Genossenschaften sind gerüstet und blicken nach vorn

Region  Das vergangene Jahr gehört zu den wirtschaftlich turbulentesten in der Geschichte der Bundesrepublik. Dennoch zog der Baden-Württembergische Genossenschaftsverband (BWGV) bei der Jahrespressekonferenz am Freitag ein überwiegend positives Fazit. Besonders bei regionalen Lebensmitteln hat sich Wachstumspotenzial offenbart.

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Sie waren da, als während der Corona-Pandemie Lieferketten wankten: Regional erzeugtes Obst und Gemüse war in Baden-Württemberg im abgelaufenen Jahr gefragt wie lange nicht. Die Genossenschaften profitierten.

Foto: dpa

Große Teile der Ökonomie standen im Seuchenjahr 2020 vor ganz neuen Herausforderungen, etwa während der beiden Lockdowns, In der Krise "hat sich der Südwesten als stark und robust erwiesen", befand jedoch Genossenschaftsverbands-Präsident Roman Glaser. So erzielten die Waren- und Dienstleistungsgenossenschaften ein Umsatz-Plus von 2,8 Prozent. Rund 9,12 Milliarden Euro flossen durch die genossenschaftlichen Betriebe.

Lichtblicke gibt es nach Ansicht der Verbandsspitze vor allem im landwirtschaftlichen Sektor: "Durch die Corona-Pandemie und ihre Folgen ist die Wertschätzung regional produzierter Lebensmittel deutlich angestiegen. Die Menschen haben eine neue Sensibilität für das Thema entwickelt."

Vor allem bei Milch, Obst und Gemüse erzielten die genossenschaftlichen Bauern deutliche Zuwächse. Etwas gelitten haben dagegen Vieh- und Weinerzeuger. Grund dafür sei eine "Bugwelle an Schlachtvieh". Die Tiere hätten sich vor pandemiebedingt geschlossenen Schlachthöfen gestaut. "Das hatte einen gewaltigen Preisdruck zur Folge", von dem sich die Branche immer noch erhole. Beim Weinverkauf dämpfte verstärkter Online-Handel den Ausfall der Gastronomie.

Mehr Geld für Bauern gefordert

Trotz der Schwankungen sei grundsätzlich das Wachstumspotenzial im landwirtschaftlichen Sektor erkennbar. "Das muss letztlich aber dazu führen, dass die Landwirte besser entlohnt werden", forderte Glaser. Aufgrund der Sonderstellung, die Baden-Württemberg durch die kleinteilige Agrarsegmentierung innehabe, "führt an den Genossenschaften kein Weg vorbei", warb der oberste Repräsentant.

Um die positiven Impulse aus der Corona-Krise in die nahe Zukunft zu retten, sei es zudem wichtig, angestoßene Vermarktungsstrategien fortzuführen. Außerdem warnte Glaser davor, dass "importierte Lebensmittel die Qualitätsstandards hierzulande untergraben" könnten.

Viele Betriebe brauchen bald Nachfolger

Einen Sprung gemacht haben die gewerblichen Genossenschaften. Um 4,6 Prozent kletterte der Jahresumsatz auf rund 5,46 Milliarden Euro. Glaser konnte "Rückenwind in vielen verschiedenen Branchen" ausmachen. Die 12 großen Fachhandelsgenossenschaften konnten ihren Umsatz um über 7 Prozent auf rund 3,35 Milliarden Euro steigern, die Energiewirtschaft legte um 4 Prozent zu und mit 0,5 Prozentpunkten verbuchte auch der handwerkliche Sektor Zuwachs.

"Noch nie habe ich ein Jahr mit derartigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verwerfungen erlebt", sagte Roman Glaser. Und doch stehen auch künftig Umwälzungen an. So stehe jeder vierte Betrieb vor der Frage der Nachfolgeregelung. Der Verbands-Chef sieht hier eine Chance für Genossenschaften wie Betriebe: "Bereits drei gute Mitarbeiter genügen, um eine Genossenschaft zu gründen und so den Betrieb gemeinsam fortzuführen." So müssten gut funktionierende Kleinbetriebe nicht verkauft werden, Erfahrungen könnten bewahrt und Arbeitsplätze langfristig gesichert werden.

Solidarität soll Preisexplosion abfedern

Sorgen bereiten dagegen die aktuell durch die Decke schießenden Holzpreise. "Das führt dazu, dass Schreiner vorab weder Preise noch Lieferfristen benennen können", beschreibt Glaser die Unsicherheit, die auch die Auftragslage erschwert. "Zwar können wir keinen Einfluss auf Rohstoffpreise auf dem Weltmarkt nehmen", räumt Glaser ein. "Durch unsere Lagerkapazitäten können wir aber immerhin das Schlimmste abfedern", nennt er einen Vorteil des genossenschaftlichen Solidarprinzips.


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Sebastian Kohler

Volontär

Sebastian Kohler arbeitet seit Oktober 2019 als Volontär bei der Heilbronner Stimme.

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