Messe IAA wird zum Symbol des Umbruchs in der Autobranche

Frankfurt/Region  Viele ausländische Hersteller machen einen Bogen um die internationale Automesse. Deutsche Firmen tun sich nicht leicht mit der Entscheidung, was sie präsentieren sollen und suchen neue Plattformen.

Von Manfred Stockburger und dpa
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Das Bild zeigt den BMW-Stand der IAA 2015.

Die IAA muss abspecken - gemeinsam mit der Autobranche, die zuletzt kleinere Brötchen backen musste. Langsam aber sicher wird die zunehmend schwierige Lage der Branche augenscheinlich - und auch im Programm der 68. Auflage der Internationalen Automobilausstellung hinterlässt die Krise deutliche Spuren.

Vor allem internationale Hersteller machen in diesem Jahr einen weiten Bogen um die Veranstaltung des deutschen Verbandes der Automobilindustrie (VDA). Unter anderem haben alle Japaner bis auf Honda, die US-Hersteller mit Tesla sowie die führenden Unternehmen aus Frankreich und Italien abgesagt. Auf dem längst nicht ausverkauften Messegelände werden nur noch in vier Hallen neue Autos gezeigt. Die deutschen Konzerne VW, Daimler und BMW bleiben fast unter sich.

Alfa Romeo, Renault und Volvo haben abgesagt

Die Liste der Absagen von Alfa Romeo über Renault bis Volvo ist lang. Als globale Nummer zwei hinter Volkswagen begnügt sich Toyota mit der Rolle als Mitveranstalter des "japanischen Abends". Ihre Modelle zeigen die Japaner lieber in einem "Mobility Loft", das beispielsweise bei den Umwelttagen Köln Station machte.

Wer kommt, tut sich nicht leicht mit der Entscheidung, was präsentiert werden soll. Starke Benziner oder Öko-Stromer? Diesel-SUVs? Welche Rolle spielen Zukunftstechnologien wie das Autonome Fahren?

Längst nicht alle Details der Antworten, die Audi auf diese Frage gefunden hat, lässt sich eine Sprecherin in Ingolstadt entlocken. Ein bisschen von allem scheint die Devise zu sein: Unter anderem werden die RS-Versionen der Neckarsulmer Modelle A6 Avant und A7 gezeigt - angesichts der Elektro-Offensive der Audi-Konzernmutter VW fallen diese eher in die Kategorie Dinosaurier. Aber noch ist das fossile Zeitalter auf den Straßen Deutschlands und der Welt nicht zu Ende. Die Zukunft ist, wie die Sprecherin verrät, dennoch auf dem 3112 Quadratmeter großen Stand vertreten - mit einer Technologiestudie, die den Weg zum Autonomen Fahren mit Elektromotor aufzeigen soll.

Audi hat sein Engagement schon vor zwei Jahren zusammengestrichen

Wie schon vor zwei Jahren reicht Audi für die Schau ein Teil der VW-Konzernhalle, in der die komplette Markenfamilie der Wolfsburger versammelt ist. Den eigenen, mit aufwendiger Architektur gestalteten Pavillon hatte Audi schon vor zwei Jahren weggespart. Noch weiter hat Audi das Budget dieses Jahr nicht mehr zusammengestrichen - anders als der Wettbewerber BMW, von dem behauptet wird, dass er das Messebudget für die IAA von 25 auf sechs Millionen Euro zusammengestrichen hat. Die eigene Halle, die die Münchener einst belegten, ist jedenfalls Geschichte: Diesen September teilen sich BMW und Mini ihre Halle unter anderem mit den Wettbewerbern Hyundai und Opel.

Welche Dimensionen die Messe noch vor vier Jahren hatte, machen die folgenden Zahlen zum BMW-Stand deutlich, mit denen sich das zuständige Ingenieurbüro bis heute schmückt: Alleine für die Fahrbahn, die BMW auf halber Höhe durch die Messehalle bauen ließ, waren 200 Tonnen Stahl nötig, insgesamt sogar fast 800 Tonnen. Bis zu 50 Kilometer schnell konnte BMW damals seine Messeneuheiten durch die Halle fahren lassen.

BMW sucht andere Plattformen, um seine Produkte an die Kunden zu bringen. Den neuen 1er beispielsweise, der in Frankfurt zwar Messepremiere feiert, haben die Münchener schon im Juni mit großem Aufwand in ihrer BMW-Welt an der Isar präsentiert. Vor zwei Jahren ließ Audi in einem ähnlichen Konzept ganze Hundertschaften von Kunden, Händlern und Pressevertretern aus aller Welt nach Barcelona einfliegen, um den A8 vorzustellen. Auch für den E-Tron gab es einen solchen Audi Summit.

Der VDA setzt gegen diesen Markengipfel-Trend auf noch mehr Diskussionen und Attraktionen wie eine große Oldtimer-Show. Vergleiche mit der Vorgängermesse findet VDA-Sprecher Eckehart Rotter indes nicht fair: "Angesichts der gewaltigen Transformation, in der die Branche sich befindet und die sie vorantreibt, wäre es verkehrt, an die IAA alte Messlatten anzulegen wie beispielsweise die belegten Quadratmeter oder die Zahl der Aussteller." Gleichwohl läuft der Vertrag des VDA mit der Frankfurter Messegesellschaft nach dieser IAA aus, eine neue Übereinkunft gibt es noch nicht.

Noch ist die Messe für die IAA aber nicht gelesen: "Die grundlegenden Diskussionen über den Wandel der Mobilität können Sie nur auf übergreifenden, internationalen Veranstaltungen führen", sagt Rotter, "nicht auf Hausmessen oder Roadshows. Daher gibt es ein sehr großes Interesse der internationalen Fachwelt, der Journalisten und des Publikums."

Umweltorganisationen rufen gemeinsam zu Demonstrationen auf

Und der Autogegner: Im Zeichen der Klimadiskussion formiert sich weit stärkerer Protest als in den Jahren zuvor. Am Pranger stehen neue Protz-Modelle wie der Audi Q7, der BMW X6 oder Porsches Elektro-Bolide Taycan.

Umweltorganisationen rufen gemeinsam zu Demonstrationen gegen die IAA auf. "Betrügerische Autokonzerne feiern dort ihre dicken SUVs und Spritschlucker", heißt es bei ihnen unter anderem. Radikaler gibt sich das Bündnis "Sand im Getriebe", das am ersten Messe-Sonntag auch zu illegalen Mitteln greifen will, um die IAA zu blockieren. VDA-Präsident Bernhard Mattes hat den Kritikern Gespräche angeboten. Während "Sand im Getriebe" gleich abgesagt hat, streiten sich die #aussteigen-Organisatoren mit dem VDA noch über die geeignete Form der Veranstaltung.

Zahlreiche Zulieferer aus der Region kommen auf die Messe

Während viele Autohersteller die IAA dieses Jahr meiden, sind zahlreiche Zulieferer auch aus der Region auf der Messe vertreten. Rheinmetall Automotive (Kolbenschmidt) zeigt Wege auf, Verbrennungsmotoren sauberer zu bekommen. Die Neckarsulmer haben auch ihren E-Bike-Antrieb dabei. Getrag-Getriebe sind inzwischen wie das Unternehmen in den Magna-Stand integriert. Für Bosch ist die Schau nach wie vor ein Pflichttermin, Hornschuch ist über den Mutterkonzern Continental vertreten. Und selbst kleinere Zulieferer wie EBM-Papst sind vertreten - im Fall der Mulfinger über die Tochterfirma in St. Georgen.

 


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