Audi sucht jetzt die Nähe zum Bildungscampus

Region  Der Autobauer gründet ein Joint Venture mit der Beratungsfirma Capgemini und will damit die Digitalisierung im VW-Konzern vorantreiben. Das alles passiert in Heilbronn.

Email

Frank Loydl (li.) und Henrik Ljungström haben große Pläne für das Projekt XL2, ein Joint Venture von Audi und Capgemini. Das Bild ist im Februar entstanden.

Foto: Audi

Der Autobauer Audi und die IT-Beratungsfirma Capgemini haben ein Joint Venture gegründet. Unter dem Namen XL2 soll es die digitale Transformation des gesamten VW-Konzerns vorantreiben. Unternehmenssitz ist nicht zufällig Heilbronn, wie Audis IT-Chef Frank Loydl und Henrik Ljungström, Leiter Automotive bei Capgemini in Deutschland, im Gespräch mit unserer Redaktion verraten.

 

IT-Beratung für den VW-Konzern aus Heilbronn. Das klingt schon spannend. Was steckt dahinter?

Loydl: Wir bauen seit zwei Jahren die gesamte IT bei Audi und im Volkswagen-Konzern um. Wir wollen zum einen wieder mehr Eigenleistung erbringen, also mehr selber machen. Zum anderen wollen wir auch neue Arbeitsmethoden implementieren. XL2 beginnt damit in Neckarsulm.


Aber Sie gehen nicht nach Neckarsulm, sondern nach Heilbronn.

Loydl: Ja, ganz bewusst. Wir setzen mit dem Joint Venture ein Zeichen für den digitalen Wandel im Konzern, aber auch für Heilbronn als neues Zentrum dieser Digitalisierungsentwicklung. Es gibt hier die Nähe zum Audi-Standort Neckarsulm, aber auch zu Walldorf, wo SAP sitzt, und zum Karlsruher Institut für Technologie KIT. Vor allem gibt es jedoch die Nähe zum Bildungscampus in Heilbronn, den wir fußläufig erreichen können.

Ljungström: Die Nähe zu den Einrichtungen dort ist uns sehr wichtig, ob das die Duale Hochschule, die Hochschule Heilbronn, das Fraunhofer-Institut oder die TU München ist. Wir sehen hier ein hohes Synergiepotenzial. Wir wollen mit den Einrichtungen zusammenarbeiten und hoffen, qualifizierte Mitarbeiter rekrutieren zu können. Dabei könnte zukünftig auch die Programmierschule Ecole 42 eine Rolle spielen.


Und was sind diese neuen Arbeitsformen, die Sie einführen wollen?

Loydl: Die Agilität, die man üblicherweise bei Start-ups vorfindet, spielt eine zentrale Rolle. Wir wollen mehr offene und weniger hierarchische Arbeitsformen.


Dabei ist Audi doch bisher sehr hierarchisch geprägt. Geht das Management da mit?

Ljungström: Der Appetit auf neue, agile Arbeitsweisen, den ich bei Audi wahrnehme, ist sehr groß.

Loydl: Wir haben das Projekt bei Audi genau vor diesem Hintergrund initiiert. Der Vorstand steht dahinter. Und ich selbst bin zu hundert Prozent von diesem Weg überzeugt.


Die Automobilindustrie steht vor gewaltigen Umbrüchen. Inwieweit spielt die Digitalisierung der Fabrik für Ihre Firma eine Rolle?

Loydl: Das ist ein Schwerpunktthema. Es geht um IT-getriebene Innovationen im Bereich Produktion und Logistik und entsprechende Integration in die Unternehmens-IT.

Ljungström: Die Automobilindustrie ist tatsächlich insgesamt im Wandel. Das Produkt verändert sich - zum Beispiel hin zur Elektromobilität. Der Produktionsprozess verändert sich - Stichwort digitale Fabrik. Aber auch die Schnittstelle zum Endkunden verändert sich - wir nennen das Customer Centricity. Als Capgemini wollen wir unserem Kunden ein maßgeschneidertes Gesamtpaket bieten. Und weil sich so viele Dinge gleichzeitig verändern, müssen die Veränderungsprozesse beschleunigt werden. Das Joint Venture soll helfen, die Geschwindigkeit zu erhöhen.

 

Audi sucht jetzt die Nähe zum Bildungscampus

Das neueJoint Venture XL2 wird an der Edisonstraße angesiedelt − in Sichtweite der weiße Turm auf dem Bildungscampus (links).

Foto: Andreas Veigel

Gleichzeitig sollte so ein Transformationsprozess doch möglichst ganzheitlich angegangen werden. Sind Sie dann das Zentrum dafür?

Loydl: Wir werden aus eigener Kraft nicht alles ganzheitlich bedienen können. Aber ich hoffe auf die Einrichtungen im Umfeld, die einen breiten Fokus haben, sodass wir in alle Unternehmensteile hineinwirken können. Zudem ist das Neckarsulmer Werk eines der komplexesten Automobilwerke der Welt. Damit können wir mit fast jedem Produktions- und Logistikprozess arbeiten und direkt die Auswirkungen im Werk betrachten, und zwar ganzheitlich. Ich muss es noch einmal sagen: Dieses Werk und der Bildungscampus zusammen - das betrachte ich als einmalige Konstellation und als Geschenk.


Soll Neckarsulm also konzernweit zum Vorreiter bei der Digitalisierung werden?

