Stadtgalerie-Chefin und Verdi-Geschäftsführerin im Dialog

Heilbronn  Fast zwei Generationen liegen zwischen Marianne Kugler-Wendt und Alina Fischer. Beim Wirtschaftsstimme-Dialog zum Frauentag begegnen sich die regionale Verdi-Chefin und die Centermanagerin der Stadtgalerie zum ersten Mal.

Von Manfred Stockburger und Bärbel Kistner
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Alina Fischer, 25, ist im Rheinland aufgewachsen. Nach ihrem dualen Studium beim Shoppingcenter-Betreiber ECE ist sie seit 2016 Chefin der Stadtgalerie Heilbronn.

Frau Kugler-Wendt, wenn Sie eine junge Frau als Chefin der Heilbronner Stadtgalerie sehen, dann muss Ihnen als Frau, die seit Jahrzehnten für Gleichberechtigung kämpft, das Herz aufgehen.

Kugler-Wendt: Zuerst denke ich natürlich, dass sie eine gute Ausbildung hat − wie war das denn bei Ihnen, Frau Fischer?

Alina Fischer: Ich habe bei der ECE ein duales Studium gemacht und war im Rahmen der Ausbildung in verschiedenen Städten: Berlin, München, Saarbrücken, Kiel, Ludwigsburg, Stuttgart. Nach dem Studium dann ein halbes Jahr in Italien, dann Dortmund, Dresden, Basel. Danach ging es dann nach Bayreuth, wo ich das erste Mal Managerin sein durfte, für eine Kollegin, die im Mutterschutz war. Vor einem Jahr kam ich nach Heilbronn.

 

Da bleibt einem ja fast der Atem weg...

Kugler-Wendt: Dass sie in so jungen Jahren schon so eine Karriere machen konnte, ist ein Ergebnis der Frauenbewegung. Wären wir vor 40 Jahren nicht auf die Straße gegangen, dann weiß ich nicht, ob Frau Fischer heute da sein könnte, wo sie jetzt ist.

 

Frau Fischer, ist die Frauenbewegung ein Thema für Sie?

Fischer: Ich bin so aufgewachsen, dass ich ganz schnell selbstständig sein möchte und unabhängig. Dass ich mich schnell und stark entwickeln, viel unterwegs sein und dabei viele Dinge sehen möchte. Das macht meinen Lebenslauf möglich. Ich bin dankbar, dass ich den Weg gehen durfte, habe aber nie hinterfragt, dass das für mich als Frau nicht selbstverständlich sein könnte.

 

Zwei Frauen und ihre Wege nach oben

Marianne Kugler-Wendt, 62, stammt aus Heilbronn und ist seit mehr als 20 Jahren Gewerkschaftsgeschäftsführerin. Erst bei der damaligen ÖTV, jetzt bei Verdi.

Bei ECE gibt es ja auch viele Frauen in solchen Positionen, wenn ich an die Galerie der Stadtgalerie-Chefinnen denke...

Fischer: Dass hier in Heilbronn immer Frauen die Stadtgalerie leiten durften, ist ein Zufall, insgesamt gibt es bei der ECE etwa gleich viele Centermanager und Centermanagerinnen. Wir haben auch Asset Manager, die sich hauptsächlich um die Zahlen kümmern, da ist der Männeranteil noch höher. Aber im Centermanager-Bereich sind wir wirklich gut aufgestellt. Und ich bin stolz, dass es da so ist.

Kugler-Wendt: Das ist klar. Es gibt immer mehr Abiturientinnen und Absolventinnen mit guten Noten. Irgendwann muss das in der Berufswelt ankommen. Trotz aktiver Frauenbewegung war die Entwicklung in meiner Jugend nicht so rasant wie in den letzten zehn oder 15 Jahren. Im Handel ist das so ausgeprägt, weil der Frauenanteil ohnehin höher ist − auch im Führungskräfte-Bereich.

 

Ist die Karriere aber nicht relativ rasch zu Ende, wenn man Kinder bekommt?

