IG Metall warnt vor Stellenabbau und sozialem Kahlschlag

Stuttgart  Die Sorge vor Entlassungen und dem Zurückfahren der Ausbildung in Unternehmen ist landesweit groß. Mit diesen zehn Forderungen will sich die Gewerkschaft IG Metall Gehör verschaffen.

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Die Betriebe in der Metall- und Elektroindustrie im Südwesten haben derzeit mit zahlreichen Problemen zu kämpfen.

Foto: dpa

Die IG Metall Baden-Württemberg befürchtet aufgrund der Corona-Krise einen massiven Verlust von Arbeitsplätzen sowie nachhaltige strukturelle Änderungen in der Branche. Mit Blick auf die Unternehmen sagte Bezirksleiter Roman Zitzelsberger am Freitag bei einer Pressekonferenz in Stuttgart, er sehe die Gefahr, dass die Krise überproportional auf den Schultern der Beschäftigten abgeladen werden soll.

Etliche Firmen nutzten die Ausnahmesituation, um Sparpläne und Stellenstreichungen umzusetzen und Arbeitnehmerrechte und Tarifverträge zu unterlaufen. "Wir als Gewerkschaft positionieren uns klar gegen sozialen Kahlschlag und für Solidarität", betonte er.

Blitzumfrage zeigt die dramatische Situation

Wie ernst die Situation in der Metall- und Elektroindustrie im Südwesten ist, machte Zitzelsberger anhand der jüngsten Blitzumfrage unter den 27 regionalen Geschäftsstellen deutlich. Demnach gaben 20,8 Prozent der Geschäftsstellen an, dass die Kurzarbeit in ihrer Region seit Ende April zugenommen hat. 66,7 Prozent berichteten von gleichbleibender Kurzarbeit, nur 12,5 Prozent von abnehmender Kurzarbeit. Sorgen bereiten der Gewerkschaft auch, dass mehr Unternehmen Jobs streichen wollen.

62,5 Prozent der Geschäftsstellen teilten mit, dass die Ankündigungen zu Personalabbau in ihren Gebieten seit Ende April zugenommen haben, 37,5 Prozent berichteten von gleichbleibenden Plänen. Vor allem in der Automobilbranche sieht Zitzelsberger die Tendenz, Kapazitäten und Strukturen nachhaltig zu reduzieren.

Im nächsten Ausbildungsjahr drohen Engpässe

Durchschlagen dürfte die Corona-Krise auch auf die Ausbildungssituation. Knapp 30 Prozent der Geschäftsstellen berichteten von einer erschwerten Übernahme von Auszubildenden in den Betrieben oder von der Absicht, die Zahl der Lehrstellen zu verringern. "Das Problem haben wir eher mit Blick auf das Ausbildungsjahr 2021", sagt der Bezirksleiter und appellierte an die Unternehmen, an der Ausbildung festzuhalten, um im Aufschwung die benötigten Fachkräfte zu haben.

Die gesamtwirtschaftliche Situation bewerten 75 Prozent der IG-Metall-Geschäftsstellen gleich schlecht wie Ende April, 25 Prozent sehen sogar eine weitere Verschlechterung.

Schwierige Gespräche mit Südwestmetall

Zwar haben die Tarifpartner IG Metall und Südwestmetall gemeinsame Gespräche über die Bewältigung der Corona-Krise vereinbart. Doch diese Gespräche gestalteten sich laut Zitzelsberger "äußerst schwierig". Die Beschäftigten seien bereit, ihren Beitrag zur Überwindung der Krise zu leisten, betonte er. Allerdings sollten tarifliche Abweichungen zeitlich befristet sein, sich am konkreten betrieblichen Fall orientieren und mit einer Beschäftigungssicherung verbunden sein.

Südwestmetall hingegen fordere pauschalierte beziehungsweise automatisierte Reduzierungen tariflicher Leistungen, was die IG Metall vehement ablehnt. Kostensenkungen auf dem Rücken der Beschäftigten werde es nicht geben, betonte der Bezirksleiter.

Beschäftigung und Einkommen sichern

Um ihre Anliegen - auch mit Blick auf die nächste Tarifrunde - stärker in die Öffentlichkeit zu tragen, hat die IG Metall die Kampagne "Solidarität gewinnt" ins Leben gerufen und zehn Forderungen formuliert. Wichtigster Punkt ist die Sicherung der Beschäftigung.

Weitere Forderungen sind die Absicherung der Einkommen, der Gesundheitsschutz, Entlastung bei der Kinderbetreuung, Festhalten an der Ausbildung, finanzielle Hilfen für Firmen in corona-bedingten Schieflagen, ein Konjunkturprogramm für Beschäftigung und Klimaschutz, die Sicherung regionaler Wirtschaftssysteme, ein Investitionsprogramm für Infrastruktur und öffentliche Dienstleistungen und die stärkere Einbeziehung großer Vermögen bei der Krisenbewältigung.

Konjunkturpaket

Mit dem Konjunkturpaket der Bundesregierung zeigte sich Bezirksleiter Roman Zitzelsberger durchaus zufrieden. Allerdings ist er skeptisch, ob die beschlossene befristete Senkung der Mehrwertsteuer ausreicht, um Kaufanreize zu bieten. Er hofft, dass die Autohersteller den Effekt durch eigene Rabattierungen verstärken. Besser als die "Gießkanne Mehrwertsteuer", die keinen Lenkungseffekt habe, hätte Zitzelsberger gezielte Maßnahmen wie eine Autokaufprämie auch für moderne Verbrenner gefunden.

Es gehe darum, die Produkte des Hier und Jetzt zu verkaufen, solange es die Produkte der Zukunft noch nicht gebe. Gezielte Prämien seien keine Strohfeuer, sondern dienten dazu, "das große Lagerfeuer" zu entzünden, sagte er.

Strengere Auflagen für Staatshilfen

Von der Bundesregierung wünscht sich Zitzelsberger strengere Auflagen für Unternehmen, die Staatshilfe in Anspruch nehmen. Es könne nicht sein, dass Firmen Staatsgeld bekommen und dann Arbeitsplätze abbauen oder Betriebsteile ins Ausland verlagern, sagte er. "Wer Geld vom Staat bekommt, hat sich gegenübber den Beschäftigten anständig zu verhalten", forderte der Gewerkschafter. Diese Unternehmen sollten in Deutschland bleiben und hier Steuern zahlen.


Jürgen Paul

Jürgen Paul

Teamleiter Autorenteam Politik/Wirtschaft Regional

Jürgen Paul arbeitet seit 1998 bei der Heilbronner Stimme. Der gebürtige Pfälzer widmet sich der regionalen und überregionalen Wirtschaft, Schwerpunkte sind das Handwerk, die Bankenbranche, der Arbeitsmarkt und die Konjunktur.

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