Mercedes setzt voll auf Strom

Stuttgart  Die Weltpremiere des EQS markiert den Start zu einer großen Modelloffensive von Elektroautos. Der Luxus-Stromer von Mercedes soll bis zu 770 Kilometer weit kommen.

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Mit dem EQS bringt Mercedes im Sommer ein elektrisches Pendant zur S-Klasse. Die Limousine basiert auf einer neuen Elektro-Plattform, die die Basis für weitere Fahrzeuge sein wird. Fotos: Mercedes

Markus Schäfer wirkt wie elektrisiert. Der Mercedes-Vorstand für Forschung und Entwicklung nähert sich der 5,21-Meter-Limousine an, die großen Türen öffnen wie von Geisterhand. Der 55-Jährige zeigt in den riesigen Innenraum. Mit dem EQS will die Marke mit dem Stern endgültig ins Elektrozeitalter durchstarten und Tesla nicht nur ein-, sondern zügig überholen. "Das ist ein ganz spezieller Tag, auf den wir alle hingearbeitet haben. Die zweite S-Klasse innerhalb von sechs Monaten, so etwas gab es noch nie", sagt Vorstand Schäfer im Gespräch mit unserer Zeitung.

Aerodynamischste Auto der Welt und eine riesige Batterie

Mit der S-Klasse hat die Marke mit dem Stern seit jeher den Anspruch, das beste Auto der Welt zu bauen. Für das emissionsfreie Pendant EQS gelte das ebenfalls, so Schäfer. Gebaut werden beide Limousinen am Standort Sindelfingen. Dort hat Mercedes für mehr als 700 Millionen Euro die neue Factory 56 errichtet. Sie soll die Produktion deutlich flexibler und effizienter machen In dem rundum mit 5G-Technik vernetzten und digitalisierten Werk wird CO2-neutral gefertigt.

Das Auto selbst weist einige Rekorde auf. Der EQS ist laut Hersteller das aerodynamischste Fahrzeug der Welt. Mit einer Batteriekapazität von 108 Kilowattstunden und bis zu 770 Kilometern Reichweite auf dem Papier stellt der Oberklasse-Stromer alles bisher Dagewesene in den Schatten. Zumal zum Beispiel Audis Pendant zum EQS, der derzeit unter dem internen Namen Landjet entwickelt wird, erst 2025 auf den Markt kommen wird.

Strenge Überwachung der Lieferketten und Umweltstandards

"Wir definieren Luxus neu und nachhaltig", sagt Markus Schäfer. Dabei hat der oberste Entwickler der Stuttgarter nicht nur das emissionsfreie Fahren und die CO2-neutrale Produktion im Blick. Denn auch beim Akku selbst gibt es Fortschritte. Denn die kürzlich in Stuttgart-Hedelfingen gestartete Produktion von Batteriezellen kommt mit weniger Kobalt als bisher aus. Der Rohstoff wird unter teils fragwürdigen Bedingungen gewonnen. Darum überwacht der Daimler-Konzern seine Lieferketten nun strenger und will so Verstöße gegen Menschenrechte und Umweltstandards vermeiden.

Neue Elektro-Plattform ist beliebig skalierbar

Unter der unkonventionellen Hülle des EQS steckt die neue Electric Vehicle Architecture (EVA). "Mit dieser Plattform starten wir in eine neue Ära", erklärt Schäfer. "Sie ist in Länge, Breite und Radstand beliebig skalierbar." Und so folgen im Windschatten des EQS innerhalb der nächsten sechs bis zwölf Monate mit dem EQE eine Limousine im Format der E-Klasse und zwei SUVs - allesamt sind sie rein elektrisch unterwegs.

Mehr als 20.000 Bestellungen für kompakten EQA

Markus Schäfer geht es wie allen seinen Kollegen in der Branche: Ohne E-Autos sind die immer strengeren Abgasnormen nicht zu schaffen, sonst drohen insbesondere in der Europäischen Union schmerzhafte Strafen in Milliardenhöhe. Nicht nur, aber auch wegen der staatlichen Förderungen in vielen Ländern steigt die Nachfrage nach den Stromern derzeit deutlich.

Nach dem etwas holprigen Beginn mit dem EQC vor zwei Jahren startet die Marke mit dem Stern nun durch. Für das elektrische Kompakt-SUV EQA liegen bereits mehr als 20.000 Bestellungen vor. Nach der Weltpremiere des EQS gestern enthüllen die Stuttgarter am Montag bei der Automesse in Schanghai mit dem EQB ein weiteres SUV mit Akku an Bord. Schäfer plant, bis 2030 mindestens die Hälfte aller Mercedes-Pkw mit elektrischem Antrieb zu verkaufen. "Wenn der Markt sich schneller dreht, werden wir bereit sein", verspricht der 55-Jährige.

EQS startet im Sommer wohl um die 100.000 Euro

EQ ist im Konzern das Label für die Elektrifizierung des Antriebsstrangs. Zehn Milliarden Euro investieren die Stuttgarter in den kommenden Jahren. Ein Problem aber bleibt: Die Akku-Autos werfen bislang deutlich weniger Rendite ab als Autos mit Verbrennungsmotor. Daher sei es nur folgerichtig, mit einem Auto wie dem EQS ganz oben zu starten, wo die Margen höher sind. Über Preise schweigt Mercedes, sie werden aber kaum unter 100 000 Euro starten, wenn der EQS im Sommer in den Handel rollt.

Daten
Los geht es mit dem EQS 450, der mit einem Motor auf 245 kW kommt. Darüber rangiert der EQS 580 mit einem zweiten Motor. So klettert die Leistung auf 385 kW, der Akku hat in beiden Fällen eine Kapazität von108 kWh, mit denen eine Reichweite von bis zu 770 Kilometern möglich sein soll. Wenn mit bis zu 200 kW geladen wird, gibt es in 15 Minuten Strom für 300 Kilometer.

 

 

 

Alexander Schnell

Alexander Schnell

Ressortleiter Leben und Freizeit

Alexander Schnell leitet seit 1. Juni 2006 das Ressort Leben und Freizeit und ist damit für alle Sonderveröffentlichungen des Medienunternehmens zuständig. Dazu gehören unter anderem auch das Wochenendmagazin Freizeit und die Autostimme. Ein Spezialgebiet des gebürtigen Heilbronners sind alle Themen rund ums Auto und Mobilität. Darüber hinaus ist Schnell Mitglied der Chefredaktion.

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