Das schwächste Glied in der Lieferkette stärken

Region  Im Lockdown sind Solidarität und Verlässlichkeit besonders wichtig: TUM-Professor David Wuttke über Ansätze, die verhindern, dass Geschäftspartner in die Insolvenz rutschen.

Email

Wettbewerb findet heute nicht mehr nur zwischen Unternehmen statt, sondern auch zwischen Lieferketten. Das sagt David Wuttke, Professor für Supply Chain Management an der TUM Campus Heilbronn. In einer komplexen Produktion könne der Ausfall eines einzelnen Lieferanten Stillstand bedeuten. Das wurde in der Corona-Krise besonders deutlich. Entscheidend ist deshalb auch jetzt, Zulieferer finanziell liquide zu halten.

Wie reagiert man, wenn sich die Nachfrage verschiebt?

Prinzipiell sei die Fragestellung im Supply Chain Management ganz einfach, sagt David Wuttke: "Um Angebot und Nachfrage in Einklang zu bringen muss das richtige Produkt zur rechten Zeit am richtigen Ort sein." Gelingt das nicht, hat man eventuell zu viele Produkte auf Lager oder kann die Nachfrage nicht befriedigen - beides ist ein Problem.

Unter stabilen Bedingungen machten es die Unternehmen in der Regel "wie immer" - und fahren damit nicht schlecht. Doch in einer zunehmend komplexen und globalisierten Welt komme mit der Corona-Krise der Faktor Unsicherheit dazu. Die Nachfrage verschiebt sich.

Industrie ist erstaunlich stabil

Offensichtlich sei das beispielsweise bei den mittelständischen Einzelhändlern, die im Lockdown und auch schon zuvor ihre Stärke, die Nähe zum Kunden, nicht ausspielen können. Es profitieren die Online-Händler. Die Verteilung der Umsätze verändere sich rasant.

In der Industrie seien die Lieferketten in diesem zweiten Lockdown wesentlich stabiler als im ersten. "Die proaktiven Unternehmen haben ihre Prozesse angepasst." Allerdings habe es natürlich auch Unternehmen gegeben, die alle Mühe hatten, überhaupt über die Runden zu kommen. "Generell haben aber alle dazugelernt, und es hilft natürlich, dass die Politik die Grenzen offenhält", sagt Wuttke. Trotzdem könne beispielsweise eine Autoproduktion lahmgelegt werden, wenn ein kleines Modul fehlt.

Das schwächste Glied in der Lieferkette stärken
David Wuttke, Professor für Supply Chain Management an der TUM Campus Heilbronn. Foto: privat

Lieferanten müssen teils zwei Monate auf ihr Geld warten

Das passiere auch, wenn Lieferanten finanziell in Bedrängnis kommen. Um schnell wieder Geld in die Kassen zu bekommen, müssten die Abnehmer häufig nur schneller bezahlen. "Doch unseren Daten zufolge liegt das Zahlungsziel in der Industrie bei über 40 Tagen, manchmal sogar bei 60", sagt Wuttke. Eine lange Zeit, wenn eigene Verbindlichkeiten drücken.

Eine Lösung dafür können Plattformen sein, die den Lieferanten einerseits eine sofortige Bezahlung ermöglichen und gleichzeitig das spätere Zahlungsziel für die Abnehmer garantieren. "Dabei übernehmen Banken, teils sogar die Hausbank, oder Finanzdienstleister das Risiko", sagt Wuttke.

Das Risiko bestehe in der Regel vor allem darin, dass der Abnehmer seinen Verpflichtungen nicht nachkommt. "Das ist bei gut bewerteten Unternehmen aber überschaubar." Der große Vorteil sei nun, dass Zulieferer finanziell liquide bleiben und das Risiko einer Insolvenz sinkt.

Es ist nicht leicht, an Daten zu kommen

"Wir sind mittendrin in der Forschung, wie eine intensivere Zusammenarbeit aussehen kann", erzählt Wuttke. Offensichtlich sei, dass das Thema in der Corona-Krise einen Schub bekommen habe. "In einigen Programmen hat sich in diesem Jahr die Anzahl der Lieferanten verdreifacht."

Daneben sei aber auch eine ganz unbürokratische Variante zu beobachten. "Manche Unternehmen bezahlen ihre Zulieferer inzwischen auch freiwillig schneller", sagt Wuttke. Sie wüssten, dass sie aufeinander angewiesen sind. Auch das gelte es zu erforschen. Momentan sei es nur schwierig, an Daten zu kommen, viele Geschäftsführer von stark betroffenen Betrieben hätten schließlich alle Hände voll zu tun, wie Wuttke beobachtet hat.

"Wir hoffen aber, dass wir bald Informationen für 2020 bekommen und die Effekte der Corona-Krise untersuchen können." Das Interesse an dem Thema sei jedenfalls auch in der Region Heilbronn groß. Mehr als 100 Teilnehmer zählte eine Online-Veranstaltung der TUM in Heilbronn zu dem Thema Ende November.

Ansatz Spieltheorie

Auch die Spieltheorie biete Ansätze, die Probleme in den Lieferketten zu beleuchten, sagt David Wuttke, der seit Anfang des Jahres als Assistant Professor an der TU München in Heilbronn tätig ist. In verschiedenen Szenarien könne das "Was wäre wenn..." durchgespielt werden. Einfluss hat zum Beispiel, inwieweit sich alle Geschäftspartner profitmaximierend verhalten. Suchen sie den kurzfristigen Profit oder den langfristigen? Denn klar ist: Sobald ein Partner zahlungsunfähig ist, verlieren alle.


Christian Gleichauf

Christian Gleichauf

Chefkorrespondent Wirtschaft

Christian Gleichauf schreibt über Menschen, Unternehmen und wirtschaftliche Entwicklungen in der Region Heilbronn-Franken. Seit dem Jahr 2000 ist der gebürtige Südbadener bei der Heilbronner Stimme.

Kommentar hinzufügen