Fischer: Wir haben viele Teilzeit-Systeme aufgebaut. Wenn man viele Frauen hat, die High-Performer sind, bedingt das natürlich die Frage, wie ich die unterstützen kann, wenn sie schwanger werden. Da gibt es viele individuelle Lösungen.

 

Wie war Ihre Erfahrung als Mutterschaftsvertreterin? Wie war Ihr Verhältnis zu der Kollegin?

Fischer: Ich war froh, dort ankommen zu dürfen, nachdem ich davor als Interimsmanagerin immer unterwegs war. Mit meiner Vorgängerin hatte ich nicht viel Kontakt: Wenn man raus ist, dann muss man die Augen schließen und es gut sein lassen, bis man wieder zurückkommt. Es kann nur einen Häuptling geben.

 

Zwei Frauen und ihre Wege nach oben
Alina Fischer (links) und Marianne Kugler-Wendt. Foto: Berger

Frau Kugler-Wendt, wie war's bei Ihnen?

Kugler-Wendt: Bei mir war klar: Du bist ein Mädchen, du gehst in die Fabrik, um Geld zu verdienen, und heiratest. Ich durfte keine weiterführende Schule besuchen. Ich bin aber schon jung bei der Gewerkschaft in Verantwortung gekommen: Ich war 24, als ich eigenständig Bereiche übernommen habe. Mit 40 Jahren wurde ich dann Geschäftsführerin. Aber als ich mich zum ersten Mal als stellvertretende Geschäftsführerin beworben habe, bekam ich die Stelle nicht. Weil ich schwanger war − und zu frech.

 

Sie haben trotzdem beide eine schnelle Karriere hingelegt...

Fischer: Das Wichtigste ist, einen eigenen Antrieb zu haben. Wenn man den hat, kann man schnell aufsteigen.

Kugler-Wendt: Nein, das alleine reicht nicht. Man muss sich auch die gesellschaftlichen Voraussetzungen anschauen. In den 1980er Jahren waren die Bedingungen ganz anders. Da gab es kaum Behördenleiterinnen, Unternehmerinnen und gerade die ersten Pfarrerinnen. Dass sich das verändert hat, ist ein Erfolg der Frauenbewegung. Aber warten Sie ab, Frau Fischer, wenn Sie mal schwanger werden, wie es dann tatsächlich ist. Je mehr wir über Frauen in den Vorständen und Aufsichtsräten reden, umso weniger liegt das Augenmerk bei der Verkäuferin, der Sachbearbeiterin oder der Krankenschwester darauf, dass sie Beruf und Familie vereinbaren können. Da erlebe ich, dass der Fortschritt stagniert. Und die Angebote an Teilzeitarbeit gehen zurück.

 

Ist Teilzeit denn überhaupt die Lösung?

Kugler-Wendt: Gesellschaftspolitisch betrachtet ist Teilzeit eine Armutsfalle für Frauen, auch bei Fachkräften. Deshalb muss Vereinbarkeit von Familie und Beruf auch für die Männer gelten. Aber es gibt viele Lebensmodelle. Wenn sich eine Frau wie meine Tochter dafür entscheidet daheim zu bleiben, ist das auch okay.

 

Was halten Sie von Teilzeit, Frau Fischer? Geht das im Management?

Fischer: Das hängt von der Aufgabe ab − und von der Erwartungshaltung. Wenn man in beiden Bereichen nicht das geben kann, was man möchte, wird es schwierig. Aber ich bin froh, dass es in Deutschland Regelungen gibt, und dass man finanziert wird. In der Schweiz, wo mein Partner lebt, fällt man in ein Loch, da wird der Geldhahn zugedreht − auch wenn man sonst vielleicht ein paar Franken mehr bekommt als hier. Aber wenn man zielstrebig ist, dann findet man auch wieder einen Einstieg, glaube ich.

Kugler-Wendt: Das kommt auf den Arbeitgeber an. Will er Personal abbauen, ist es die günstigste Möglichkeit, Rückkehrerinnen nicht wieder zu nehmen.

 

Frau Fischer, haben Sie Vorbilder?