Loydl: Neckarsulm soll, was die digitale Produktion angeht, eine Führungsfunktion im Konzern übernehmen.


Wie weit ist man auf dem Weg zur Smart Factory?

Loydl: Hm, das ist wieder so ein Schlagwort, das müsste man erst definieren. Wir sind jedenfalls auf Augenhöhe oder teilweise sogar führend im Bereich Digitalisierung der Produktion. Jetzt ist die Frage, was sich die nächsten Jahre tut.


Tesla und Google sind führend, was die Vernetzung und die Digitalisierung des Autos angeht. Welche Rolle spielen Sie da?

Loydl: Der Fokus unserer Firma XL2 liegt nicht auf dem Produkt, sondern auf Produktion und Logistik.


Gerade im Bereich der Logistik hat Corona gezeigt, wo die Grenzen liegen. Transportwege waren plötzlich versperrt, Lieferanten im Lockdown. Werden Sie auch darauf reagieren?

Ljungström: Zwei Aspekte sind hier zu unterscheiden: Die Lagerhaltung gegenüber Just-in-Time-Lieferung und die künftige Weiterentwicklung komplexer Lieferketten sind fachliche Themen, wo die IT und XL2 nicht die ersten Ansprechpartner sind. Geht es darum, die IT-Unterstützung zu verbessern und zu optimieren, ist die Expertise von XL2 durchaus gefragt. Da können wir künftig tatkräftig wirken.

Loydl: Ich glaube jedenfalls, dass nach Corona die digitalen Werkzeuge noch wichtiger werden, weil man so noch flexibler reagieren kann.


Audi hat bisher schon mit Capgemini zusammengearbeitet. Was verändert sich jetzt?

Loydl: Wir werden von einer auftragsbezogenen Zusammenarbeit in eine langfristige und enge strategische Partnerschaft wechseln. Capgemini hat eine herausragende SAP-Kompetenz. Jetzt bauen wir gemeinsam ein neues Unternehmen auf, rekrutieren Mitarbeiter und bilden sie gemeinsam aus. Wenn das so läuft, wie wir uns das vorstellen, dann ist das eine Beziehung, die wir nicht mehr auflösen wollen. Wir kommen weg von den Ausschreibungen und schnellen Wechseln von Anbietern, was letztlich nur Zeit und Ressourcen verschwendet. Wir können uns künftig auf Inhalte fokussieren und Wissen nachhaltig bei uns binden.


Können sich auch Autozulieferer, mit denen Sie zusammenarbeiten, an die neue Firma XL2 wenden?

Ljungström: Der Fokus liegt momentan klar auf Audi und dem VW-Konzern.


Was bedeutet XL2 eigentlich?

Ljungström: Da stecken ein paar Überlegungen dahinter. XL ist die römische Zahl 40 - das symbolisiert Audis vier Ringe. Das Gemini aus Capgemini ist Lateinisch für Zwillinge. Dafür steht dann die Zwei. Die Zwei symbolisiert zudem, dass hier zwei Marktführer in ihrer jeweiligen Disziplin zusammen gehen.

Loydl: 40 plus 2 sind dann auch noch 42, also die Antwort auf alle Fragen aus dem Roman "Per Anhalter durch die Galaxis". Da hatten wir wohl eine ähnliche Idee wie die Ecole 42, die im Herbst nach Heilbronn kommt. Das ist aber reiner Zufall.


Frank Loydl (54) leitet seit 2018 als Chief Information Officer (CIO) die Audi-IT. Der studierte Informatiker begann seine berufliche Karriere beim amerikanischen IT-Dienstleister Electronic Data Systems (EDS). Nach Stationen bei der britischen IT-Beratung Logica CMG und EMC, einem US-amerikanischen Hersteller von Hard- und Software, leitete Loydl ab 2009 bei T-Systems das Delivery Management für den Kunden Volkswagen AG. 2013 wechselte er nach Wolfsburg. Während seiner Zeit bei Volkswagen etablierte Loydl neben agilen Arbeitsweisen ein werteorientiertes Führungsmodell und begleitete den internen Veränderungsprozess.

Henrik Ljungström ist Leiter Automotive bei Capgemini in Deutschland und als Executive Vice President Mitglied der Geschäftsleitung. Der 53-jährige Wirtschaftsinformatiker ist seit drei Jahren in diesen geschäftsverantwortlichen Funktionen tätig und insgesamt seit mehr als 20 Jahren bei Capgemini beschäftigt. Sein Studium hat Ljungström an der Universität Darmstadt abgeschlossen.

Das Joint Venture: Das Unternehmen XL2 startet im Juni operativ mit 15 Mitarbeitern, von denen rund die Hälfte von Capgemini kommt, die andere Hälfte von Audi. Die Zielgröße bei den Mitarbeitern liegt im dreistelligen Bereich. Geleitet wird das Joint Venture von einer Doppelspitze: Géraldine Aubert war bisher Vice President bei Capgemini, Felix Spitznagel war Projektmanager im SAP Acceleration Center bei Audi.

 

Christian Gleichauf

Christian Gleichauf

Chefkorrespondent Wirtschaft

Christian Gleichauf schreibt über Menschen, Unternehmen und wirtschaftliche Entwicklungen in der Region Heilbronn-Franken. Seit dem Jahr 2000 ist der gebürtige Südbadener bei der Heilbronner Stimme.

Kommentar hinzufügen