Apple-Mitgründer Wozniak zweifelt am autonomen Auto

Ingolstadt  Technologie-Guru Steve Wozniak spricht bei Audi auf dem Innovationskongress in Ingolstadt und sieht hohe Hürden für Roboter-Fahrzeuge. Der MQ-Kongress sucht nach Lösungen.

Von Manfred Stockburger
Email

Zu welcher Fraktion er gehört, daraus macht Steve Wozniak keinen Hehl: "Ich werde nie wieder eine Tankstelle besuchen", sagt der äußerlich etwas angegraute Turnschuh-Typ auf der Bühne. Sein Elektroauto lädt er an der heimischen Steckdose. Zumindest noch fährt der Apple-Mitgründer nicht Audi, sondern Tesla.

Trotzdem steht er in Ingolstadt auf der Bühne - als Stargast beim Innovationsgipfel MQ des Autoherstellers. "Never stop questioning" lautet das Motto der Veranstaltung, die auf Englisch abläuft. Übersetzt heißt das: Höre niemals auf, alles zu hinterfragen.

Wozniak schwärmt von Elektroautos

Dass Steve "The Woz" Wozniak keinen Audi fährt, mag daran liegen, dass es noch kein reinrassiges E-Fahrzeug mit vier Ringen auf dem Kühler gibt. "Du kannst die Vorteile eines Elektroautos nicht beschreiben", schwärmt er. "Du musst es selbst erfahren." Wenn er daran denkt, dass ein Auto autonom fahren soll - da kommt er ins Grübeln. "Selbstfahrende Züge sind kein Problem. Die fahren auf Schienen."

Aber Autos? "Da gibt es eine Grenze, die wir nur schwer überwinden können: Sie müssen auf Straßen fahren, die von Menschen gebaut sind." Nicht, dass er keinen Bedarf für autonome Fahrzeuge sieht: "Für Kinder oder alte Menschen, die nicht mehr selbst fahren können, ist das gut", sagt der 68-Jährige. Wie aber soll eine Maschine handschriftliche Anweisungen lesen, die ein Polizist auf ein Schild geschrieben hat?

Gruße Fragezeichen bei der künstlichen Intelligenz

Auf der Bühne im größten Veranstaltungssaal der Audi-Zentrale geht Wozniak noch einen Schritt weiter. Künstliche Intelligenz - auf Englisch wird sie AI abgekürzt, sei in Wirklichkeit "Alien Influenza". Zu Deutsch: außerirdische Grippe. Das Gelächter im Publikum ist zurückhaltend - schließlich ist man bei Audi mächtig stolz auf den selbstfahrenden AIcon-Prototyp. Alien Influenza? Wenn The Woz Recht behält, muss Audi die Strategie grundlegend überdenken. Auch andere MQ-Redner, etwa die Roboterexpertin Andra Keay, die ebenfalls aus dem Silicon Valley stammt, oder Larissa Suzuki, die in London zum Thema Smart City forscht, äußern sich skeptisch.

Aber wer weiß? Der technologische Fortschritt ist schließlich rasant. "Als wir Apple gründeten, kostete der Speicher, den man braucht, um einen einzigen Song unterzubringen, ungefähr eine Million Dollar", sagt Wozniak, der anders als Apple-Kollege Steve Jobs nie in die Riege der Multimilliardäre aufstieg.

Bei einem anderen Lieblingsthema des 1950 im Silicon Valley geborenen Technologie-Gurus hat Audi einen passenden Prototypen im Programm, der deutlich seriennäher ist als der AIcon: einen Elektro-Roller.

Elektro-Roller als sinnvolles Mobilitätskonzept

Wozniak outet sich als E-Roller-Fan. "Ich habe den ersten Segway gekauft, den es gab. Weil ich den Erfinder kannte. Kleine Elektro-Scooter sind für ihn "so sinnvoll, weil sie echte Probleme lösen". Nicht einmal besonders schnell müssten sie sein. Und dennoch wären sie perfekt, wenn man etwa eine Stadt erkunden will. "Mit dem Auto ist man schnell, aber sieht nichts. Und zu Fuß dauert es zu lang", sagt er. "Ich bin froh, wenn ich nicht so viel gehen muss." An die Technik können die Autobauer hier einen Haken machen. Bis der kleine Audi-Scooter aber auf die Straße oder auf den Gehweg darf, müssen noch rechtliche Themen geklärt werden.

Wozniak hat keine Angst vor Disruption

Die Welt ändert sich rasant - das wird beim MQ-Summit immer wieder deutlich. Vor den disruptiven Veränderungen, die zurzeit die Autobranche durchschütteln, hat Wozniak aber keine Angst. "Das gab es schon immer. "Als der Hammer erfunden wurde, war das auch disruptiv", sagt er. Immer wieder habe man Angst gehabt, dass Maschinen den Menschen die Arbeitsplätze wegnehmen würden. "Aber schauen Sie sich die Arbeitslosenrate an. So niedrig war sie fast nie."

Wie kann sich ein Unternehmen auf die rasanten Veränderungen einstellen? Darum geht es letztlich bei dem Kongress. Wozniak schlägt einen Chief Disruption Officer vor. Einen Topmanager, der immer das Geschäftsmodell hinterfragt. "Er darf aber nicht dem Vorstandschef unterstellt sein", betont er. "Der CDO muss direkt an den Aufsichtsrat berichten - und am besten siedelt man ihn in einer anderen Stadt an."

Audi-Digitalchef bittet "The Woz" um ein Selfie

Ob der Vortrag eine Bewerbung war für den CDO-Job bei Audi? Immerhin ist er schon zum zweiten Mal beim MQ-Gipfel dabei: Letztes Jahr hat er sich als Tesla-Fahrer geoutet, dieses Mal spricht er in den heiligen Audi-Hallen über seine Vorliebe für BMW-Motorräder. "Apple würde mich heute wohl nicht mehr einstellen", scherzt er. "Die brauchen Leute mit den richtigen Fähigkeiten." Beim Audi-Digitalchef Nils Wollny kommt der Tech-Gigant aber genauso gut an wie beim Publikum. Noch auf der Bühne bittet er The Woz um ein Selfie.


Innovationskongress: Gut 700 Teilnehmer aus aller Welt versammelte Audi beim zweiten MQ-Summit in Ingolstadt, um über künstliche Intelligenz, autonome Autos und Elektromobilität zu diskutieren.

Nicht alle Redner sehen das autonome Fahren so kritisch wie Steve Wozniak. Der Astronaut Ron Garan sieht selbstfahrende Autos als Chance, einen Großteil der tödlichen Unfälle zu verhindern, die momentan pro Jahr weltweit so viele Leben kosten wie München Einwohner hat. „Es ist dich verrückt, dass wir diese Zahl als Preis für unsere Mobilität akzeptieren“, findet Garan. 

In Workshops erarbeiteten die Teilnehmer des zweitägigen Kongresses Antworten auf konkrete Fragestellungen etwa nach der richtigen Ladeinfrastruktur für Stadt und Land.

 

Kommentar hinzufügen