Einzelhandel befürchtet ein Massensterben

Stuttgart  Die Händler in Baden-Württemberg beklagen, zu wenig Ausgleichszahlen für ihre Schließungen im Lockdown zu erhalten. Sie fühlen sich von der Politik im Stich gelassen und erheben massive Vorwürfe.

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Einmal schimmert kurz durch, wie sich Sabine Hagmann gerade fühlt. "Wir müssen leider Insolvenzen in Massen erwarten...", sagt die Hauptgeschäftsführerin des Handelsverbands Baden-Württemberg zum Abschluss der Online-Pressekonferenz. Dann bricht ihre Stimme. Kurz muss sie schlucken, ehe sie fortfährt: "Wir hatten schöne, bunte Innenstädte. Die stehen jetzt vor dem Aus."

Denn der Einzelhandel im Land sieht sich in seiner Existenz bedroht. Fast alle Geschäfte, die Mitte Dezember schließen mussten, können die weggefallenen Einnahmen nicht ausgleichen. Zumal die versprochenen Überbrückungshilfen vielfach zu gering ausfallen und oft wegen komplizierter Regelungen und hoher Voraussetzungen kaum zu bekommen sind. Kein Wunder, dass Verbands-Präsident Hermann Hutter einen düsteren Überblick über die Lage der Branche zeichnet. "Wir haben das Gefühl, dass die Politik uns im Regen stehen lässt", sagt er. "Wir brauchen Perspektiven für eine baldige Wiedereröffnung."

 

Die Situation sei äußerst dramatisch, berichtet er. "Wir haben Händler, die an nichts mehr glauben." Mittlerweile müssten die Geschäfte auf ein Vierteljahr Schließung zurückblicken, darunter zwei Wochen im wichtigen Weihnachtsgeschäft. Onlineshops und das - nun endlich gestattete - Click and Collect, also das Abholen bestellter Waren im Geschäft, sorgten zwar für Einnahmen, glichen aber die Einbußen lange nicht aus. "Der Einzelhandel bringt ein Sonderopfer", kritisiert der Inhaber einer Kette von Schreib- und Spielwarengeschäften mit Sitz in Günzburg.

Die Substanz ist bald aufgebraucht

Die Zahlungen aus der Überbrückungshilfe III seien gering: Bei 40 Milliarden Euro Einbußen im deutschen Handel gebe es bislang nur 90 Millionen Euro Ausgleich - während die Gastronomie 75 Prozent der Vorjahreseinnahmen ersetzt bekomme.

Das geht an die Substanz - und die ist bald aufgebraucht. Sven Maier, Geschäftsführer des Matratzenherstellers und -händlers "Schwäbische Traumfabrik", gibt sich noch Zeit bis ins zweite Halbjahr. Ändere sich an den Schließungen in den nächsten Wochen nichts, stehe sein Unternehmen vor dem Aus, berichtet er. Ausgerechnet von Dezember bis Februar mache er 53 Prozent des Jahresumsatzes. Die fehlen nun - "und unsere Kosten treiben uns an den Rand des Machbaren". Click and Collect sorge zwar für einige Einnahmen, denen stünden aber die Ausgaben für das dafür nötige Personal gegenüber. "Die finanziellen Ressourcen der Unternehmen sind nicht unendlich", mahnt er.

"Ich verstehe sehr gut, dass Länder und Bund handeln mussten", sagt Manfred Schnabel, Inhaber eines Elektrofachhandels in Mannheim. "Die Frage ist bloß, ob die Maßnahmen verhältnismäßig und fair sind. Wir glaubten, dass die Politik gelernt hat. Genug Zeit war ja seit dem ersten Lockdown." Richtig wütend wird er angesichts der erneuten Schließungen. "Niemand kann mir konkret begründen, warum unsere Betriebe ein Risiko darstellen. Ich kann das abstrakte Reden von Leuten, die als Beamte nicht betroffen sind, nicht mehr ertragen."

Initiative will Druck machen

Roland Reischmann, Inhaber eines Mode- und Sportartikelhändlers mit 1000 Beschäftigten, hat daher mit Simon Bittel von der Parfümerie Amica und zwei weiteren Handelsunternehmen die Initiative "Handel steht zusammen" gegründet. 14.000 Unterzeichner wurden in wenigen Wochen registriert, berichtet er. Sie stünden für 7000 Unternehmen mit 140.000 Beschäftigten.

Die Überbrückungshilfe III sei "kompliziert, ungerecht und viel zu langsam", kritisieren sie und fordern stattdessen eine faire, tagesgenaue und am Rohertrag orientierte Berechnung der Hilfen. "Wir sprechen über Unternehmen, die vor Corona sehr erfolgreich gearbeitet haben", sagt Bittel. "Ohne Hilfen droht eine Verödung der Innenstädte und der Verlust eines jahrhundertealten Kulturguts." Und Reischmann ergänzt: "Wenn nicht schnell etwas passiert, droht ein massenhaftes Einzelhandelssterben."


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Heiko Fritze

Heiko Fritze

Autor

Heiko Fritze arbeitet seit 2001 bei der Heilbronner Stimme. Er ist für das Team Wirtschaft & Politik tätig.

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