Fischer: Überhaupt nicht. Ich stehe morgens auf und sage: Ich bin mein eigener Motor. Wer soll mich sonst antreiben? Deswegen kenne ich mich auch mit Stars nicht so aus − oder mit den Leuten, die sonst noch einen guten Job machen. Früher war meine Mutter immer ein großes Vorbild für mich. Sie kommt aus einer ganz bodenständigen Familie. Sie sollte auch Näherin werden, nicht Lehrerin, und musste sich selbst viel erarbeiten. Manchmal hatte sie kein Geld für den Schulbus oder fürs Essen in der Mensa. Aber sie hat sich durchgeboxt und steht jetzt da, wo sie hinwollte. Deswegen bin ich überzeugt, dass man gegen Widerstände Dinge erreichen kann.

 

Frau Kugler-Wendt, das "Ich schaffe das, was ich will", ein Modell für die Gesellschaft? Das Ziel der Frauenbewegung war das ja nicht wirklich...

Kugler-Wendt: Dass Menschen etwas geschafft haben, das sie sich vorgenommen hatten, gab es immer. Aber der Anteil junger Frauen, die erreichen, was sie sich vorgenommen haben, ist gestiegen. Ich finde nicht, dass die jungen Frauen der Frauenbewegung dankbar sein müssen, aber sie sollten erkennen, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, wenn sie heute mehr erreichen können. Deswegen wünsche mir, dass der 8. März nicht nur zum Marketinggag wird, sondern auch ein politischer Frauentag bleibt.

 

Sie könnten ja eine gemeinsame Aktion machen...

Fischer: Das ist eine gute Idee.

Kugler-Wendt: Wenn die Einzelhandelstarifrunde schon begonnen hat, dann geht das allerdings nicht.

 

Apropos Tarif: Gerade im Handel sind die Arbeitsbedingungen ja oft schwierig: Arbeit auf Abruf, schlechte Bezahlung...

Kugler-Wendt: Arbeitszeit ist ein ganz heikles Thema, da haben wir die meisten Anfragen von Mitarbeiterinnen. Wenn es keinen Betriebsrat gibt, darf der Arbeitgeber seine Leute einteilen wie er möchte. Aber eines darf man nicht vergessen: Im Onlinehandel sind die Arbeitsbedingungen unterirdisch.

 

Frau Fischer, wie sieht Ihre Karriereplanung aus?

Kugler-Wendt: Jetzt soll sie aber erst einmal in Heilbronn bleiben...

Fischer: Man beschäftigt sich schon mit den nächsten drei, fünf oder auch zehn Jahren. Wichtig ist zunächst, meine Heilbronn-Zeit zu planen, da gibt es noch viele Aufgaben. Ich möchte jeden Tag eine Lernkurve sehen. Weiterbildung ist mir persönlich sehr wichtig. Hierüber spreche ich auch mit meinen Chefs. Und dann bereiten wir die Umstrukturierung der Stadtgalerie vor, da gibt es viele Ideen. 2018 sollen 46 Einheiten umgebaut und neu vermietet werden − das zu planen, ist unter anderem meine Aufgabe. Auch bei der Stadtinitiative möchte ich mich mehr einbringen und sie dabei unterstützen, dass die Aufenthaltsqualität in der Stadt genauso weitersteigt.

Kugler-Wendt: Das ist wichtig. Heilbronn ist eine interessante Stadt für Frauen. An vielen leitenden Stellen sitzen mittlerweile Frauen: bei der AOK, in der Verwaltung oder auch bei der Stimme.

 

 

Wirtschaftsstimme

Von Frauen in Führungspositionen bis zu wachsenden Logistikzentren, von riesigen Windrad-Transporten bis zu einer neuen Motorradmarke aus Hohenlohe reicht das Spektrum der neuen Wirtschaftsstimme, die am Dienstag, 7. März, erscheint. Vorgestellt werden erfolgreiche Unternehmen sowie Projekte abseits des Gewöhnlichen. Und neun Frauen stellen sich sechs Fragen zu ihrer Rolle als Führungskraft.

 

 

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