Eine flexible Lohnerhöhung in der Metall- und Elektroindustrie

Stuttgart  Im Südwesten einigen sich Tarifpartner IG Metall und Südwestmetall kurz nach dem Pilotabschluss in Nordrhein-Westfalen. In einigen Punkte setzen sie allerdings eigene Akzente. Und sind sich einig in ihrer Unzufriedenheit mit der Politik.

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Geeinigt: Wilfried Porth (l.), Verhandlungsführer von Südwestmetall, mit Roman Zitzelsberger, Verhandlungsführer der IG Metall Baden-Württemberg.

Foto: dpa

Nach achtstündigen Verhandlungen wurde am Dienstagabend der Tarifkonflikt in der Metall- und Elektroindustrie auch im Südwesten beigelegt. Vorausgegangen war der Pilotabschluss in Nordrhein-Westfalen, von dem die Tarifpartner in Baden-Württemberg allerdings in Details abwichen. Eine erhöhte Flexibilität auf beiden Seiten stand dabei im Vordergrund. Zudem werden die Tarifverträge modernisiert.

Im Juni gibt es die Corona-Prämie

Wie bereits in NRW ausgehandelt, gibt es künftig auch in Baden-Württemberg einen jährlich ausbezahlten Transformations- oder Trafobaustein für die rund eine Million Beschäftigten der Branche.

Im nächsten Jahr wird er 18,4 Prozent eines Monatsentgelts betragen und ab 2023 dann dauerhaft 27,6 Prozent. Aufs Jahr gerechnet entspreche dieser Zuwachs 2,3 Prozent Lohnerhöhung. In diesem Jahr gibt es eine Corona-Prämie von 500 Euro im Juni.

Arbeitszeit kann reduziert werden, und die Kollegen tragen den Entgeltausfall mit

Der Trafobaustein kann künftig auch für die Flexibilisierung von Arbeitszeiten in Unternehmen genutzt werden, die durch die Transformation, die Digitalisierung und auch die Veränderungen Richtung E-Mobilität unter Druck geraten sind.

So darf beispielsweise im Zuge einer Betriebsvereinbarung die Arbeitszeit von Beschäftigten auf 28 Stunden pro Woche reduziert werden. Anders als in NRW kann dann nicht nur der Tarifbaustein des betroffenen Arbeitnehmers, sondern auch die der anderen Betriebsangehörigen zum teilweisen Ausgleich des Entgeltausfalls herangezogen werden.

"Die Sonderzahlung kann also zum Teil kollektiviert werden", sagte Roman Zitzelsberger, Verhandlungsführer und IG Metall-Bezirksleiter, bei der Vorstellung der Ergebnisse am Mittwochmorgen.

Geben und Nehmen

Außerdem können die Betriebsparteien das Weihnachtsgeld um 50 Prozent erhöhen oder absenken. Geknüpft ist diese Möglichkeit an bestimmte Kennzahlen des Unternehmens, die in der Regel die Betriebsparteien festlegen sollen. Zudem muss mit dieser Option Beschäftigungssicherung gewährt werden.

Die mögliche Absenkung des Weihnachtsgelds war vor allem für die IG Metall eine bittere Pille. Für das Entgegenkommen auf die Forderungen der Arbeitgeberseite brachte die Gewerkschaft das Thema Manteltarif für Ausbildung durch, in den nun auch die dual Studierenden aufgenommen wurden, die bisher nicht im Tarifvertrag berücksichtigt waren.

Modernisierung der Tarifverträge wird noch eine Weile dauern

Insgesamt war den Tarifpartnern im Südwesten die Modernisierung der Tarifverträge wichtig. "Neue Berufe entstehen gerade in der Transformation jeden Tag", erklärte der Vertreter der Arbeitgeberseite, der Südwestmetall-Vorsitzende Wilfried Porth. Darauf müsse man reagieren. Allerdings sei das ein fortlaufender Prozess, der wohl nicht in Kürze abgeschlossen sein dürfte.

Auch das Entgelt-Rahmenabkommen (ERA) ist in die Jahre gekommen. "Das ist ja eine baden-württembergische Erfindung", erklärte Zitzelsberger. "Die meisten Tarifbeispiele stammen aber aus den 90er Jahren." Das müsse man sich nun genauer anschauen.

Einig schienen sich Arbeitgeber und Gewerkschaften in der Einschätzung der aktuellen politischen Lage. Trotz Halbleitermangel und sonstiger Probleme in Lieferketten "beeinträchtigen uns vor allem die politischen Spannungen in Deutschland", erklärte Porth. Es fehle die Zuverlässigkeit in der Corona-Politik. "Wir sind mittlerweile in einer Lage, dass die Politik uns mit Dingen droht, die sie selber nicht in der Lage ist zu organisieren", so Porth. Man müsse, wie auch in den Tarifauseinandersetzungen, wieder zu einer gemeinschaftlichen Herangehensweise kommen.

 


Christian Gleichauf

Christian Gleichauf

Chefkorrespondent Wirtschaft

Christian Gleichauf schreibt über Menschen, Unternehmen und wirtschaftliche Entwicklungen in der Region Heilbronn-Franken. Seit dem Jahr 2000 ist der gebürtige Südbadener bei der Heilbronner Stimme.

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