch bat", erzählt Baumgärtner.

Sun habe gesagt: "Wir sind doch eine Familie." Deshalb solle man doch gemeinsam agieren, nicht gegeneinander. Ein informeller Vertrauensrat sei die bessere Variante. Andere Mitglieder des Vertrauensrats berichten von einschüchternden Gesprächen mit Abteilungsleitern, die warnten, der Chairman in China, Cho Tak Wong, werde nach Gründung eines Betriebsrats den Geldhahn zudrehen. Dann sei der Standort gefährdet.

"Wir haben uns also dazu verleiten lassen, auf den Vorschlag einzugehen", erzählt Baumgärtner. Am 5. Februar gab es dann die Vertrauensratswahl. Wenige Wochen später wurde die Produktion coronabedingt heruntergefahren. Mehrere Wochen Zeit, um etwas zu bewegen.

 

Keine Chance, die Sparbemühungen mitzugestalten

Für Geschäftsführer Jun Sun war nach eigener Darstellung der Vertrauensrat seit seiner Gründung nicht aktiv genug. "Wir haben ihm sehr viel Zeit gegeben", sagt Sun. "Doch es gab kein Interesse, die Themen voranzutreiben." Diese Themen seien in einer gemeinsamen Besprechung mitgeteilt worden. Er sei "enttäuscht vom Vertrauensrat", sagt Roland Hause, Chief Customer Officer (CCO) bei Fuyao. Auf die Frage, ob der Vertrauensrat die Chance erhalten habe, bei den Sparbemühungen mitzuwirken, indem beispielsweise die möglichen Optionen vorgestellt wurden, sagt Geschäftsführer Sun: "Nein."

Dass die Mitglieder des Vertrauensrats bewusst gekündigt wurden, weist die Geschäftsführung von sich. "Dann hätten ja alle sieben gehen müssen", erläutert Hause. Ausgerechnet die Vertrauensleute aber auszusparen, wenn sie nicht die Leistung erbringen, das sei auch in gewisser Weise "diskriminierend", so Sun. Mehrere Mitarbeiter planen nun eine Kündigungsschutzklage. Für Baumgärtner ist noch nicht entschieden, ob er sich gegen die Kündigung vor Gericht wehrt. Eine Abmahnung hat er jedenfalls nie erhalten.

IG Metall betont Funktion des Betriebsverfassungsgesetzes

Für Michael Unser, den 1. Bevollmächtigten der IG Metall Heilbronn-Neckarsulm, zeigt der Fall, dass es genau aus diesem Grund ein Betriebsverfassungsgesetz gebe. "Ein Vertrauensrat hat nicht die Rechte, die ein Betriebsrat hat." Dazu gehöre die Mitbestimmung im Allgemeinen, aber zum Beispiel auch die gemeinsame Ausarbeitung eines Sozialplans bei einem Stellenabbau sowie der Kündigungsschutz für Betriebsratsmitglieder und temporär auch für alle, die sich zur Wahl gestellt haben. "Solche Vertrauensratsmodelle wurden immer wieder vorgestellt", auch in der Region gab es dafür Beispiele. "Das Resultat ist immer dasselbe: In guten Zeiten wird das Miteinander betont, sobald aber Personalabbau droht, besteht keinerlei Schutzfunktion." Das Beispiel Illig, wo gerade 153 Stellen abgebaut wurden, habe gezeigt, dass ein funktionierender Betriebsrat sehr positiv wirken könne und die Gewerkschaft hier auch nicht aus ideologischen Gründen im Wege stehe.

 

Kommentar: Auf die Füße gefallen

Die vermeintliche Offenheit des Autoglasherstellers Fuyao im Umgang mit seinen betriebsbedingten Kündigungen war keine. Aktiv hat das Unternehmen zwar über den Stellenabbau informiert, allerdings unvollständig und möglicherweise aus Beweggründen, die nichts mit Transparenz zu tun haben. So wurde nicht der gesamte Stellenabbau kommuniziert. Fragen nach dem nicht vorhandenen Betriebsrat und dem an seiner Stelle gewählten Vertrauensrat wurden abgeblockt. Offenbar wollte man nur ehemaligen Mitarbeitern zuvorkommen, die sich natürlich auch an die Zeitung wenden konnten. Mit der Veröffentlichung des Artikels am Samstag ist Fuyao diese Strategie nun leider auf die Füße gefallen. Wer langjährige Mitarbeiter, eine alleinerziehende Mutter von fünf Kindern und sogar ein - unverheiratetes - Paar mit Kindern vor die Tür setzt, sollte dafür gute Gründe vorweisen können.

Genau aus diesem Grund gibt es in Deutschland die Interessenvertretung durch Betriebsräte. Das sind nicht allesamt arbeitsunwillige Querulanten, sondern in der Regel Mitarbeiter, die sich für ihre Kollegen einsetzen und gleichzeitig an einem erfolgreichen Geschäftsmodell interessiert sind. Schließlich hängt an der Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens auch die Zukunft seiner Mitarbeiter. Wenn es aber hart auf hart kommt, dann muss eine Geschäftsführung auch dazu gezwungen werden können, Mindeststandards einzuhalten - sei es bei der Arbeitszeit, bei der Arbeitssicherheit oder beim Stellenabbau. Ohne formale Handhabe ist eine Mitbestimmung nicht möglich. Das haben die Fuyao-Mitarbeiter nun schmerzhaft zu spüren bekommen.


Christian Gleichauf

Christian Gleichauf

Chefkorrespondent Wirtschaft

Christian Gleichauf schreibt über Menschen, Unternehmen und wirtschaftliche Entwicklungen in der Region Heilbronn-Franken. Seit dem Jahr 2000 ist der gebürtige Südbadener bei der Heilbronner Stimme.

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