Der Einzelhandel im Land bangt ums Weihnachtsgeschäft

Stuttgart  Nur jeder achte Ladeninhaber spürt keine Einbußen durch die erneuten Corona-Einschränkungen. Entsprechend düster sind die Prognosen des Handelsvberbands Baden-Württemberg.

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Dieses Jahr wird es leerer: Der Handelsverband Baden-Württemberg befürchtet massive Auswirkungen der Corona-Pandemie auf das Weihnachtsgeschäft. Foto: dpa

Fast trotzig sitzt Hermann Hutter in seinem Laden vor einem vollen Spieleregal. Zwar boomen Puzzles, Brett- und Kartenspiele im Corona-Jahr, doch das Hauptgeschäft ist in großer Gefahr. "Eine Million Besucher kommen jedes Jahr auf den Ulmer Weihnachtsmarkt", sagt der Präsident des Handelsverbands Baden-Württemberg. Nur eben diesmal nicht - und damit fehle wegen der Corona-Einschränkungen ein erheblicher Anteil der potenziellen Kundschaft, die üblicherweise Hutters Laden in der Münsterstadt aufsucht.

Branchenumfrage unter Corona-Einfluss

"Drastische Umsatzeinbußen sind an der Tagesordnung", fasst der Präsident die Berichte seiner Händlerkollegen zusammen. Statt wie sonst in einem Stuttgarter Geschäft legte der Verband dieses Jahr die Ergebnisse der Branchenumfrage nur virtuell vor. Hutter war aus seinem Stammgeschäft am Ulmer Münsterplatz zugeschaltet.

Am quälendsten ist die Ungewissheit - es ist nicht absehbar, wie lange und in welchem Umfang die Einschränkungen noch bestehen bleiben. Sabine Hagmann, Hauptgeschäftsführerin des Verbands, warnt vor einer Pleitewelle: 6000 Geschäftsinhaber stünden vor der Insolvenz, berichtet sie. Die Forderung des Verbands lautet daher, dass auch notleidende Betriebe der Handelsbranche Notfall- oder Überbrückungshilfen erhalten müssen. Betroffen seien vor allem Unternehmen der Textil-, Schuh- und Lederbranche sowie Kosmetik- und Parfumanbieter. Wegen Homeoffice und ausgefallener Feiern fehle vielen der Anlass, dort einzukaufen.

Deutlich weniger Kunden im November

Nicht nur die Vorschriften wie Maskenpflicht und Abstand setzen den Geschäften zu - in den Innenstädten litten sie vor allem an der geschlossenen Gastronomie. Die aktuelle Situation schildert Sabine Hagmann so: "Die Läden sind auf, aber die Bevölkerung ist aufgerufen, zu Hause zu bleiben." Eine Blitzumfrage des Verbands Anfang November unter 400 Mitgliedern belegt: Bei 37 Prozent der Teilnehmer ist die Frequenz um mehr als die Hälfte eingebrochen. Keine Rückgänge meldeten nur sieben Prozent. Zwei Drittel der Befragten haben dabei ihre Läden in Innenstadtlagen. Daher appelliert die Hauptgeschäftsführerin vor den nächsten Beratungen der Ministerpräsidenten am Mittwoch: "Wenn es weitere Beschränkungen geben sollte, bitten wir dringend, gezielt vorzugehen." Und das müsse heißen: "Keine flächendeckenden Schließungen. Sonst brauchen wir wirklich umfangreiche Förderprogramme."

Unterstützung im Weihnachtsgeschäft

Nicht alle leiden derzeit aber unter der Pandemie. Erwartungsgemäß profitiert der Onlinehandel - aber im Weihnachtsgeschäft wollen die Bürger außerdem auch ganz bewusst in den Geschäften ihres Wohnortes einkaufen. Das belegt eine Umfrage der DHBW Stuttgart. "Die Leute wissen: Die Läden, die jetzt verloren gehen, kommen nicht mehr zurück", begründet dies Professor Andreas Kaapke, Autor der repräsentative Studie mit mehr als 1600 Befragten.

An Geschenken wird nicht gespart

Bei den Geschenken wollen die Bürger demnach dieses Jahr nicht sparen: Im Schnitt planen sie, 373 Euro für ihre Einkäufe auszugeben - vor einem Jahr waren es 378 Euro. Von einem Sparzwang wegen Einbußen durch die Corona-Krise sei also nichts zu spüren, erklärt Kaapke: "Das unveränderte Weihnachtsbudget kann man auch als Sehnsucht nach Normalität interpretieren. Wir haben keinen Hinweis, dass mit zunehmenden Infektionszahlen die Konsumstimmung gedrückt werden könnte." Die Verbraucher signalisierten quasi an die Politik: "Wenn ihr uns einkaufen lasst, dann tun wir das auch." Von daher wären Ladenschließungen wie in Frankreich oder Österreich "völlig kontraproduktiv", warnt der Professor.

Offen bleibt, wie die Handelslandschaft nach Corona aussieht. Wie lange Geschäftsinhaber die Einschränkungen aushalten können, hänge von vielen Faktoren ab, erläutert Hutter - angefangen bei den Mieten und endend beim Sortiment und den Rücklagen. Somit ist er sich mit Andreas Kaapke einig: "Was Corona auf Dauer bewirkt, wissen wir noch nicht."


Heiko Fritze

Heiko Fritze

Autor

Heiko Fritze arbeitet seit 2001 bei der Heilbronner Stimme. Er ist für das Team Wirtschaft & Politik tätig.

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