Recaro sichert Beschäftigung in Schwäbisch Hall

Schwäbisch Hall  Rund 1000 Mitarbeiter des Flugzeugsitzeherstellers verzichten auf Geld, dafür verzichtet das Unternehmen auf Kündigungen. Der ausgehandelte Ergänzungstarifvertrag läuft bis Mitte 2023 und soll rund 20 Millionen Euro an Einsparungen bringen.

Email

In Schwäbisch Hall beschäftigt Recaro rund 1150 der weltweit 2700 Mitarbeiter. Deren Arbeitsplätze sind nun bis Mitte 2023 gesichert.

Foto: Recaro

Aufatmen bei Recaro in Schwäbisch Hall. Nach langen und mitunter mühsamen Verhandlungen haben sich die Geschäftsführung, die Gewerkschaft IG Metall und der Arbeitgeberverband Südwestmetall auf einen Ergänzungstarifvertrag geeinigt. Wichtigster Punkt: Die Arbeitsplätze der rund 1150 Beschäftigten am Stammsitz des Flugzeugsitzeherstellers in Schwäbisch Hall sind bis 30. Juni 2023 gesichert. Es wird keine betriebsbedingten Kündigungen geben. Das gab Recaro Aircraft Seating am Freitag bekannt.

Corona trifft die Luftfahrtbranche besonders hart

Seit Sommer verhandelt das Unternehmen mit den Arbeitgebervertretern und der Gewerkschaft über Sparmaßnahmen. Hintergrund ist der dramatische Einbruch der Luftfahrtindustrie infolge der Corona-Pandemie, der Recaro hart trifft. Der geschäftsführende Gesellschafter Mark Hiller hatte im Stimme-Gespräch bereits Ende August angekündigt, dass der Umsatz im laufenden Jahr um bis zu 60 Prozent einbrechen und das Unternehmen in die Verlustzone rutschen werde. D

iese Prognose bewahrheitet sich nun. Wie Hiller am Freitag sagte, wird Recaro im laufenden Jahr lediglich einen Umsatz in Höhe von rund 300 Millionen Euro erwirtschaften, was einen Rückgang um 60 Prozent im Vergleich zum Rekordjahr 2019 bedeuten würde. Deshalb stand für Hiller schon im Sommer fest, dass die seit April genutzte Kurzarbeit nicht reichen würde, um die dramatischen Folgen der Corona-Krise abzufedern. Mit den rund 150 Mitarbeitern im außertariflichen Bereich schloss das Unternehmen daher im Sommer eine Vereinbarung, die den Verzicht von mehr als 20 Prozent des Gehalts bis zum Jahresende vorsieht.

Nun bringen auch die rund 1000 tarifgebundenen Recaro-Mitarbeiter Opfer, um die Zukunft des Unternehmens und ihrer Arbeitsplätze zu sichern. Ab Ende dieses Jahres bis Mitte 2023 verzichten sie auf einen Teil ihrer Bezüge. Dabei geht es vor allem um Einschnitte bei Sonderzahlungen wie Weihnachts- oder Urlaubsgeld sowie um die Arbeitszeit. Hiller beziffert den vereinbarten Verzicht auf durchschnittlich rund zehn Prozent des Einkommens.

Dafür garantiert das Unternehmen die Beschäftigungssicherung für die Stammbelegschaft bis Ende Juni 2023. Über die gesamte Laufzeit des Ergänzungstarifvertrags sollen rund 20 Millionen Euro eingespart werden, sagte Hiller.

Betriebsrat zeigt sich zufrieden mit der Einigung

"Ich freue mich sehr, dass es uns gemeinsam gelungen ist, ein Verhandlungsergebnis zu erzielen, das auf breite Zustimmung trifft", zeigt sich der Recaro-Chef erleichtert. 95 Prozent der IG-Metall-Mitglieder hätten der Einigung zugestimmt, die auch für jene Recaro-Mitarbeiter gelten soll, die nicht der Gewerkschaft angehören. "Oberste Priorität während der Verhandlungen war von Anfang an die Beschäftigungssicherung, das ist uns in vollem Umfang gelungen", lobt Betriebsratsvorsitzende Maria Schwarz den Ergänzungstarifvertrag.

Die Perspektive für die Branche ist nicht rosig

Auch wenn Mark Hiller von einem "großen und wichtigen Schritt zur Sicherung des Unternehmens" spricht, werden die nächsten Monate nicht einfach. Die Luftfahrtbranche liegt corona-bedingt weiterhin am Boden, Besserung ist kaum in Sicht. "Die Perspektive ist stabil auf einem sehr niedrigen Niveau", formuliert es der Geschäftsführer. Hiller rechnet damit, dass der Umsatz nächstes Jahr in der Größenordnung von 2020 liegen wird. Die vielen Jahre, in denen Recaro von Rekord zu Rekord eilte, sind fürs erste vorbei.


Jürgen Paul

Jürgen Paul

Teamleiter Autorenteam Politik/Wirtschaft Regional

Jürgen Paul arbeitet seit 1998 bei der Heilbronner Stimme. Der gebürtige Pfälzer widmet sich der regionalen und überregionalen Wirtschaft, Schwerpunkte sind das Handwerk, die Bankenbranche, der Arbeitsmarkt und die Konjunktur.

Kommentar hinzufügen