Bauwirtschaft mit durchwachsenem Halbjahr

Stuttgart  Die Branche rechnet nach einem Umsatzrückgang mit einem leichten Plus im Gesamtjahr. Der Verband fordert die Politik auf, den Fokus auf heimische Ressourcen zu legen.

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Die Baubranche im Land hat ein anspruchsvolles erstes Halbjahr hinter sich. Preissteigerungen und einige andere Effekte haben die Umsätze gedrückt.

Foto: dpa

Die Bauwirtschaft in Baden-Württemberg erwartet nach einem schwierigen ersten Halbjahr ein leichtes Umsatzwachstum im Gesamtjahr. Bernhard Sänger, Präsident der Landesvereinigung Bauwirtschaft Baden-Württemberg, rechnet mit einem Umsatzplus von zwei Prozent. Mit den ersten sechs Monaten zeigte sich Sänger gestern in Stuttgart nicht zufrieden.

Der harte Wintereinbruch zum Jahresbeginn, das Auslaufen des reduzierten Mehrwertsteuersatzes und die Lockdown-Einschränkungen haben die Bauwirtschaft demnach spürbar belastet. So lag das Bauvolumen im ersten Halbjahr mit 6,25 Milliarden Euro um 1,1 Prozent unter dem des gleichen Vorjahreszeitraums.

Die Auftragslage ist gut, aber das Material fehlt

Auch die massiven Preissteigerungen beim Material und die weltweit unterbrochenen Lieferketten machten der Baubranche zu schaffen und sorgten für eine paradoxe Situation: Trotz hoher Auftragsbestände konnten viele Betriebe nur eingeschränkt arbeiten, weil häufig keine Baustoffe geliefert wurden. Mittlerweile würden die Betriebe die Kostensteigerungen an die Kunden weitergeben, was bisher kaum möglich gewesen sei, sagte Sänger. "Ein Ende der Preis-Rallye ist leider nicht in Sicht", betonte er.

Deutlicher Rückgang im Straßenbau

Umsatzrückgänge verzeichnete die Branche vor allem im Wirtschaftshochbau und im öffentlichen Bau, wo es eine starke Investitionszurückhaltung gebe und geplante Projekte verschoben wurden. Im Straßenbau etwa sanken die Umsätze um 10,1 Prozent. Positiv entwickelte sich dagegen der Wohnungsbau. Hier stiegen die Umsätze zwar nur um 1,6 Prozent, die Nachfrage legte aber um 13,9 Prozent zu. Wie Sänger berichtete, gab es im ersten Halbjahr 19 Prozent mehr Baugenehmigungen für 24 367 Wohnungen. Der Auftragseingang aller Bausparten betrug 5,82 Milliarden Euro - ein Plus von 3,7 Prozent.

Mehr bauen mit heimischen Materialen

Die Bauwirtschaft im Land appelliert an die Politik, den Fokus mehr auf heimische Ressourcen zu legen. "Regionale Bauprodukte wie etwa Holz sollten nicht nur in den Export gehen, sondern auch dem hiesigen Markt in ausreichendem Maß zur Verfügung stehen", sagte Geschäftsführer Thomas Möller. Auch müssten die lokalen Abbaustellen für Stein, Kies, Sand und Schotter erhalten und ausgeweitet werden, um die heimische Wirtschaft zu unterstützen. Möller forderte, diese Maßnahmen zur Rohstoffsicherung im Landesentwicklungsplan fortzuschreiben. Dies sei auch wichtig, um die Klimaziele zu erreichen.

Zudem macht sich die Baubranche für mehr energetische Sanierung stark. Vizepräsident Rainer König verwies darauf, dass 28 Prozent der gesamten CO2-Emissionen in Deutschland aus dem Gebäudesektor stammen. "Deshalb ist es wichtig, Gebäude energetisch zu sanieren, alte Heizungen auszutauschen und umweltfreundliche Baumaterialien einzusetzen", so König. Derzeit liege die Sanierungsrate bei nur einem Prozent pro Jahr. Um die Klimaziele zu erreichen, müsste die Quote mindestens verdoppelt werden. Helfen würden dabei großzügige staatliche Förderungen.

 


Jürgen Paul

Jürgen Paul

Teamleiter Autorenteam Politik/Wirtschaft Regional

Jürgen Paul arbeitet seit 1998 bei der Heilbronner Stimme. Der gebürtige Pfälzer widmet sich der regionalen und überregionalen Wirtschaft, Schwerpunkte sind das Handwerk, die Bankenbranche, der Arbeitsmarkt und die Konjunktur.

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