2020 war das Jahr des Umbruchs in der Autoindustrie

Flensburg/Region  In Deutschland sind die Zulassungszahlen im vergangenen Jahr um fast ein Fünftel zurückgegangen. Hoffnung macht die gesteigerte Nachfrage nach E-Modellen. Derweil macht sich das Audi-Werk in Neckarsulm nach seiner Winterpause wieder bereit für die Produktion.

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Fahrzeugzulassungen in Deutschland. Foto: Hst-Grafik

Es war das Jahr des Umbruchs in der Autoindustrie. Um 19 Prozent ist der Automarkt in Deutschland im vergangenen Jahr geschrumpft und hat gleichzeitig bei den E-Modellen deutlich zugelegt. Wie es weitergeht angesichts des verlängerten Lockdowns und geschlossener Autohäuser, ist ungewiss.

Die im Zuge der Corona-Hilfen gezahlte Umweltprämie für Autos mit Elektromotor zeigte Wirkung. In Deutschland sind 2020 deutlich mehr Elektroautos auf die Straßen gekommen als im Vorjahr. 394 940 E-Autos wurden neu zugelassen, ein Anstieg um 265 Prozent. Der Anteil an den Neuzulassungen insgesamt beträgt somit 13,5 Prozent. Das geht aus der Statistik des Kraftfahrt-Bundesamts hervor.

Insgesamt schrumpft der Markt 

Noch immer hat gut die Hälfte dieser E-Modelle aber zusätzlich einen Verbrennungsmotor und wird somit als Hybrid geführt. Und der Anteil alternativer Antriebe im Bestand stieg nach Schätzung des Amts von 2,4 auf 3,6 Prozent. Dabei werden auch Erdgas-Autos mitgezählt.

Insgesamt schrumpft der Markt allerdings. Immerhin schloss der Dezember positiv ab. 311 394 Pkw wurden neu zugelassen, fast zehn Prozent mehr als im Dezember 2019. Somit wurden im Gesamtjahr 2,9 Millionen Neuwagen zugelassen, das sind 19 Prozent weniger als 2019. 62,8 Prozent wurden gewerblich zugelassen, auch hier ging es deutlich um 22,4 Prozent nach unten.

Der Absatzeinbruch sei wirtschaftlich schwierig für die Branche, erklärte Hildegard Müller, Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie. Sie rechnet für 2021 mit einer Erholung. "Dennoch dürfte das sehr starke Vor-Corona-Niveau vorerst nicht erreicht werden." Stärker eingebrochen waren die Zahlen zuletzt 2010 nach dem Auslaufen der Abwrackprämie.

Für alle deutschen Marken war das Jahr 2020 rückläufig. VW schnitt dabei mit minus 21 Prozent schlechter ab als Audi (-19,9), Porsche (-16,3), BMW (-13,7 ), und Mercedes (-10,6 Prozent). Gleichzeitig zeigte sich VW gerade bei den E-Modellen besonders stark. Die Wolfsburger stellten gut 17 Prozent aller neu zugelassenen E-Fahrzeuge, Audi neun Prozent. Unter den rein elektrischen Fahrzeugen griffen die meisten Käufer ebenfalls zu VW, gefolgt von Renault und Elektro-Spezialist Tesla.

Tesla legt um 56 Prozent zu 

Mieses Autojahr endet mit etwas Hoffnung
Mieses Autojahr endet mit etwas Hoffnung. Foto: dpa

Tesla ist dabei die einzige Marke, die insgesamt einen deutlich positiven Saldo zeigt. Um 56 Prozent legten die Amerikaner zu, wenn auch auf niedrigem Niveau. 17 000 Fahrzeuge wurden vergangenes Jahr verkauft. Fiat blieb stabil mit plus 0,2 Prozent auf 89 150 Fahrzeuge. Ansonsten ging es auch bei den Importmarken bergab - steil für Suzuki (minus 44,8 Prozent), Ssangyoung (-40,2), Mazda (-38,1) und Dacia (minus 36,6 Prozent).

Der Boom bei den Wohnmobilen zeigt sich in einem Plus von 41,4 Prozent. Ihr Anteil ist mit 2,6 Prozent aber gering. SUVs machen 21,3 Prozent aller Neuzulassungen aus. Mit einem Anteil von 46,7 Prozent waren benzinbetriebene Pkw weiterhin die am häufigsten gewählte Antriebsart. Diesel erreichten in der Jahresbilanz einen Anteil von 28,1 Prozent - in absoluten Zahlen brach der Selbstzünder um mehr als ein Viertel ein. Stark gefragt waren Motorräder. 222 000 Krafträder wurden zugelassen, ein Plus von 31,9 Prozent.

