Virus und Wandel belasten die Wirtschaft

Stuttgart/Region  Eine Umfrage im Land zeigt, dass viele Branchen massive Probleme haben. Der Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertag befürchtet leere Innenstädte. Es gibt aber auch Lichtblicke.

Email
Hinter dem Rolltor eines Geschäftes hängt das Schild "Räumungsverkauf". Vor allem im Einzelhandel haben sich die Perspektiven dramatisch verschlechtert. Foto: dpa

Die Lage in weiten Teilen der Wirtschaft in Baden-Württemberg hat sich zuletzt deutlich eingetrübt. Vor allem im Einzelhandel, in der Gastronomie, im Tourismus und in der Veranstaltungs- und Messebranche haben sich die Perspektiven dramatisch verschlechtert. Diese Bereiche sind besonders stark vom Lockdown betroffen. Das zeigt die am Dienstag veröffentlichte Konjunkturumfrage des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertags (BWIHK), an der sich knapp 4000 Unternehmen beteiligt haben. Die regionalen Kammern legen ihre neuesten Daten erst in den kommenden Wochen vor.

Immerhin sorgen die stark exportorientierte Industrie und die gut ausgelastete Bauwirtschaft für konjunkturelle Lichtblicke im Südwesten. "Im Vergleich zu vielen anderen Regionen in Europa hat Baden-Württemberg eine starke industrielle Basis", sagte Bernd Engelhardt, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK Region Stuttgart. Das sorge nach wie vor für Gewinne und Arbeitsplätze. Allerdings ist das Bild zweigeteilt. Während es im Maschinenbau, in der Metallverarbeitung und in der Elektrotechnik "sehr deutliche Zuversicht" gibt, sind die Fahrzeugbauer und das Papier- und Druckgewerbe weniger optimistisch.

Kräftige Umsatzeinbußen und drohende Insolvenzen

Bei der Umfrage wurden die Folgen der Corona-Pandemie für die Wirtschaft im Land deutlich. So mussten zwei Drittel der Betriebe im vergangenen Jahr Umsatzeinbußen hinnehmen – bei jedem fünften Betrieb brachen die Erlöse sogar um mehr als 25 Prozent ein. Drei Prozent der Unternehmen stehen nach eigenen Angaben vor der Insolvenz, das sind fünfmal mehr als in der Vorkrisenzeit.

Für die künftige Ausrichtung der Betriebe hat dies Folgen. "Investitionspläne werden verschoben und der Personalbedarf zunächst mal nach unten korrigiert", sagt Engelhardt. Und obwohl die Kurzarbeit helfe, Mitarbeiter zu halten, geht er davon aus, dass der Beschäftigungstrend auch für die nächsten zwölf Monate weiterhin negativ ist.

Engelhardt verweist hier auf die Transformation in der Industrie, die mit hohen Kosten verbunden sei. Insbesondere die für die Region Heilbronn-Franken so bedeutende Automobilindustrie steht vor einem fundamentalen Wandel, der viele Arbeitsplätze kosten wird. Im Bündnis für Transformation haben sich zahlreiche regionale Akteure zusammengeschlossen, um diesen Wandel zu gestalten. Rudolf Luz, einer der Koordinatoren des Bündnisses für Transformation, sagt: "Das Virus hält den Wandel nicht auf – ganz im Gegenteil." Mit gezielten Maßnahmen wollen die Akteure dafür sorgen, dass die Menschen bei der Transformation mitgenommen werden und möglichst viel Wertschöpfung und Arbeitsplätze in der Region erhalten bleiben.

Hoffnung für das Hotel- und Gaststättengewerbe

Einen Strukturwandel erwartet der BWIHK für die besonders von der Pandemie betroffenen Branchen. Viele Geschäfte würden nach dem Lockdown nicht mehr öffnen, weil ihnen die wirtschaftliche Perspektive fehle. Daran änderten auch die Corona-Hilfen nichts, die viel zu langsam ausgezahlt würden. Die Folgen seien zahlreiche Leerstände in den Städten, wie es sie in Heilbronn bereits gibt.

Ähnlich perspektivlos sei das Hotel- und Gaststättengewerbe im Land. Immerhin machen die Experten diesen Branchen etwas Hoffnung. Die zurückgehaltene Kaufkraft liege "derzeit in Milliardenhöhe auf den Bankkonten", heißt es beim BWIHK. Ein Großteil davon dürfte nach dem Lockdown in Handel, Gastronome, Tourismus und Kultur fließen. 


Corona Newsletter

Jürgen Paul

Jürgen Paul

Teamleiter Autorenteam Politik/Wirtschaft Regional

Jürgen Paul arbeitet seit 1998 bei der Heilbronner Stimme. Der gebürtige Pfälzer widmet sich der regionalen und überregionalen Wirtschaft, Schwerpunkte sind das Handwerk, die Bankenbranche, der Arbeitsmarkt und die Konjunktur.

Top-Kommentare

Kommentar hinzufügen