Digitalisiert ist schneller als umgedacht

München/Heilbronn  Präsenzarbeit war gestern. Unklar bleibt, was morgen wirklich ist. Das zeigt eine Studie, an der die TUM in Heilbronn und die Bertelsmann-Stiftung beteiligt sind. Für TUM-Gründungsdekan Krcmar ist eines klar: Die Führungskultur muss sich verändern.

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Trotz des Trends zu digitalen Konferenzen: Die Notwendigkeit für geschäftliches Reisen löst sich nicht in Wohlgefallen auf, sind Experten überzeugt. Foto: stock.adobe.com

Corona verändert die Arbeitswelt. Das zeigt eine Sondererhebung der Bertelsmann-Stiftung, der TUM Campus Heilbronn und des Münchner Kreises. Die Einschätzungen der 211 befragten Digitalisierungs- und Technologie-Experten aus Deutschland gehen aber teils weit auseinander. Unternehmen sind demnach gefragt, bei ihrer Führungskultur nachzujustieren. Politik und Tarifpartner müssten aber mithelfen, die Rahmenbedingungen zu schaffen, dass auch Klimaschutz und Nachhaltigkeit von den Veränderungen profitieren.

Mehr Homeoffice bedeutet weniger Verkehr, mehr Videokonferenzen resultieren in weniger Geschäftsreisen. So einfach könnte man sich die Zusammenhänge vorstellen. Helmut Krcmar, Gründungsdekan der TUM in Heilbronn, ist da auch mit Blick auf die Studie skeptisch: "Möglicherweise haben wir dann statt am Montag und am Freitag eben am Dienstag und am Donnerstag den Stau."

Präsenzkultur braucht einen neuen Platz

Denn auch die befragten Experten sehen die corona-bedingten Entwicklungen hin zu mehr Nachhaltigkeit im Arbeitsalltag eher als Strohfeuer. Nur 13 Prozent rechnen mit einem dauerhaft niedrigen Verkehrsaufkommen. Das Umdenken hat demnach gerade erst begonnen.

Krcmar warnt, auch die alte Präsenzkultur nicht einfach komplett auszulöschen. Denn immerhin zwei Drittel der Befragten gehen davon aus, dass sie sich auflöst. ,"Der direkte Austausch spielt aber auch weiterhin eine wichtige Rolle", sagt Krcmar. "Deshalb muss man genau überlegen, wann man darauf verzichtet."

Führungskräfte brauchen einen neuen Werkzeugkasten

Neu austariert werden muss auch das Verhältnis von Arbeits- und Privatleben. Dazu halten es die Experten überwiegend auch für notwendig, eine neue Führungskultur zu entwickeln - von Kontrolle hin zu mehr Vertrauen. Und das gehe noch weiter, sagt Krcmar. "Der alte Werkzeugkasten steht den Führungskräften nicht mehr zur Verfügung, sie brauchen einen neuen, zum Beispiel, wenn es darum geht, den Mitarbeitern Rückmeldung zu geben."

Das aufmunternde Zwinkern nebenbei in einer Konferenz sei bei einem Zoom-Meeting nicht möglich. Nun müsse man klarer kommunizieren, auch Konflikte offener ansprechen. Umgekehrt müssten aber auch die Mitarbeiter ihre Erwartungshaltung anpassen. "Wichtig ist jetzt für die Firmen, den Dialog zu beginnen", sagt Krcmar.

Entschleunigung wird sich nicht halten können

Digitalisiert ist schneller als umgedacht

Helmut Krcmar, Gründungsdekan der TUM Campus Heilbronn. Foto: TUM

Die Experten sind bei vielen Themen sehr zurückhaltend. Dass die Corona-Krise in eine anhaltende Stadtflucht mündet, glauben nur neun Prozent der Befragten. Nur 22 Prozent glauben, dass die Entschleunigung und die solidarische Unterstützung von Dauer sein wird.

Ein knappes Viertel glaubt, dass sich die gesamte Wirtschaftsordnung verändern wird. Knapp ein Drittel glaubt, dass die Menschen bald wieder in die alten Gewohnheiten zurückfallen, 27 sind vom Gegenteil überzeugt. Wirklich einig sind sich die Experten vor allem, dass der Trend zur Digitalisierung nun nicht mehr zurückzudrehen ist.

Einige neue Leitplanken sind notwendig

So wird auch das mobile Arbeiten von der Ausnahme zur Regel. "Das alles wird uns aber beschäftigen", ist Krcmar überzeugt. Denn nur weil nun viele Leute die Bedienung einer Videokonferenz-Software beherrschen, heiße das nicht, dass sich die Arbeitsorganisation automatisch anpasst.

Hier gehörten auch viele formale Dinge auf den Prüfstand, auch Dinge wie der Versicherungsschutz, der bisher für die Arbeit und den Arbeitsweg gilt. "Wo gilt der künftig?" Viele starre Regelungen würden nun durch flexible Lösungen ersetzt, doch auch dafür brauche es Verlässlichkeit. "Da sind auch die Tarifpartner gefragt."

 

Heilbronner Beteiligung

Der Ableger der Technischen Universität München (TUM) in Heilbronn hat unter anderem die digitale Transformation als zentrales Forschungsfeld. Helmut Krcmar ist Gründungsdekan und Beauftragter des Präsidenten für die TUM Campus Heilbronn. Mitbeteiligt an der Studie der Bertelsmann Stiftung war auch der Münchner Kreis, ein Think Tank, der sich ebenfalls mit der digitalen Transformation befasst. Als Vorsitzender des Forschungsausschusses dieses Münchner Kreises war Krcmar auch an der Zukunftsstudie "Leben, Arbeit, Bildung 2035+" beteiligt, die vor wenigen Wochen veröffentlicht wurde. Ein Teil der für diese Studie befragten Experten nahmen dann noch einmal zu den Themen Digitalisierung und Nachhaltigkeit Stellung. Diese Befragung erfolgte im April 2020. 

 

Christian Gleichauf

Christian Gleichauf

Chefkorrespondent Wirtschaft

Christian Gleichauf schreibt über Menschen, Unternehmen und wirtschaftliche Entwicklungen in der Region Heilbronn-Franken. Seit dem Jahr 2000 ist der gebürtige Südbadener bei der Heilbronner Stimme.

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