Zukunftsforscher Harry Gatterer über die Wirtschaft nach Corona

Heilbronn/Wien  Es ist die Zeit der Visionäre, nicht der Pioniere, sagt Trendforscher Harry Gatterer beim Online-Zukunftskongress der Agentur Lingner.com. Und mit der Unsicherheit muss man umgehen lernen.

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Der Trendforscher Harry Gatterer beim Online-Kongress zur Zukunft nach der Corona-Krise.

Foto: Gleichauf

Diese Krise zu verstehen ist nicht einfach, sagt Harry Gatterer. Das Zukunftsinstitut, dessen Geschäftsführer er ist, habe Extremereignisse wie die Corona-Pandemie vielfach durchgespielt. Gekommen sei es nun doch anders, räumt der Trendforscher ein.

Beim Zukunftskongress der Heilbronner Agentur Lingner.com - die coronagerecht nur online stattfindet - zeigt sich Gatterer dennoch überzeugt: "Durch die Szenarien waren wir besser darauf vorbereitet, was kommt."

Homeoffice-Diskussion ist nur ein Hype

Entsprechend frühzeitig hat Gatterer auch zentrale Thesen für die "Post-Corona-Zeit" aufgestellt. Der Trend gehe zum Beispiel nicht grundsätzlich weg von der Globalisierung, aber die verändere sich hin zur "Glokalisierung", in der das Lokale, die Region in bestimmten Teilbereichen wieder eine wichtigere Rolle einnimmt.

Die Digitalisierung sei nun aus der Zukunft in die Gegenwart gewechselt. "Sie ist jetzt allgegenwärtig." Gatterer wendet sich aber dagegen, den vielfach beschriebenen Trend zum Homeoffice zu hoch zu hängen. "Das ist ein Hype." Vielmehr gehe er davon aus, dass Räume in Unternehmen künftig anders gestaltet werden. "Weg von der Zelle. Denn die Zelle haben wir doch tatsächlich zu Hause."

Kein Weg zurück zu alten Regeln

Überzeugt ist Gatterer, dass es keinen Weg zurück gebe, wie ihn sich manche Unternehmen vorstellen. "Vor allem die, die nun nach Staatshilfe rufen, wollen eigentlich nur weitermachen wie bisher." Doch selbst wenn sie das alte Spiel spielen wollen, dann finde das künftig unter neuen Bedingungen statt.

Aus diesem Grund bekomme Kreativität einen ganz neuen Stellenwert. "In der jetzigen Phase sind Visionäre gefragt", sagt Gatterer. Macher und Pionier bliebe derzeit nur eine Nebenrolle, sie seien später wieder gefragt, wenn klar ist, wo die Reise hingeht. Denn noch haben wir von der Zukunft nach Corona ein eher diffuses Bild. Verunsicherung sei die Folge, und mit der Unsicherheit sollte man sich beschäftigen.

Unsicherheiten benennen, Muster erkennen

Dazu hat er auch einen ganz praktischen Tipp parat. "Schreiben Sie auf, was Sie unsicher macht, am besten an einer Wand." Nach ein paar Tagen kann man sich fragen, wie diese Dinge zusammenhängen. Man erkenne dann Muster. "Wir Menschen sind einfach Mustererkenner." Das gebe Halt. "Es ist eine Interpretation der Wirklichkeit und auch ein kreativer Akt. Diese Kreativität könne in der Unsicherheit aber auch in Verschwörungstheorien münden. "Das ist dann keine gute Kreativität."

Die Emotionen bleiben auf der Strecke

Bei fast 300 Anmeldungen für den Kongress meldeten sich dann noch zahlreiche Teilnehmer mit Fragen an den Zukunftsforscher, der von seinem Büro in Wien aus dabei ist - die meisten fragen allerdings anonym. Und so wird Gatterer noch in einem anderen Punkt bestätigt: Vieles kann transportiert werden bei einem solchen virtuellen Treffen. Die Emotionen aber bleiben auf der Strecke. "Wir brauchen die menschliche Begegnung." Die wird also in der Post-Corona-Zeit mit Sicherheit wieder eine große Rolle spielen.


Weitere Vorträge

Weitere Vorträge gibt es am Donnerstag und Freitag, 28. und 29. Mai. Wer kurzfristig noch dabei sein möchte,kann direkt auf die Konferenzseite zukunftszeichen.de. Dort gibt es alle Infos.


 


Christian Gleichauf

Christian Gleichauf

Chefkorrespondent Wirtschaft

Christian Gleichauf schreibt über Menschen, Unternehmen und wirtschaftliche Entwicklungen in der Region Heilbronn-Franken. Seit dem Jahr 2000 ist der gebürtige Südbadener bei der Heilbronner Stimme.

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