Die deutschen Autohersteller und ihre Zulieferer bewerteten ihre aktuelle Lage im Dezember mit minus 5,4 Punkten, nach plus 5,0 Punkten im November. Das hat die neueste Konjunkturumfrage des Ifo-Instituts ergeben. Gleichzeitig erwarteten die Firmen für die nächsten sechs Monate aber eine Verbesserung der Lage. Der Wert für die Erwartungen stieg auf plus 10,1 Punkte, nach minus 1,6 Punkten im November. "Die Autobauer und ihre Zulieferer spüren den neuerlichen Lockdown, sie setzen aber auf Nachholeffekte", sagte der Leiter der Ifo-Umfragen, Klaus Wohlrabe. Die Produktionserwartungen der Unternehmen stürzten gleichwohl kräftig ab, von minus 0,7 Punkte auf minus 20,6.

Audi-Werk fährt wieder hoch

Das Audi-Werk in Neckarsulm macht sich schon für den Wiederanlauf nach der Winterpause bereit. Ab Montag, 11. Januar, läuft wie geplant die Produktion, eine Woche früher als in Ingolstadt. Die verschärften Corona-Maßnahmen im Werk gelten weiter.

Obwohl Autohändler geschlossen bleiben, schaut man in Neckarsulm optimistisch auf das laufende Jahr und rechnet vorerst mit keinen weiteren Einschränkungen. Der digitale Vertriebsweg stehe den Kunden auf jeden Fall offen, erklärte eine Sprecherin. Auch was die Lieferkette angeht, rechne man derzeit nicht mit größeren Problemen.

Momentan gibt es bei Audi auch keine Engpässe bei der Versorgung mit Bauteilen. Der Mutterkonzern VW muss wegen fehlender Halbleiterchips derzeit seine Produktion kürzen. "Wir beobachten die Lage", erklärt die Sprecherin auf Nachfrage.

Abholung von Neuwagen wieder möglich

Das Audi-Forum bleibt zwar geschlossen, allerdings können Kunden ihre Fahrzeuge ab 12. Januar wieder im Zuge einer kontaktlosen Schlüsselübergabe ohne Einweisung am Forum in Empfang nehmen.


Kommentar: Verkehrswende ist ausgesetzt

Lange Zeit war von Verkehrswende die Rede. Es sollte weggehen vom motorisierten Individualverkehr, wie es so schön heißt, also weg vom Auto. Dann kam Corona, und manch optimistische Vorstellung wurde damit zurechtgerückt. Im Pandemiejahr 2020 sind die Zulassungszahlen zwar um ein Fünftel eingebrochen, doch von einem Siegeszug der öffentlichen Verkehrsmittel ist man weiter entfernt als zuvor.

Das Auto war in der Krise plötzlich viel wert, weil hier eine Ansteckung praktisch unmöglich war. Und kaum jemand geht derzeit davon aus, dass der Spaß am fahrbaren Untersatz dauerhaft verloren geht. Statt von der Verkehrswende spricht man jetzt von Transformation: Verbrennungsmotoren werden durch Elektroantriebe ersetzt. Die Digitalisierung verändert Auto wie auch Produktion. Und selbst der Audi-Chef kann inzwischen wohl mit einem Tempolimit auf der Autobahn leben. Warum auch nicht? Autobauer gelten in diesen Zeiten als die Guten, wenn sie sich ernsthaft für CO2-Einsparung einsetzen.

Für die Branche sind die Absatzzahlen in Deutschland übrigens wichtig, aber längst nicht mehr entscheidend. In Neckarsulm läuft die Produktion im Lockdown ganz selbstverständlich wieder an, weil die Nachfrage stimmt. Ein drohender weiterer Knick in Deutschland kann durch einen Absatzmarkt wie China inzwischen ohne weiteres ausgeglichen werden. Das zeigt auch, dass eine Abkehr von der Globalisierung nur in kleinen Nischen möglich ist. Unsere Wirtschaft hängt am Weltmarkt. Das konnten weder Trump noch Corona dauerhaft ändern.

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Christian Gleichauf

Christian Gleichauf

Chefkorrespondent Wirtschaft

Christian Gleichauf schreibt über Menschen, Unternehmen und wirtschaftliche Entwicklungen in der Region Heilbronn-Franken. Seit dem Jahr 2000 ist der gebürtige Südbadener bei der Heilbronner Stimme.

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