Viel Verständnis aus der Wirtschaft für Corona-Maßnahmen

Region/Berlin  Die Wirtschaft reagiert weitgehend mit Verständnis auf den von der Politik beschlossenen abgeschwächten Lockdown im November. Aber es gibt auch kritische Stimmen.

Von Jürgen Paul und dpa

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Im Containerhafen Duisburg werden auch in nächster Zeit Schiffe beladen. Der Teil-Lockdown betrifft weite Teil der deutschen Wirtschaft nicht direkt. Die Folgen werden sich dennoch im Wirtschaftswachstum bemerkbar machen.

Foto: dpa

Elke Döring, Hauptgeschäftsführerin der IHK Heilbronn-Franken, sagt zu den Beschlüssen: "Die sich gerade erst wieder abzeichnende Erholung unserer regionalen Wirtschaft erfährt durch die aktuellen Corona-Maßnahmen einen herben Dämpfer. Für viele Unternehmen aus dem Hotel- und Gaststättengewerbe, der Touristik und der Veranstaltungs-, Freizeit- und Kulturbranche, die ja bereits während des ersten Lockdowns besonders gelitten haben, geht es jetzt ums nackte Überleben." Dies sei umso bitterer, da viele Betriebe ihrer Verantwortung gerecht geworden seien und umfangreiche Corona-Schutzmaßnahmen etabliert hätten.

"Inwiefern die beschlossenen Unterstützungsmaßnahmen eine Insolvenzwelle in diesen Branchen noch verhindern können, bleibt abzuwarten. Jetzt kommt es darauf an, die zugesagte Unterstützung schnell und unbürokratisch bei den Betroffenen ankommen zu lassen", so Döring.

"Die beschlossenen Maßnahmen stellen zweifelsohne einen gravierenden Einschnitt in das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben im Land dar. Es ist bedauerlich, dass mit Kosmetikbetrieben handwerkliche Betriebe von den Schließungen betroffen sind. Doch wir müssen jetzt handeln, um noch schlimmere Entwicklungen und einen noch schärferen Lockdown, wie etwa Frankreich, abwenden zu können", sagt Ulrich Bopp, Präsident der Handwerkskammer Heilbronn-Franken. Hauptgeschäftsführer Ralf Schnörr ergänzt: "Das angekündigte Entschädigungsprogramm, das kleinen Betrieben eine 75-prozentige Erstattung der Novembereinnahmen des Vorjahres verspricht, ist eine wichtige Unterstützung für das Handwerk."

Dehoga fordert schnelle Hilfen

Der Hotel- und Gastroverband Dehoga hat schnelle und unbürokratische Hilfen gefordert. "Es ist mehr als konsequent, dass hier eine Entschädigung erfolgt, wenn unsere Branche geschlossen wird, damit die allgemeine Wirtschaft keinen Lockdown erfährt und Schulen geöffnet bleiben", sagte Dehoga-Hauptgeschäftsführerin Ingrid Hartges.

BDI-Chef Dieter Kempf bezeichnete die Einschnitte ins öffentliche Leben als "sehr schmerzhaft", äußerte aber auch Verständnis: "Der Politik liegt erkennbar daran, wirtschaftliche Aktivität weitestgehend am Laufen und die öffentlichen Einrichtungen offen zu halten. Die exponentielle Entwicklung der Infektionen muss durchbrochen werden, sonst würden in Kürze noch viel schlimmere gesundheitliche und wirtschaftliche Folgen eintreten."

Sorge um Gastronomie und Kulturbetrieb

Der Maschinenbauverband VDMA hat den Teil-Lockdown als richtig und notwendig bezeichnet. "Der Blick in unsere Nachbarländer Belgien und Tschechien zeigt das Bedrohungspotenzial", sagte der neue VDMA-Präsident Karl Haeusgen. Ulrich Köppen, Sprecher des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft BVMW in Baden-Württemberg, kritisiert die Beschlüsse, die die Bereiche Gastronomie, Freizeit und Kultur hart treffe. "Ohne deren eigenes Verschulden wird jetzt zum zweiten Mal durch den Lockdown quasi ein Berufsverbot ausgesprochen." Der gesamte Kulturbetrieb sei ein milliardenschwerer Wirtschaftsfaktor und für deren Macher kein Freizeitvergnügen.

Wissenschafler erwartet Einbußen

Gabriel Felbermayr, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) Kiel, sagt zu den Beschlüssen: "Der befristete Teil-Lockdown für den Monat November wird zu deutlichen wirtschaftlichen Einbußen für die deutsche Volkswirtschaft führen. Die Schäden werden aber kleiner ausfallen als in den Monaten März und April. Anders als bisher angenommen, wird vermutlich das Wachstum im vierten Quartal 2020 im Vergleich zum dritten Quartal zum Stillstand kommen; ein Rückgang ist möglich, hängt aber davon ab, ob es zu privater Konsumzurückhaltung kommt."


Jürgen Paul

Jürgen Paul

Teamleiter Autorenteam Politik/Wirtschaft Regional

Jürgen Paul arbeitet seit 1998 bei der Heilbronner Stimme. Der gebürtige Pfälzer widmet sich der regionalen und überregionalen Wirtschaft, Schwerpunkte sind das Handwerk, die Bankenbranche, der Arbeitsmarkt und die Konjunktur.

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